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Wie Angela Merkel das Konzept von Mehrgenerationenhäusern entdeckt

Jung mit Alt – die Bundeskanzlerin besuchte heute alternative Wohnprojekte und sagte: „Ich habe mich sehr wohl gefühlt“. Geblieben ist sie dann aber doch nicht. Von Jens Albes und Klaus Tscharnke

Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte) besucht das Mehrgenerationenhaus "WohnArt" in Bad Kreuznach. Daneben stehen der Architekt Gustav Kannwischer (r) und die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner (hinten 2.v.l.).  (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte) besucht das Mehrgenerationenhaus „WohnArt“ in Bad Kreuznach. Daneben stehen der Architekt Gustav Kannwischer (r) und die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner (hinten 2.v.l.). (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wissen wir, dass sie gerne Themen an sich reißt, die momentan populär sind – was, wie in diesem Fall, so schlecht nicht sein muss.

Als Malu Dreyer (SPD) im Februar rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin wurde, kündigte sie eine Vision an: Irgendwann solle in jedem Dorf, in jeder Kommune ein für Alte und Behinderte geeignetes Wohnprojekt vorhanden sein, sollen junge und alte Menschen gemeinsam leben.

Keine schlechte Idee, denkt nur wenige Wochen später auch Merkel – und macht sich auf den Weg. ROLLINGPLANET soll es nur recht sein – das Konzept für Mehrgenerationshäuser verdient es, parteiübergreifend beworben zu werden.

Zwei Stippvisiten an einem Tag

Als die Bundeskanzlerin am Montag vor dem Mehrgenerationenprojekt „WohnArt“ in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) eintrifft, stehen die Bewohner der beiden mehrstöckigen Gebäude in den Laubengängen vor ihren Wohnungen. Der Besuch ist Teil einer Reise der Kanzlerin zum Thema „Zusammenhalt im demografischen Wandel“ (ROLLINGPLANET berichtete: Wenn Angie klingelt: Wir kaufen nichts).

„Es ist eine Auszeichnung. Wir freuen uns aufrichtig, dass uns die Bundeskanzlerin besucht“, sagt die 67-jährige Brigitte Rieper. Ihre siebenjährige Enkelin Emilia hat bei einem Besuch beobachtet, wie hoch die Sicherheitsstufe ist: „Die Polizei hat vorher überall mit Hunden geguckt, ob es keine Bomben gab.“

Die Kanzlerin fühlt sich sehr wohl

Im dunkelblauen Mantel begrüßt Merkel in Bad Kreuznach die Bewohner. Als hinter ihr die Kinder der gegenüberliegenden Kita „Hallo“ rufen, dreht sie sich um und streckt ihnen durch einen Metallzaun die Hand entgegen. Dann lässt sie sich vom Architekten Gustav Kannwischer das Mehrgenerationenprojekt erklären, besucht zwei Wohnungen und einen Gemeinschaftsraum.

Das Genossenschaftsprojekt mit 32 Menschen in 21 barrierefreien Wohnungen ist in einem ehemaligen Wohngebiet für US-Soldaten entstanden. Merkel lobt, dass hier Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, und betont: „Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt.“

Der Andrang war groß: Merkel (Mitte) spricht sicht nach ihrem Besuch bei "WohnArt"  für  Mehrgenerationenhäuseaus (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Der Andrang war groß: Merkel (Mitte) spricht sicht nach ihrem Besuch bei „WohnArt“ für Mehrgenerationenhäuseaus (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Begegnung mit der Strickliesel

Lange in Bad Kreuznach geblieben ist Merkel aber dann doch nicht. Nur wenige Stunden später ist sie bereits in Langenfeld im bayerischen Mittelfranken. Und dort zeigt sich der neunjährige Leon bei der Stippvisite der Kanzlerin ohne Angst vor der prominenten Politikerin. Ob sie denn auch mal mit seiner Strickliesel arbeiten wolle, fragt der Junge den hohen Besuch aus Berlin. Er zeige es ihr gerne mal. Merkel lässt sich nicht zweimal bitten und bereitwillig erklären, wie aus mehreren Knäuel Wolle eine bunte Wollwurst wird.

Leon nimmt in dem Mehrgenerationenhaus an einem Kinder-Strickkurs teil. Unter der Anleitung der Endfünfzigerin Brigitte Grum lernt er Stricken und Häkeln – und demonstriert damit in den Augen der Kanzlerin gelebten Zusammenhalt zwischen Jung und Alt.

Junge und Alte profitieren voneinander

Jung und Alt unter einem Dach – das ist auch das Konzept des Mehrgenerationen-Projekts „Dorflinde“ in der 1000-Einwohner-Gemeinde Langenfeld. Der Kinder-Strickkurs ist nur eines von vielen Angeboten, bei denen Ältere ihr Wissen und ihre Erfahrung an Jüngere weitergeben, Jüngere wiederum Älteren und Behinderten unterstützend zur Seite stehen.

So gehört zu Merkels Aufenthalt in dem fränkischen Mehrgenerationenhaus auch ein Abstecher ins hauseigene Internet-Café. In einem hellen und freundlichen Raum direkt neben dem Eingang sind mehrere Laptops aufgeklappt.

Merkel: “Für mich war das ganz neu“

Dahinter sitzen mehrere ältere Herren und blicken gespannt auf den Bildschirm. Hinter ihnen stehen drei Schüler, die ihnen bei der Recherche im Internet helfen. Sie geben den Rentnern Tipps, wie sie bei der Suche nach brauchbaren Infos für den geplanten Kurzurlaub am schnellsten ans Ziel kommen.

Die Jugendlichen sind Teilnehmer des Projekts „Soziales Schuljahr“. Mehrere Stunden in der Woche engagieren sie sich im örtlichen Mehrgenerationenhaus. Merkel zeigt sich gerade davon besonders beeindruckt: „Für mich war das ganz neu.“ Sie finde es gut, dass die jungen Menschen auf diese Weise gleich lernten, ein Stück soziale Verantwortung für Ältere zu übernehmen.

(RP/dpa)

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