WfbM im Osten – ein Überblick

Wie die aktuelle Situation von Werkstätten für behinderte Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist.

Protestaktion der Landesarbeitsgemeinschaft WfbM Sachsen-Anhalt gegen Sozialabbau (Foto: Bodelschwingh Haus)

Sachsen: Schlusslicht beim Arbeitsentgelt

Wappen SachsenDerzeit sind in sächsischen Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) 16.430 Frauen und Männer tätig, sagte der Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen in Sachsen, Andreas Heinz, in Chemnitz der Nachrichtenagentur dapd. Grund für die steigenden Beschäftigtenzahlen sei die Altersstruktur der Betroffenen, so der Geschäftsführer: „Es gibt im Moment kaum Altersabgänge aus Werkstätten.“

In Sachsen (4,14 Mio. Einwohner, Hauptstadt: Dresden) werden die Werkstätten den Angaben zufolge von 60 Trägern betrieben. „Die Werkstatt hat dafür Sorge zu tragen, die behinderten Menschen aus ihrem Einzugsgebiet, die die Aufnahmevoraussetzungen erfüllen, aufzunehmen“, erklärte Heinz.

Wenn die Kapazitäten dafür nicht ausreichten, müsse sich die Werkstatt in Absprache mit den Kostenträgern darum bemühen, ihre Aufnahmefähigkeit zu erhöhen, sagte er. Im Unterschied zum herkömmlichen Arbeitsmarkt könnten die Werkstätten jedoch Einstellungen nicht einfach vornehmen. Zuvor müsse stets die Zusage eines Kostenträgers eingeholt werden.

Generell stehen die Werkstätten laut Gesetz allen Behinderten unabhängig von der Art und der Schwere ihrer Behinderung „offen“. Einzige Voraussetzung sei, dass sie nach der Teilnahme an einer Berufsbildung voraussichtlich „wenigstens ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung erbringen werden“.

Die Beschäftigten in den Werkstätten arbeiten mindestens 35 und höchsten 40 Stunden in der Woche. Dafür steht ihnen laut Gesetz ein Arbeitsentgelt zu. In Sachsen betrug dies im Jahr 2010 im Durchschnitt rund 120 Euro und war im bundesdeutschen Vergleich am niedrigsten. Das durchschnittliche Entgelt lag in der Bundesrepublik bei knapp 180 Euro.

Sachsen-Anhalt: Fachkräftemangel befürchtet

Wappen-Sachsen-AnhaltDie WfBM in Sachsen-Anhalt (2,31 Mio. Einwohner, Hauptstadt: Magdeburg) befürchten für die kommenden Jahre einen Fachkräftemangel bei Betreuern. Die Zuwendungen für die Träger der Einrichtungen seien seit 2010 nicht mehr erhöht worden, kritisierte der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der WfBM, Ernst-Christoph Römer. Statt dessen gebe es bei den Verhandlungen eine Verzögerungstaktik seitens des Landes.

In Sachsen-Anhalt gibt es 33 Werkstätten mit rund 1.500 Betreuern für 11.000 Behinderte. Zu den Angeboten gehören – wie bundesweit bei vielen anderen WfbM – Landschaftspflege, Wäscherei, Korbflechterei, Montage, Buchbinderei und Metallbearbeitung. 500 Menschen sind so schwer behindert, dass sie eine besonders umfangreiche Förderung erhalten

Die wichtigsten Betreiber sind die Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Caritas, Diakonie und das Deutschen Rote Kreuz.

Eine Reihe dieser Träger musste laut Römer bereits außertarifliche Vereinbarungen mit den betreuenden Mitarbeitern abschließen. Zudem müssten sie teilweise ihre Rücklagen, die unter anderem für Investitionen gebildet wurden, angreifen, um die Zahlung der Gehälter überhaupt abzusichern. Römer rechnet damit, dass immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte „ihren Hut nehmen“ und sich eine neue Arbeit auch in westlichen Bundesländern suchen.

Er nannte es „unerträglich“, wenn bei der Verhandlung des längst überfälligen Rahmenvertrages keine Bewegung erkennbar sei. Annähernd 400 Schiedsgerichtsverfahren sollten endlich für Aufmerksamkeit im Land sorgen. Bisher mussten rund fünf Millionen Euro an Gerichtskosten aufgebracht werden.

Römer beklagte, dass die Interessen der behinderten Menschen auf der Strecke blieben. Ihre Betreuung und ihre Eingliederung in die Gesellschaft stünden auf der Kippe. Die guten Ergebnisse der vergangenen 20 Jahre drohten verloren zu gehen, wenn nicht endlich die Betreuung der Behinderten wieder auf eine solide Basis gestellt werde.

Auftragslage ist „durchaus gut“

Der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft schätzt die Auftragslage in den Werkstätten als „durchaus gut“ ein. Es gebe ausreichend Arbeit.

Die Lebenshilfe-Werkstatt Altmark West in Gardelegen berichtet von einer zunehmenden Zahl von Kündigungen durch Mitarbeiter. Diese fänden durch ihre gute Qualifikation fast problemlos einen neuen Job, erklärte Geschäftsführer Hans-Peter Haase – eine beachtliche Aussage. Die Einrichtung habe bereits vor zehn Jahren eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen. Damit würden Löhne gezahlt, die etwa 15 Prozent unter denen im öffentlichen Bereich lägen.

„Wenn uns jemand nur deshalb verlässt, muss das endlich ein Alarmzeichen für das Land sein“, sagte Haase. Die Situation werde sich in den nächsten Jahren deutlich verschärfen, wenn beschäftigte Betreuer das Rentenalter erreichten oder Vorruhestandsregelungen nutzten.

Die Wolfener Werkstätten werden vom Diakonieverein Bitterfeld – Wolfen – Gräfenhainichen betrieben. Vorstand Lucie Zschiegner kritisierte die mangelhafte Refinanzierung der Arbeit. Fast zwei Jahre dauernde Verhandlungen ließen sie am Willen zur Lösung des Problems zweifeln.

Zwar zahle die Diakonie Tariflöhne, doch die Belastungsgrenze rücke näher. „Wir wollen nicht als Bittsteller auftreten“, sagte Zschiegner. Die Blockadehaltung des Landes müsse aufhören.

Thüringen: Zahl der Beschäftigten stagniert

Wappen ThüringenIn Thüringen (2,22 Mio. Einwohner, Hauptstadt: Erfurt) arbeiten etwa 10.000 Menschen mit Behinderung in WfbM. Sie sind auf 32 Einrichtungen im Land verteilt, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Erfurt sagte. Die Zahl der Beschäftigten in Behindertenwerkstätten sei lange Zeit rapide gewachsen, habe jedoch in den vergangenen Jahren stagniert.

Vor 20 Jahren habe es kaum derartige Werkstätten gegeben, so der Geschäftsführer der Eichsfelder Werkstätten in Heiligenstadt, Benno Pickel. In den 1990er Jahren sei das Angebot massiv ausgebaut worden. Anders als in Sachsen gibt es in Thüringen Altersabgänge: „Bis vor kurzem hatten wir davon ganz wenige“, sagte Pickel. Etwa seit zwei Jahren gingen jedoch regelmäßig so viele Betroffene in Rente wie Neue beginnen.

In Thüringen gibt es nach Angaben des Statistischen Landesamts etwa 192.000 Menschen mit einer schweren Behinderung, mehr als die Hälfte davon ist älter als 65 Jahre. Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung, denen Einkommensunfähigkeit attestiert wurde, haben ein Recht auf einen Platz in einer solchen Werkstatt.

Werkstätten sind keine Konkurrenz zur Privatwirtschaft

In den Eichsfelder Werkstätten, die von der Caritas betrieben werden, arbeiten derzeit 368 Menschen mit Behinderung. Auf zwölf Behinderte muss mindestens ein Betreuer kommen. Neben Montagearbeiten bieten die Werkstätten auch Dienstleistungen wie Grünanlagenbetreuung, Wäschereiservice oder eine Küche, die etwa Kindertagesstätten versorgt. Das Besondere in Eichsfeld ist eine Glasbläserei, die unter anderem Schmuck fertigt.

Eine wirkliche Konkurrenz zu privaten Unternehmen seien die Werkstätten nicht, da sie teurer seien, sagte Pickel. „Eben wurde uns ein Auftrag für Grünanlagenbetreuung weggeschnappt, weil ein anderer Anbieter günstiger war.“ Im Durchschnitt seien die Werkstätten etwa 15 Prozent teurer als andere Betriebe.

70 Prozent der Gesamteinnahmen müssen in Eichsfeld als Lohn an die Beschäftigten gehen. Mitarbeiter verdienten daher zwischen 100 und 480 Euro pro Monat. Wenn die Menschen mit Behinderung in einer normalen Wohnung wohnen, dürfen sie das Geld ohne Abzüge behalten.

Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Diakonie sind für knapp die Hälfte aller Menschen in Behindertenwerkstätten zuständig. Sprecher der Verbände befürchteten, dass Werkstätten wegen des Kostendrucks geschlossen werden könnten.

Unter dem Deckmantel des Schlagworts „Inklusion“ sollten Behinderte in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, sagte ein Sprecher der Diakonie. Das sei jedoch viel teurer, als eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen zu betreiben, und funktioniere in den meisten Fällen nicht. ROLLINGPLANET lässt das so mal stehen – obwohl wir, wie aus unseren bisherigen Berichten ersichtlich, WfbM auch kritisch sehen.

(Sven Eichstädt/Klaus-Peter Voigt/Michael Stürzenhofecker/dapd)


Bundesweite Infos (Februar 2012): Das sind die neuesten Fakten zu Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM)


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