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Wie ein Ex-depressiver Post-Polio-Nicht-Karrierist ROLLINGPLANET aufmischt

Seit Februar hat ROLLINGPLANET einen neuen Mitarbeiter: Lothar Epe. Zeit, dass wir den guten Mann vorstellen.

Der Neue: Lothar Epe

Der Neue: Lothar Epe

ROLLINGPLANET ist ein junges Projekt, das nur deshalb möglich ist, weil alle Initiatoren ehrenamtlich mitmachen. Seit Februar freuen wir uns über einen neuen Mitstreiter: Lothar Epe (57).

Der Neue ist nicht nur fleißig, sondern liefert auch kontroverse Themen, bisher zum Beispiel den Insider-Beitrag Deutsche Polio-Szene: Warum jeder sein eigenes Süppchen kocht, die Polemik Nehmt einem Rollstuhlfahrer kein Steak weg: Ich bleibe Kannibale!, den Aufreger Die Frau, die für die Menschenrechte von Hartz-IV-Empfängern kämpft und vor einigen Tagen: Sexualassistenz für Behinderte in den Niederlanden: Wie geil ist das wirklich?

Derzeit versuchen wir Lothar Epe – der seit Ende 2011 Student der Freien Journalistenschule Berlin ist – bei dem Versuch zu stoppen, für ROLLINGPLANET eine ungefähr 100-teilige Serie über Indie Rock zu schreiben (drei oder vier Folgen müssen reichen). Warum das nicht so einfach ist, erklärt das folgende ROLLINGPLANET-Interview in eigener Sache.

„Wir Polionauten sind eine merkwürdige Spezies“

Was bewegt Dich dazu, für ein Spitzengehalt von null Euro bei ROLLINGPLANET mitzumachen?

Ich war auf der Suche nach Plattformen, auf denen ich mich schreibtechnisch austoben kann und die auch gelesen werden. Für mich steht das absolut im Vordergrund. Und nicht, ob und wie viel Kohle ich dafür bekomme…

Komm, Lothar, jetzt noch mal, aber ein bisschen euphorischer.

…aber ich war doch gar nicht fertig. Dann habe ich dieses hippe Behindertenportal namens ROLLINGPLANET gefunden und gleich ein ziemlich gutes Bauchgefühl gehabt.

Außerdem kann man das ziemlich gut mit dem Journalismusstudium verbinden. Damit wir uns nicht missverstehen. Ich habe gar nichts dagegen, auch Artikel zu verkaufen, aber das hat halt keine Priorität.

Du hast Polio. Wie wirkt sich die auf Deinen Alltag aus?

Die Polio ist nicht so sehr das Problem. Es ist im Grunde nur die Ursache. Gravierender sind die damit verbundenen Spätfolgen. Ich habe seit 2004 die Diagnose Post-Polio-Syndrom. Das habe ich mit Sicherheit aber nicht erst seit 2004.

Das war der Anfang eines neuen Lebens?

Nein, der zeichnete sich schon vorher ab. Nach einem kompletten Zusammenbruch 1996 und einer sich daran anschließenden schweren Depression habe ich mein Leben ganz langsam in eine andere Richtung gelenkt.

Wie gelang das?

Ich hatte erkannt, dass ich der Einzige bin, der mich da sozusagen aus der Scheiße ziehen kann. Ich habe erst mal lernen müssen, dass die Dinge eben so sind, wie sie sind, und dass ich das akzeptieren muss. Und von da an ging es wieder aufwärts. Ganz langsam, aber stetig.

„Alles ist gut“

Jetzt bitte keine heile Welt. Irgendwie dreckig wie uns allen muss es Dir doch gehen.

Heute habe ich zwar zunehmend die mit den Spätfolgen verbundenen körperlichen Beschwerden. Aber insgesamt geht es mir besser als je zuvor. Ich weiß inzwischen gut, wie ich mit den Dingen umgehen muss. Das klappt nicht immer, aber dafür immer öfter. So kann man sagen, dass die Poliospätfolgen sich selbstverständlich auf mein Leben auswirken, in gewisser Weise auch negativ. Aber alles ist gut und ich bin sehr zufrieden.

 Lothar Epe mit Enkelkind

Lothar Epe mit Enkelkind

Du hast Ende 2011 mit 56 Jahren ein Studium an der Freien Journalistenschule Berlin begonnen. Warum macht man das in solch einem fortgeschrittenen Alter – es gibt doch schon genug arbeitslose Journalisten?

Das wollte ich eigentlich immer schon machen. Ich habe mir irgendwann überlegt, wenn Du das jetzt nicht machst, wird das wohl nichts mehr. Und da ich aus dem Alter raus bin, wo man Karriere machen will, kann ich das ganz locker sehen und zum Beispiel auch für ROLLINGPLANET schreiben.

Wie lange dauert solch ein Studium?

Ich arbeite mit sogenannten Modulen, von zu Hause aus. Ich glaube, man muss sich vor allem darüber im Klaren sein, dass es nicht damit getan ist, die ausgesuchten Bausteine abzuarbeiten, sondern dass man Lust haben muss zu schreiben. Mit Leidenschaft sozusagen. Eine flotte Schreibe ist das eine. Viel wichtiger aber ist das Handwerk. Und das kann man lernen. Dafür muss man allerdings bestenfalls schreiben wie ein Besessener. Das macht aber Spaß!

Die Regelstudienzeit beträgt ein bis zwei Jahre. Theoretisch lässt sich das auch in einem halben Jahr bewältigen, wenn man sonst nichts zu tun hat. Ich habe das Ganze aber auf zwei Jahre angelegt und hoffe, dass ich damit Ende des Jahres durch bin. Und spätestens danach schreibe ich ROLLINGPLANT in Grund und Boden…

„Der Journalismus ist ein Haifischbecken“

Was vermittelt Dein Journalistik-Studium?

Ich lerne nicht nur, wie man Berichte, Portraits, Rezensionen, Interviews, Reportagen und Meldungen schreibt, sondern auch, wie man das Zeug und sich selber als Journalist verkauft. Weil man ja vom Grundsatz her auch Geld damit verdienen will und bestenfalls auch davon leben können sollte.

Was ich aber auch inzwischen gelernt habe, ist, dass der Journalismus ein Haifischbecken sein kann. Die Konkurrenz ist sehr groß. Einerseits! Andererseits lernt man viele interessante Menschen kennen und auch viele sehr nette Kollegen.

Du hast nach Deinem Abi ein Pädagogikstudium abgebrochen, warst vier Jahre im kirchlichen Dienst, danach 15 Jahre lang Angestellter bei der Agentur für Arbeit – Du hast nicht gerade das, was man einen gradlinigen Lebenslauf nennt.

Einerseits war ich mein Leben lang auf immer auf der Suche. Ich habe bestimmte Dinge eine Zeit lang gemacht, habe mich aber auch immer für neue Dinge interessiert. Andererseits hatte ich meiner Familie gegenüber eine soziale Verantwortung. Sonst wäre meine Lebenslauf vermutlich noch weniger gradlinig gewesen.

Man fängt Dinge an, macht sie eine Weile und stellt dann irgendwann fest, dass man Lust auf was Neues hat. Aber irgendwie war ich auch ständig im Zwiespalt zwischen sozialer Verantwortung und Abenteuer oder so.

Außerdem sagt man den „Polionauten“ an der einen oder anderen Stelle auch schon mal nach, dass sie ohnehin eine merkwürdige Spezies sind. Aber letztlich ist für mich alles gut so, wie es ist. Im übrigen ist es müßig darüber nachzudenken, was man hätte anders machen können.

„Schmerzmittel? Der Coffeeshop ist gleich um die Ecke“

Seit wann lebst Du in Holland, in der Nähe von Aachen und der deutschen Grenze?

Ich bin jetzt trotzdem nicht gerade der klassische Weltenbummler. Auch wenn ich mein halbes Leben im Ausland gelebt habe. Ich habe auch schon mal in Belgien gewohnt. Dann wurde uns dort aber wegen Eigenbedarf das Haus gekündigt, das wir dort in Grenznähe zu Deutschland gemietet hatten.

Da musste ich dann sehen, dass ich mit meiner relativ großen Familie schnell bezahlbaren Wohnraum finde. Das war damals in Deutschland eher schwierig. Es war fast einfacher mit drei Hunden eine bezahlbare Wohnung zu finden, als mit drei Kindern. Da haben wir uns dann einfach in Holland in Grenznähe eine Haus gekauft. Das war einfacher, als in Deutschland eine bezahlbare Wohnung zu finden.

So lebe ich jetzt seit fast zwanzig Jahren in Holland. Und wenn ich dann wegen des Post-Polio-Syndroms mal auf einigermaßen nebenwirkungsfreie Schmerzmittel angewiesen bin, ist der Coffeeshop gleich um die Ecke.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Holländern und Deutschen im Umgang mit Behinderten?

Ja, ich denke schon. In Holland ist auch nicht alles so grün wie es auf den ersten Blick aussieht. Aber insgesamt ist mein Eindruck, dass man hier etwas lockerer miteinander umgeht.

Du bist nun unser ältestes Redaktionsmitglied. Was hat sich aus Deiner Sicht für Menschen mit Behinderung geändert, seit Deiner Kindheit, als Du an Polio erkrankt bist?

Ich denke schon, dass sich einiges zu Positiven gewendet hat. Alles aufzuzählen würde hier aber sicher den Rahmen sprengen. Deshalb nur zwei krasse Beispiele:

In meiner Kindheit war es bis auf wenige Ausnahmen so, dass man schon dann reif für ein Behindertenheim war, wenn man auch nur annähernd eine Behinderung hatte. Also ein lahmes Ärmchen oder ein dünnes Beinchen oder so. Das ist heute sicher nicht mehr so.

Während die Behinderten heute in den Heimen zumindest von Fachpersonal betreut werden, wurden die von einer körperlichen Einschränkung Betroffenen früher oft von Personal betreut, das in zweiwöchigen Chrashkursen zu Erziehern ausgebildet wurde, nachdem sie vorher Metzger oder Bäcker oder Schlosser waren, weil sie zum Beispiel ihren alten Beruf nicht mehr ausüben konnten.

Dementsprechend waren natürlich oft auch die Erziehungsmethoden und der Umgang mit den Behinderten. Wer da einigermaßen heil rausgekommen ist, kann von Glück reden. Auch das hat sich Gott sei Dank gravierend zum Positiven geändert.

„Auf den Bühnen der Region rumgeturnt“

Wie gehen Deine drei erwachsenen Kinder mit dem Thema „Behinderung“ um? Vermutlich ganz normal? Hat das bei der Erziehung früher eine Rolle gespielt?

Ja, ganz normal. Die kennen das ja auch gar nicht anders. Und es hat auch bei der Erziehung eigentlich keine Rolle gespielt. Zumal ich ja früher auch alles machen konnte. Das übliche Programm halt. Fußballplatz, Musikschule, Freizeitparks…..

Da war es schon eher ein Problem, dass ich am Wochenende oft nicht da war, weil ich auf den Bühnen der Region rumgeturnt bin.

Warum das?

In meinem unsteten Dasein musste ich ja unbedingt auch noch versuchen, mich als Musiker zu verwirklichen. Ich bin ja mit meiner Orthese ganz normal gelaufen, wenn man mal davon absieht, dass ich ein Bein nachgezogen habe.

Erziehungstechnisch scheint aber einiges ganz gut funktioniert zu haben. Und das ist viel wichtige als alles andere. Ich denke, dass man seine Einflussmöglichkeiten in der Erziehung auch nicht überschätzen sollte.

Meine Söhne stehen alle auf eigenen Füßen, sind gesund, und wir haben nach wie vor ein sehr gutes und liebevolles Verhältnis zueinander. Das erfüllt mich mit Demut und Dankbarkeit. Es ist immer ein gutes Gefühlt, wenn man im Nachhinein sieht, dass man auch einiges richtig gemacht hat.

Was müssen wir sonst noch über Dich wissen?

Ich habe zwei Hunde, mit denen ich dreimal am Tag unterwegs bin. Dazu benutze ich meinen Outdoorwheelchair. Das gehört sozusagen zu meinem täglichen Therapieprogramm. Genauso wie die Tatsache, dass ich dreimal in der Woche zur Physiotherapie gehe, damit ich meine Schmerzsituationen ohne Schmerzmittel im Griff behalte.

Außerdem bin ich im Vorstand der Euregionalen Initiative für Kinderlähmungsfolgen Aachen e. V., betreue eine große Internetplattorm für Kinderlähmungsfolgen (Polio-Forum) und kümmere mich um die Öffentlichkeitsarbeit von Polio-Echo.

Zwischendurch fröne ich auch noch meiner heimlichen Leidenschaft und produziere mit zwei meiner Söhne CDs im Bereich Indie Rock. Zur Zeit arbeiten wir an unserer dritten CD. Schade, dass der Tag nur 24 Stunden hat und man ja zwischendurch auch mal schlafen muss. Schließlich gibt es so viele Möglichkeiten zu entdecken, auch ohne, dass man sich jede Woche neue Möbel kauft.

(RP)

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