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Wie der Software-Gigant SAP Autisten als perfekte Mitarbeiter entdeckte

Sie sind detailverliebt, supergenau und teilweise hochspezialisiert – die idealen Fehlersucher. Trotzdem finden viele Menschen mit autistischer Störung auf dem normalen Arbeitsmarkt keinen Job. Ausnahmen machen jedoch Mut. Von Annika Graf

Firmenzentrale von SAP in Walldorf (Foto: dpa)

Firmenzentrale von SAP in Walldorf (Foto: dpa)

Als sein 14-Jähriger Sohn Probleme in der Schule bekam, wurde Dirk Müller-Remus aufmerksam. Der Junge hatte Schwierigkeiten, sich zu organisieren, war aber im musischen Bereich hochbegabt. „Es kann doch nicht sein, dass so begabte Menschen in der Arbeitslosigkeit landen“, sagt Müller-Remus. Das brachte ihn auf die Idee, sein Unternehmen zu gründen.

Seit 2012 beschäftigt er mit seiner Firma Auticon Autisten, die für IT-Firmen wie den Mobilfunkanbieter Vodafone im Einsatz sind (ROLLINGPLANET berichtete: Prima Mitarbeiter mit einem kleinen Software-Defekt). Bis Ende des Jahres will er von 28 Mitarbeitern 20 Autisten beschäftigen und Gewinn machen.

Meist Eigeninitiative von Angehörigen

AuticonDoch Müller-Remus (links, Foto: Hannibal/dpa) ist ein Einzelfall und steht immer noch beispielhaft für die Förderung von Autisten.

„Das meiste läuft über die Eigeninitiative von Angehörigen“, sagt Matthias Dalferth, Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Regensburg und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus. Immer noch herrscht über Autisten das Bild des verschlossenen Behinderten vor.

Dabei ist die Realität eine andere: Fünf bis sechs Prozent der Autisten, so Dalferth, fassen Untersuchungen zufolge auf dem Arbeitsmarkt Fuß. In der Gruppe mit dem Asperger-Syndrom, einer milderen Form des Autismus, liegt der Anteil bei 20 Prozent.

„Mit entsprechender Förderung könnte die Zahl dreimal so hoch sein“, glaubt Dalferth. Seiner Meinung nach könnten Autisten in allen möglichen Berufen eingesetzt werden, nicht nur im IT-Bereich. Bibliotheken und Archive seien ebenso denkbar wie der Einsatz zur Qualitätskontrollen.

Die ungewöhnliche SAP-Initiative

Dass Großkonzerne sich des Themas annehmen ist allerdings noch selten, sagt Friedrich Nolte, Fachreferent im Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus. Das könnte sich nun ändern. Der Softwarekonzern SAP hat gerade eine neue Initiative gestartet.

Bis 2020 sollen ein Prozent der zuletzt rund 65.000 Mitarbeiter von SAP Menschen mit autistischer Störung sein. „Für Deutschland ist das bemerkenswert“, sagt Nolte. Er wisse sonst von keinem Großunternehmen, das sich in dieser Form um Autisten bemühe.

Die Walldorfer arbeiten mit Specialisterne zusammen, einer dänischen Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Million Autisten, die intellektuell nicht eingeschränkt sind, ins Arbeitsleben zu bringen. Auch Gründer Thorkil Sonne hat einen autistischen Sohn. Seit neun Jahren arbeitet er mit Firmen zusammen, um Jobs für Autisten zu schaffen. Doch SAP ist der erste global aufgestellte Konzern.

Warum sich der IT-Bereich anbietet

„Der IT-Bereich ist ein großes Arbeitsgebiet für Autisten“, sagt Friedrich Nolte. Detailgenauigkeit, Akribie, ein hervorragendes Gedächtnis und eine besondere Art logisch zu Denken seien häufige Eigenschaften. Was im normalen Umgang nur krankhaft erscheint, ist das perfekte Profil, um Software zu testen oder technische Geräte.

Wichtig sei, dass man den Menschen ein Umfeld biete, in dem sie ihre Stärken ausspielen können, sagt Firmengründer Müller-Remus. Der Rekrutierungsprozess sei aufwändig, dafür gewinne er qualifizierte Mitarbeiter, die manchmal bis zu sechs Sprachen sprechen.

Die Erfahrung machte man auch bei SAP. Der Softwarekonzern setzte 2011 zum ersten Mal Autisten in einem Entwicklungslabor in Bangalore ein – und stellte fest, dass die Produktivität stieg. Im vergangenen Jahr startete SAP ein Pilotprojekt in Irland. Nun will SAP Menschen mit der Erkrankung noch in acht weiteren Ländern fördern.

Was Arbeitgeber beachten müssen

Der Einsatz von Autisten in Unternehmen brauche bestimmte Voraussetzung, erklärt Dalferth. „Sie brauchen eine genaue Tagesstruktur, klare Abläufe, klare sprachliche Vorgaben.“ Manche Autisten reagieren zum Beispiel sensibel auf eine zu laute Geräuschkulisse, auf solche Dinge müssen die Firmen vorbereitet sein.

Deshalb braucht es Job-Coaches, die zwischen den Betrieben und den erkrankten Menschen vermitteln und die Arbeitsplätze richtig einrichten. SAP will Mitarbeiter in den entsprechenden Abteilungen ausbilden, die sich um die Autisten kümmern sollen.

Ein großes Defizit ist die soziale Interaktion: „Sie verstehen keine implizite Kommunikation“, sagt Nolte. Frage ein Vorgesetzter einen Autisten, der zu spät komme, ob er gut geschlafen habe, werde der wahrheitsgemäß antworten. Aber das kann auch von Vorteil sein:
„Autisten kennen keinen Sarkasmus“, sagt Anka Wittenberg, bei SAP für Vielfalt und Integration zuständig. „Sie sagen immer die Wahrheit.“

(dpa)

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