Wie auch Menschen mit MS und Diabetes von Big Data profitieren sollen

Die Digitalisierung der Medizin gilt als riesiger Markt der Zukunft – doch wie sieht es um den Datenschutz aus? Von Nadine Murphy und Johannes Haller

Eine App, die Daten eines Fitnessarmbandes anzeigt und auswertet – und das ist so gut wie sicher erst der Anfang. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Eine App, die Daten eines Fitnessarmbandes anzeigt und auswertet – und das ist so gut wie sicher erst der Anfang. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Das digitale Zeitalter hält schrittweise auch in der Medizin Einzug. Krankenhausbetreiber loben Wettbewerbe für die schlauesten Ideen von IT-Start-ups aus. Es geht um mobile Patientenüberwachung, um digitale Helfer bei der Physiotherapie oder zur schnellen Information über Medikamente. Den größten Nutzen für Diagnosen und Therapien dürfte dem Gesundheitswesen Big Data bringen – die Auswertung von Millionen von Patientenakten und Daten aus Krankenhäusern, verknüpft mit den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Doch der Patienten- und Datenschutz macht vielen Akteuren nach wie vor Sorgen und bremst das Vorankommen. Die Entwicklung steht noch ganz am Anfang.

Dabei gilt Experten die Digitalisierung im Gesundheitswesen als gigantischer Zukunftsmarkt. Im Moment zeichnet er sich im Vergleich zum gesamten Gesundheitsmarkt durch zahlreiche neue Projekte und hohe Wachstumsraten aus. Allerdings ist das Volumen im Vergleich zum angestammten Gesundheitsmarkt bisher vergleichsweise gering.

Auf der Suche nach der höchsten Rendite

Dem Beratungsunternehmen IMS Health zufolge könnten die zehn größten Pharmakonzerne mit der Digitalisierung jeweils bis zu einer Milliarde US-Dollar (880 Mio Euro) an Wertzuwachs erzielen. Jedoch analysiert das Beratungsunternehmen Bain & Company, den meisten Unternehmen fehle es noch an einer klaren Strategie. „Ziel ist, diejenigen Bereiche zu identifizieren, die den Unternehmen die höchste Rendite bei niedrigsten Kosten und Risiken liefern“, wird Michael Kunst von Bain & Company in einer aktuellen Studie zitiert.

Um am Trend zur Digitalisierung teilzuhaben, gehen Pharmaunternehmen und Klinikbetreiber gern Kooperationen mit Datenanalysten und Tech-Konzernen ein. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis etwa tüftelt mit der Google-Mutter Alphabet an Kontaktlinsen für Menschen mit Diabetes, die den Blutzuckerspiegel über die Tränenflüssigkeit messen. Damit fiele der „Piekser“ weg, mit dem Patienten regelmäßig den Zuckergehalt im Blut messen.

Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck bietet ein Gerät für Multiple-Sklerose-Patienten an, mit dem sich diese ein Medikament spritzen, diese Gabe digital abspeichern und ihrem Arzt zeigen können. Beim Dialysespezialisten Fresenius Medical Care greifen Mediziner eines US-Ärztenetzwerks per Smartphone-App auf Patientendaten zu. Die Informationen zur Diagnose, Medikamentengabe sowie etwa Notizen für die Übergabe an die Nachtschicht lassen sich von jedem der Ärzte abrufen.

Vorsichtig, aber entschlossen

Auch Bayer ist auf dem Gebiet seit Jahren aktiv. Die Leverkusener setzen dabei vor allem auf Partnerschaften und ein globales Netzwerk mit Start-ups. So will sich der Konzern das Know-how sichern und die technologischen Möglichkeiten für die eigene Forschung, Produktion und auch Kommunikation mit Kunden ausloten. Für Multiple-Sklerose-Patienten bietet Bayer seit Anfang des Jahres etwa in Deutschland eine App zum Management der Injektionen. Dabei ist ein Austausch der Daten mit den behandelnden Ärzten möglich. Das soll die Behandlung für die Patienten einfacher und sicherer machen.

Das Management der Pharma-Konzerne wolle sich nicht „im digitalen Dschungel“ verirren, sagt Berater Kunst. Daher sind viele Unternehmen noch vorsichtig. Die Fresenius-Krankenhaustochter Helios bietet eine Plattform, auf der sich Gründer aus der IT-Branche mit Ideen melden können. Dazu gehören zum Beispiel Apps zur Aufklärung über Krankheiten oder digitale Hilfen für die Betreuung Pflegebedürftiger. Helios bietet den Zugang zu Patienten und zu Klinikmitarbeitern. Der Krankenhausbetreiber Rhön-Klinikum geht einen Schritt weiter und holt sich den IBM-Supercomputer Watson ins Haus. Am Uniklinikum Gießen-Marburg sollen die Akten von 500 Patienten mit seltenen Erkrankungen eingelesen und analysiert werden.

Datenflut: Was kommt da auf uns zu?

Daten gibt es reichlich, sie könnten in vielen Fällen Hilfestellung geben für die richtige Diagnose und Therapie. Dass ihre Auswertung in Deutschland trotzdem erst verhalten zum Einsatz kommt, liegt einerseits an der Schwierigkeit, die Datenflut in einem System zu ordnen. Ein anderer schwerwiegender Grund ist die Sorge um die Sicherheit. Ärzte kritisieren Datenlecks. Datenschützer warnen vor dem Missbrauch von Gesundheitsdaten. Niemand will, dass Versicherungen und Krankenkassen Informationen haben, die Nachteile bringen könnten.

Befürworter kritisieren, dass somit die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen – neben Verbesserungen in Diagnose und Therapie auch Kosteneinsparungen – ausgebremst würden. Die Bemühungen der Politik um eine digitale Gesundheitskarte mit allen relevanten Daten ziehen sich hin.

Als Kompromiss schlug Hasso Plattner, Mitgründer des Softwarekonzerns SAP, kürzlich im „Handelsblatt“ ein Pilotsystem vor. Darin könnten die Daten Freiwilliger erfasst werden. „Jeder Arztbesuch, jede Laboruntersuchung, jede Computertomografie. Und dann schaut man mal, was man damit alles machen kann.“

(dpa)

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