Wer will schon ein Pflegekind mit Down-Snydrom?

Die Familie Fliegauf aus Deggenhausen! Sie entschied sich ganz bewusst für ein Mädchen, das in keinem Versandhauskatalog zu finden ist. Ein Beispiel, das Schule machen sollte.

Karin und Markus Fliegauf aus Deggenhausen haben ein Kind mit Behinderung in ihre Familie aufgenommen. (Foto: St. Gallus-Hilfe.)

Karin und Markus Fliegauf aus Deggenhausen haben ein Kind mit Behinderung in ihre Familie aufgenommen. (Foto: St. Gallus-Hilfe.)

Bei Familie Fliegauf in Deggenhausen (Baden-Württemberg) ist immer etwas los. Hier wird gespielt, gemalt, gesungen und nach Herzenslust herumgetobt. Vor zehn Monaten haben die drei Kinder zwischen drei und sieben Jahren eine Pflegeschwester bekommen. Die vierjährige Annika (alle Kindernamen von der Redaktion geändert) hat das Down-Syndrom und wurde vom Betreuten Wohnen in Familien der St. Gallus-Hilfe, einer Gesellschaft der Stiftung Liebenau, vermittelt.

„Bereits nach zwei Tagen war Annika die kleine Schwester von Luisa, Leander und Samuel“, erzählt Karin Fliegauf. Allerdings wurde der Umzug zur Pflegefamilie gut vorbereitet. „Wir haben die Kleine ein paar Mal besucht, bevor sie zu uns kam.“ Nun gehen die Fliegaufs davon aus, dass Annika in ihrer Familie aufwachsen kann. Vom Alter her ist das Mädchen mit seinen vier Jahren zwar genau zwischen den drei eigenen Kindern. Ihr Entwicklungsstand entspricht aber eher dem eines Kleinkinds, das heißt, sie läuft noch nicht selbstständig und spricht noch nicht. „Physiotherapie und Logopädie unterstützen den Entwicklungsprozess“, erklärt Gerhard Rechtsteiner, der die Familie von Seiten des Betreuten Wohnens in Familien unterstützt.

Orientierung an den Geschwistern

Gut tut dem Mädchen der ständige Kontakt mit ihren drei neuen Geschwistern. „Sie ist einfach immer dabei und orientiert sich an ihnen“, sagt Familienvater Markus Fliegauf, der Annika ebenfalls ins Herz geschlossen hat. Vormittags besucht das Mädchen die integrative Gruppe eines Camphill-Kindergartens, nachmittags ist die Pflegemutter für sie da. Aus beruflichen Gründen kommt Annikas leibliche Mutter, die nach wie vor das elterliche Sorgerecht hat, im Moment nur einmal im Monat zu Besuch nach Deggenhausen. „Uns verbindet, dass wir beide das Wohl des Kindes im Blick haben und wollen, dass es bestmöglich durchs Leben kommt“, sagt Karin Fliegauf.

Familie braucht Ressourcen

Im Vorfeld hat sich die Familie reiflich überlegt, ob sie ein Pflegekind mit Behinderung aufnehmen möchte. Erfahrungen sammelte sie mit der kurzzeitigen Aufnahme eines Kindes im Zusammenhang mit der Notfallpflege. „Da haben wir festgestellt, dass wir das als Familie leisten können“, so Markus Fliegauf, der ebenso wie seine Frau einen Pflegekurs beim Jugendamt absolviert hat.

Sehr förderlich ist, dass Karin Fliegauf Berufserfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung hat. „Das ist aber nicht Voraussetzung“, fügt Gerhard Rechtsteiner an. Vielmehr schaue man nach den Ressourcen, die eine Familie mitbringe. Dazu gehöre auch, wie sie im Ort eingebunden sei, so dass im Notfall auch mal jemand zur Seite stehen könne.

Alternative zur Berufstätigkeit

Die Familie und der Freundeskreis des Ehepaars haben den neuen Familiennachwuchs schnell akzeptiert. „Nach ein paar Tagen hatte Annika weitere Omas und Opas, Onkel und Tanten. Es ist völlig normal, dass sie immer mit dabei ist“, erzählt Karin Fliegauf.

Die Aufnahme des Pflegekindes ist für die jetzt vierfache Mutter im Moment auch eine Alternative zur Berufstätigkeit. „Ich habe immer gern gearbeitet, aber im Moment ist es für die ganze Familie entspannter, wenn ich zu Hause bin.“ Die Aufnahme von Annika sei für sie eines der sinnvollsten Dinge, die sie je gemacht habe.

Gelungene Inklusion

Mit Gerhard Rechtsteiner stehen die Fliegaufs in regelmäßigem Kontakt. „Es ist toll, dass wir in ihm einen Ansprechpartner für alle Fragen haben, die Annika betreffen“, so Markus Fliegauf. Dabei orientiert sich der Kontakt nach dem Bedarf und an den Fragen, die sich im Alltag stellen. Für Gerhard Rechtsteiner ist die Vermittlung von Annika in die Pflegefamilie ein schönes Bild von gelungener Inklusion. „Das ist einfach die beste Art des Aufwachsens mit viel Nähe und Bindung.“

Dieses Beispiel beeindruckt Sie? Das Betreute Wohnen in Familien der St. Gallus-Hilfe sucht für Kinder und Jugendliche mit Behinderung laufend nach geeigneten Pflegefamilien. Sie werden vom Fachdienst ausgewählt und für ihre anspruchsvolle Tätigkeit vorbereitet. Sie erhalten bei allen Fragen sowohl während der Vermittlung als auch während der gesamten Pflegezeit von den Mitarbeitern des Fachdienstes Begleitung.
Kontakt: Betreutes Wohnen in Familien, Region Bodensee-Oberschwaben, Friedhofstraße 11, 88212 Ravensburg, Telefon 0751/977123-103, E-Mail: [email protected]

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Virtual server

    Tim mit seiner Pflegemutter Simone Guido. Er ist ein Uberlebenskunstler. Sie sagt, dass viele von ihm lernen konnen, worauf es wirklich ankommt

    16. Oktober 2016 at 12:14

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