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Wenn neun Jungs mit Helfersyndrom die Bühne rocken

(Foto: henhouse music)

Wohl kaum eine andere deutsche Band verbindet seit Jahren so engagiert Musik mit sozialem Engagement wie Irie Révoltés. Nicht ihr einziges, aber wichtigstes Projekt ist „Rollis für Afrika“.

Mainstream ist das nicht, was sie da machen. Weder in ihren Life-Acts noch in ihrem Bürgerverhalten. Ihre Musik passt in keine Schublade: Sie ist multi-kulti, sie singen Deutsch und Französisch, ihre Lieder sind politisch, antifaschistisch, sozialkritisch und eine Mischung aus Reggae, Dancehall, Ska, Punk und Hip Hop.

Glückliche Aufständische

Der Name der Band ist ein Kunstbegriff, der sich aus der jamaikanischen „Irie“ („positiv, glücklich, frei“) und dem Französischen „Révoltés“ (Aufständische) bezeichnet. Im Jahr 2000 gegründet, rocken Irie Révoltés jetzt schon seit elf Jahren die Bühne. Mit Auftritten in Clubs, auf Festivals und Benefizveranstaltungen haben sie sich den Ruf einer „Live-Band“ erarbeitet. Zuletzt erschien ihre Single „Travailler“. Und ganz pfälzisch-patriotisch bezeichnen sie sich immer noch als Heidelberger Band, obwohl fünf von ihnen mittlerweile in Berlin leben.

Irie Révoltés wollen nicht nur unterhalten, sondern Haltung zeigen, Denkanstöße geben und Taten realisieren. Die Bandbreite ihres sozialen Engagements ist ungewöhnlich breit – sie unterstützten bisher Aktionen gegen Rassismus, für sauberes Trinkwasser in armen Ländern und für Bildungschancen in Deutschland. Während das teilweise zeitlich begrenzte Engagements waren, läuft ihr wichtigstes Anliegen bereits seit 2003: „Rollis für Afrika“.

Für ein menschenwürdigeres Leben

Angestoßen wurde das Projekt durch den Irie Révoltés-Sänger Mal Eleve, dessen Freund Estevan, der im Senegal geboren wurde, aufgrund einer fortschreitenden Muskelerkrankung in einem E-Rollstuhl sitzt. Estevan empfand das als großes Privileg – im Vergleich zu den Menschen in seiner Heimat. Ziel wurde es nun, Betroffenen, „welche nicht rein zufällig in den reicheren Ländern der Welt leben, ein einigermaßen, selbstbestimmteres und menschenwürdigeres Leben mit Handicap zu ermöglichen.“ Kurzentschlossen entschied sich die Band: „Jede/r, die/der ein Rollstuhl und eine Gehilfe mit auf ein Irie Konzert bringt, zahlt keinen Eintritt.“

Die Band schreibt auf ihrer Homepage: „Mittlerweile ist das Projekt ein großer Verein mit vielen aktiven Leuten, der sich zum Ziel setzt, Behinderteneinrichtungen und Einrichtungen für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, logistisch zu unterstützen. Neben der Grundversorgung mit Hilfsmitteln ist die Rehabilitation von behinderten Menschen das oberste Ziel des Vereins. Rollis für Afrika macht sich dafür stark, dass Behinderte nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Der Verein versucht zur Gleichstellung und Selbstbestimmung von Behinderten beizutragen, um es ihnen zu ermöglichen, am gesellschaftlichen Alltag und am Arbeitsleben teilzunehmen. Um seine hochgesteckten Ziele umzusetzen zu können, sammelt der Verein Hilfsmittel wie Rollstühle oder Gehhilfen, die nicht mehr benötigt werden. Dabei setzt Rollis für Afrika an einem Missstand an, der in Deutschland leider trauriger Alltag ist: In der Bundesrepublik wird gebrauchtes Hilfsmaterial, das oft noch in einwandfreien Zustand ist, meistens ausrangiert und entsorgt.“

Jährlich werden 250 bis 300 Rollstühle nach Afrika geschickt

Mindestens einen Container pro Jahr wollen die Band und der Verein nach Afrika schicken. Ist es in Deutschland schwierig, dafür Rollstühle oder ähnliches zu bekommen? „Geht eigentlich!“ zeigen sich die Initiatoren optimistisch. In einem Interview mit dem Magazin „Reggae in Berlin“ sagt Irie Révoltés: „Bei Krücken kommen viele individuelle Spenden. Von Leuten, die mal den Fuß gebrochen hatten und bei denen die Krücken nun in der Ecke stehen. Rollstühle bekommen wir regelmäßig in relativ großer Stückzahl von Reha- und Orthopädie-Firmen, die Rollstühle nicht mehr verkaufen dürfen, weil diese minimale Fehler haben. Die freuen sich natürlich, wenn sie eine Spendenquittung bekommen, und wir freuen uns, dass wir wieder Rollstühle für den Container haben. Da bekommen wir jedes Jahr ohne große Probleme einen Container mit 250 bis 300 Rollstühlen voll. Mittlerweile hat sich vor allem in Süddeutschland ein gutes Netzwerk gebildet, so dass wir nicht mehr so stark in die Werbung gehen müssen. Es ist natürlich krass zu wissen, dass das, was wir bekommen, nur ein Bruchteil von dem ist, was in Deutschland wirklich weggeschmissen wird. Wenn unsere Kapazitäten nicht begrenzt wären, könnte man sicher einige tausend Rollis pro Jahr verschiffen!“

Weitere Infos

Webseite von Irie Revoltés
Rollis für Afrika

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