Wenn Menschen mit Behinderung an einer Wursttheke stehen…

Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle zum Thema „Alltag mit Down-Syndrom“ will helfen, Vorurteile abzubauen. Von Petra Albers

Das Leben zählt, nicht die Behinderung: Johanna von Schönfeld, 2013, Ohrenkuss-Ausgabe „Superkräfte“ (Ausschnitt), Copyright: Martin Langhorst (www.lichtbilderlanghorst.de)

Das Leben zählt, nicht die Behinderung: Johanna von Schönfeld, 2013, Ohrenkuss-Ausgabe „Superkräfte“ (Ausschnitt), Copyright: Martin Langhorst (www.lichtbilderlanghorst.de)

Im ersten Raum liegen ein paar Wurstscheiben in einer Vitrine – als Symbol für das Duzen und Siezen. „Menschen mit Down-Syndrom sehen oft jünger aus als sie sind“, erklärt Julia Bertmann. So werde sie beim Einkaufen an der Wursttheke oft gefragt: „Möchtest Du eine Scheibe Wurst?“ Die 35-Jährige antwortet dann: „Nein, Danke. Sie können mich ruhig siezen.“ Die Ausstellung „Touchdown“ in der Bonner Bundeskunsthalle gibt bis zum 12. März 2017 Einblicke in das Leben von Menschen mit Down-Syndrom.

Fotos, Tonaufnahmen und Wandtafeln spiegeln ihren Alltag wider – etwa in Sachen Liebe, Arbeit und Familie. Die Exponate und Texte zeigen aber auch, dass Menschen mit Trisomie 21 häufig Vorurteilen begegnen. „Mich stört: Das Aussehen von Down-Syndrom. Weil mich einer anstarrt. (…) Die denken, dass ich doof bin“, schildert eine junge Frau.

„Menschen mit Behinderungen stoßen in Schule, Arbeitswelt und Gesellschaft noch immer auf Barrieren“, sagt auch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, bei der ein Begleitbuch zur Ausstellung erscheint. „Trotz der UN-Behindertenrechtskonvention hat Deutschland hier noch erheblichen Nachholbedarf.“

Sechs Porträts von Menschen mit Down-Syndrom (von links oben nach rechts unten): Michael Häger, Jeanne-Marie Mohn, Jule Müller, Susanne Kümpel, Achim Priester, Marc Lohmann (Foto: Britt Schilling)

Sechs Porträts von Menschen mit Down-Syndrom (von links oben nach rechts unten): Michael Häger, Jeanne-Marie Mohn, Jule Müller, Susanne Kümpel, Achim Priester, Marc Lohmann (Foto: Britt Schilling)

Figur eines Kindes: Kultur der Olmeken, Zentral- oder Westmexiko 1400–1200 v.Chr., Keramik. Sammlung Paul und DoraJanssen-Arts, Leihgabe der Flämischen Gemeinde (Foto: Museum aan de Stroom, Antwerpen, Belgien/H. Maertens)

Figur eines Kindes: Kultur der Olmeken, Zentral- oder Westmexiko 1400–1200 v.Chr., Keramik. Sammlung Paul und DoraJanssen-Arts, Leihgabe der Flämischen Gemeinde (Foto: Museum aan de Stroom, Antwerpen, Belgien/H. Maertens)

Die Ausstellung dokumentiert auch den Stand der wissenschaftlichen Forschung und die geschichtliche Entwicklung zum Thema Down-Syndrom. Ein großer Wandteppich, Modelle und der Blick durch ein Mikroskop veranschaulichen die genetische Besonderheit, die zu dem Syndrom führt: Dass nämlich in jeder Zelle 47 statt 46 Chromosomen vorhanden sind. Die Möglichkeiten der vorgeburtliche Diagnostik, bei der die Wahrscheinlichkeit für ein Baby mit Down-Syndrom ermittelt wird, werden in der Ausstellung neutral geschildert.

Die Zeit des Nationalsozialismus

Ein Kapitel widmet sich ausführlich dem englischen Arzt John Langdon Down, der 1866 als Erster das Down-Syndrom beschrieb. Seinen Forschungen gegenübergestellt werden Fotos und Abhandlungen anderer Mediziner aus dem 19. Jahrhundert, die ein recht abschreckendes Bild von Menschen mit Down-Syndrom zeigten. In einem halbdunklen Raum mit beklemmender Atmosphäre geht es um die Zeit des Nationalsozialismus, als Kranke und Behinderte systematisch ermordet wurden.

Die in ihrer Art einzigartige Ausstellung soll nach Angaben der Veranstalter einen Beitrag zur Debatte um gesellschaftliche Vielfalt leisten. An dem von der Uni Bonn wissenschaftlich begleiteten Projekt haben unter anderem Autoren vom „Ohrenkuss“ – einer Zeitschrift von Menschen mit Down-Syndrom – mitgearbeitet, Gründerin Katja de Bragança gehört zum Kuratorenteam. „Es ist keine Inklusionsausstellung, sondern viel mehr als das“, betont der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs. Er hoffe, dass sie zum Abbau von Vorurteilen beitragen könne.

Touchdown

  • Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn
  • Öffnungszeiten: 29. Oktober 2016 – 12. März 2017, Dienstag und Mittwoch 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr; Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro.
  • Am Eröffnungs-Wochenende am Samstag/Sonntag, 29./30. Oktober 2016, zahlreiche Veranstaltungen zum Thema mit Sängern, Schauspielern, Tänzern, Künstlern, Bloggern und Sportler
  • Webseite: Bundeskunsthalle
  • Begleitbuch zur Ausstellung: „Touchdown. Die Geschichte des Down-Syndroms“, herausgegeben von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Verlag der Bundeszentrale für politische Bildung, ISBN 978-3-8389-7147-6, 7 Euro

(RP/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN