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Wie behindertengerecht ist Hessen?

Schmale Türen, Treppen, Kopfsteinpflaster – der barrierefreie Zugang zu öffentlichen Gebäuden ist zwar gesetzlich vorgeschrieben. Aber in Hessen ist der Alltag für behinderte Menschen nach wie vor voll unüberwindbarer Hindernisse. Von Ole Kämper

Darmstadt: Ausgerechnet am zentralen Luisenplatz gibt es Probleme für Behinderte.

Rollstuhlfahrer Tom Korb ist sauer. „Beim Busfahren oder mit der Bahn, überall stößt man auf Hürden. Mit dem Rollstuhl komme ich einfach nirgends rein“, schimpft der Vorstandssprecher der Landesarbeitsgemeinschaft des hessischen Clubs Behinderter und Ihrer Freunde (CBF Hessen). „Selbst Ärzte sind für Behinderte oft nicht zugänglich.“

Korbs Erfahrungen sind kein Einzelfall. Die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist seit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 zwar ein Menschenrecht. Aber im Alltag gibt es für Menschen mit Behinderung etliche Hindernisse, die es zu überwinden gilt.

Das gilt auch für öffentliche Einrichtungen, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa zeigt. Diese Gebäude sollten eigentlich auch für diejenigen erreichbar sein, die keine Treppen steigen oder schlecht sehen können. Wie viele Menschen auf Barrierefreiheit angewiesen sind, darüber gibt es keine genauen Zahlen. Das Statistische Landesamt spricht zwar von etwa 720.000 schwerbehinderten Menschen in Hessen. Davon sind aber nicht alle auf Barrierefreiheit angewiesen.

Problematisch: Behörden, Kinos und Nahverkehr

Hessens Landesregierung hat im Dezember 2011 einen Entwurf zur Umsetzung der UN-Konvention vorgestellt. „Derzeit werden die Stellungnahmen von mehr als 50 Verbänden und Interessensvertretungen ausgewertet und in den Aktionsplan mit einbezogen“, teilt Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) mit. Im Sommer soll das Papier in seiner endgültigen Fassung vorliegen.

„Es ist das Ziel der Landesregierung, damit den Rahmen zu schaffen, damit sich das Verständnis und gegenseitige Bewusstsein von Menschen mit und ohne Behinderungen weiter entwickeln und verbessern kann.“

Als Rollstuhlfahrer weiß Andreas Jürgens, der Erste Beigeordnete des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV), dass Probleme in Behörden, Kinos oder dem Nahverkehr kein Einzelfall sind. „Oft ist es nicht die Frage, worauf man Lust hat, sondern wo man rein kommt.“

Landesweit seien die Bedingungen für Behinderte verbesserungswürdig. So mache ihm als Rollstuhlfahrer das Kopfsteinpflaster in Städten wie Fulda oder Wiesabden zu schaffen. Bei der Neugestaltung von Straßen und Plätzen werde aber schon sehr auf die Bedürfnisse von Behinderten geachtet, räumt Jürgens ein.

Rückständige Lage in Gießen

Gehbehinderte könnten mittlerweile in Städten wie Kassel oder Frankfurt auch mit den Straßenbahnen fahren. In Darmstadt sind ebenfalls viele Haltestellen weitestgehend barrierefrei angelegt, lobt Georg Storck vom CBF Darmstadt. „Ausgerechnet der Knotenpunkt Luisenplatz ist aber nicht so ausgebaut, dass es mit Bussen und Straßenbahnen funktioniert.“

Gießen hat dagegen nach Einschätzung von Alexander Busam vom Zentrum selbstbestimmt Leben noch viel Luft nach oben. „Die Lage in Gießen ist rückständig. Viele Bereiche sind nicht barrierefrei, sind nicht mal nah dran.“ Selbst das Blindenleitsystem sei an vielen Stellen fehlerhaft und führe in Sackgassen oder falsche Richtungen.

Busam führt das vor allem darauf zurück, dass bei den Planungen keine Betroffenen einbezogen wurden. Das soll sich ändern: Ein Behindertenbeirat werde seine Arbeit in der Stadt aufnehmen und bei Bauplanungen stärker für Barrierefreiheit eintreten.

Auszeichnung für Dreieich

Das schreibt in einigen Fällen ein Gesetz auch vor: So fordert die hessische Bauordnung, dass Neubauten behindertengerecht sein müssen. Das Sozialministerium bietet Fachberatungen und Förderprogramme an. Trotzdem fehle es oft an konkretem Wissen und der Durchsetzung der Vorgaben, erklärt CBF Hessen-Sprecher Korb. „Wenn die Türen breit genug sind, dann meinen die direkt, das sei behindertengerecht.“

Seine Heimatstadt Dreieich nennt Korb dennoch vorbildlich. Auch Marburg gehöre zu den positiven Beispielen im Land. Für ihre Bemühungen wurde die Stadt jüngst bei dem europäischen „Access City Award 2012“ ausgezeichnet. 114 Städte aus 23 EU-Ländern hatten teilgenommen. Am Ende war nur Salzburg besser. Und das obwohl die Voraussetzungen wegen der zum großen Teil am Berg gelegenen Innenstadt und der denkmalgeschützten Altstadt alles andere als ideal sind.

Text: dpa. Foto: Wikipedia/Heidas. GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder eine spätere Version.

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1 Kommentar

  • angelika

    Wir fragen bei uns in den Städten/Gemeinden nach

    Die sagen, da sind wir nicht für verantwortlich, fragen sie im Kreis nach

    Wir fragen im Kreis nach

    Die sagen, dafür sind wir nicht verantwortlich, fragen sie beim Land nach

    Wir fragen bei dem Land nach

    Die sagen, wir sind nicht verantwortlich, fragen sie beim Bund nach

    Wir fragen beim Bund nach, die sagen, die Länder endscheiden autonom

    Wir fragen bei den Landesregierungen nach die sagen die Kreise und Städte endscheiden autonom

    Wir fragen bei den Kreisen und Städten nach, die sagen die Kommunen endscheiden autonom

    Wir fragen, was sind wir?
    Wir antworten selber und sagen „wir sind die gearschten bei dieser Autonomen Politik.

    Wann dürfen wir endlich autonom leben, wenn wir uns im Hamsterrad totgelaufen haben??????

    Sie wissen gar nicht um was es geht????

    Sie fragen uns – wir sagen es Ihnen – Barrierefreiheit und Menschenrechte –

    30. Mai 2012 at 18:44

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