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Wie eine Superwoman in Designerklamotten das Hirn knacken will

Interview mit Obamas obersten Hirnforscherin Cori Bargmann über ihre revolutionäre Forschung.

Die Wissenschaftlerin Cori Bragmann gilt als Superwoman der Wissenschaft und wird als künftige Nobelpreisträgerin gehandelt. (Foto: Zach Veilleux/The Rockefeller University/dpa)

Die Wissenschaftlerin Cori Bragmann gilt als Superwoman der Wissenschaft und wird als künftige Nobelpreisträgerin gehandelt. (Foto: Zach Veilleux/The Rockefeller University/dpa)

Es ist das wohl größte Projekt ihres bisherigen Forscherlebens: Die deutschstämmige US-Wissenschaftlerin Cori Bargmann leitet die millionenschwere Gehirn-Initiative von US-Präsident Obama (ROLLINGPLANET berichtete). Und verspricht „aufregenden Fortschritt“ in den nächsten zehn Jahren.

Die Vorschusslorbeeren sind riesig. „Uns erwartet ein Hochgenuss“, sagt der Forscher Pat Levitt von der University of Southern California vor einem voll besetzten Saal auf der Wissenschaftskonferenz AAAS, als er den Vortrag seiner Kollegin Cori Bargmann ankündigt. Bargmann sei eine „außergewöhnliche Wissenschaftlerin“, eine „Vordenkerin“, und werde nun eine Zusammenfassung ihrer Arbeit liefern, wie niemand im Publikum sie je zuvor gehört habe.

Bargmann streicht sich die langen, blonden Haare aus dem Gesicht und lächelt peinlich berührt. Dann tritt sie rasch ans Rednerpult und beginnt den Vortrag. Nichts geringeres als das Gehirn ist ihr Thema: Zehn Milliarden Neuronen, zehn Millionen Synapsen. „Eine einzige Wahrnehmung, wie das Erkennen der Stimme des Bruders am Telefon, könnte schon Millionen von Neuronen benötigen“, sagt die schmale, zierliche Frau im schwarzen Kostüm mit Perlenkette und hohen Schuhen, die das Publikum mit Charme und Witz schon bald auf ihre Seite gebracht hat.

Bargmann gilt als eine der erfolgreichsten Forscherinnen ihres Feldes in den USA. Zahlreiche Preise hat sie schon gewonnen, darunter 2012 die Kavli-Auszeichnung, die als ein Vorbote für den Nobelpreis gilt. Aber seit kurzem steht Bargmann vor dem wohl größten Projekt ihres Forscher-Lebens: US-Präsident Barack Obama hat der Wissenschaftlerin zusammen mit ihrem Kollegen Bill Newsome von der Stanford University die Leitung eines riesigen neuen Forschungsprojekts zur Kartographierung des menschlichen Gehirns aufgetragen.

„Sie ist wie ein Supercomputer auf zwei Beinen“

Die millionenschwere Langzeit-Initiative soll eine „Brain Activity Map“ erstellen, die die Abläufe des Gehirns kartiert und die Funktionsweise der Nervenzellen aufschlüsselt. So könnten möglicherweise Ursachen und Heilungsmethoden zahlreicher bislang unheilbarer Krankheiten wie Alzheimer und Epilepsie entdeckt werden.

Das Ganze ist eine Herkulesaufgabe und auf den ersten Blick so gut wie unmöglich, das gesteht selbst Bargmann ein. Aber sie gibt sich optimistisch. „In den vergangenen Jahren hat es so grundlegende Veränderungen in der Technologie gegeben, die es möglich machen, sich einen Weg vorzustellen, an dessen Ende wir die Funktionsweise des Gehirns wirklich verstehen“, sagt die Forscherin bei einem Gespräch an der Rockefeller University in New York, wo sie seit zehn Jahren an Würmern forscht.

Bargmann sei „eine großartige Wahl“ für die Leitung des Gehirn-Projekts, sagte der Präsident der Rockefeller University, Marc Tessier-Lavigne, und auch andere Kollegen überschlagen sich geradezu mit Lob. „Sie zeichnet sich auf jede Art und Weise aus“, sagte die ebenfalls an der Rockefeller University forschende Leslie Vosshall. „Sie ist wie ein Supercomputer auf zwei Beinen.“

Ihr Mann ist bereits Nobelpreisträger

Die Wissenschaftlerin gilt als Ausnahmeerscheinung – einerseits hochdekoriert für ihre Forschungen, andererseits aber auch in der Lage, diese jedem verständlich zu erklären und dabei so schick und glamourös, dass sogar die Mode-Zeitschrift „Vogue“ ihr jüngst ein Porträt widmete.

Geboren wurde Bargmann 1961 im US-Bundesstaat Virginia. Ihre Eltern stammen aus Deutschland, wo ihr Vater als Übersetzer bei den Nürnberger Prozessen arbeitete. Ihrem Mann, dem Medizin-Nobelpreisträger Richard Axel, zuliebe kam sie 2004 an die New Yorker Rockefeller University. Das Paar lebt am noblen Riverside Drive in Manhattan, geht häufig in die Oper und ins Ballett und jeden Abend essen. Kinder haben sie keine. „Keinen einzigen Tag in meinem Leben wollte ich Kinder“, sagte die stets in Designermode gekleidete Bargmann der „Vogue“.

Ihr Hirnforschungs-Projekt sei wahrscheinlich viel komplizierter als die „Apollo“-Mond-Mission, sagt Bargmann im Interview. Die Fragen stellte Christina Horsten.

Interview: „Wie eine Art Google Maps“

Warum wollen Sie und Ihre Kollegen das menschliche Gehirn kartieren?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste und der, der mich wirklich motiviert, ist wissenschaftlich. Wir sind Menschen, wir haben Fähigkeiten, die kein Tier hat, und ich kann mir nichts Aufregenderes vorstellen, als das menschliche Gehirn zu verstehen.

Das zu verstehen, bedeutet zu verstehen, wer wir wirklich sind. Der zweite Grund ist Gesundheit. Einer von drei Menschen auf der Welt wird zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben an einer schrecklichen Krankheit leiden, die mit einer Störung des Gehirns zu tun hat – wie Parkinson, Depression, Autismus und andere. Es ist also sehr wichtig, diese Gehirnstörungen anzugehen und herauszufinden, wie wir sie behandeln und verhindern können.

Scheint es aus heutiger Sicht nicht unmöglich, das menschliche Gehirn zu kartieren?

Das menschliche Gehirn hat Milliarden von Nervenzellen mit Billionen von Verbindungen. Und der rasche Fluss von Informationen dadurch macht es möglich, dass wir zum Beispiel wahrnehmen, fühlen oder eine Entscheidung treffen.

In der Vergangenheit konnten wir nur individuelle Nervenzellen oder die Gesamtaktivität des Gehirns analysieren. Aber in den vergangenen Jahren hat es so grundlegende Veränderungen in der Technologie gegeben, die es nun möglich machen, sich einen Weg vorzustellen, an dessen Ende wir die Funktionsweise des Gehirns wirklich verstehen und seine Aktivität nicht statisch, sondern wie eine Art Google Maps mit fließendem Verkehr zu verfolgen. Wir können jetzt zum Beispiel viele Nervenzellen auf einmal beobachten oder einzelne Zellen anregen. Und dann gibt es noch die unglaublichen Fortschritte in der Computertechnologie.

Könnte es dann eines Tages eine App geben, mit der ich die Aktivität meines eigenen Gehirns verfolgen kann?

Ja, ich glaube eines Tages wird es eine Art App geben, die einem hilft, die Aktivität in seinem Gehirn zu verstehen. Das könnte zum Beispiel sehr hilfreich für jemanden sein, der einen Schlaganfall bekommt. Die App könnte ihn, weil sie Veränderungen in der Aktivität wahrnimmt, vorher warnen und daran erinnern, seine Medikamente zu nehmen und sich ins Krankenhaus zu begeben.

Wie würde die App das messen?

Bislang ist das nur Spekulation. Es gibt schon eine Art Stirnband, das die Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche messen kann. Aber zukünftig könnten gefährdete Patienten möglicherweise auch etwas in ihr Gehirn implantiert bekommen, das die Aktivität misst.

Das wäre natürlich ein sehr komplexes Gerät, das eine Gehirnoperation voraussetzen würde. Das würde man nicht einfach so einsetzen, sondern nur bei sehr schweren Krankheiten.

US-Präsident Barack Obama hat das Projekt mit der „Apollo“-Mond-Mission verglichen. Was sagen Sie dazu?

US-Präsident Barack Obama kündigte im April 2013 das neue Forschungsprojekt an (Foto: dpa)

US-Präsident Barack Obama kündigte im April 2013 das neue Forschungsprojekt an (Foto: dpa)

Ich bin 1961 geboren worden und in der Woche, in der ich acht Jahre alt wurde, ist der erste Mann auf dem Mond gelaufen. Die „Apollo“-Mission war also Teil meiner Kindheit. Ich kann mich erinnern, wie aufgeregt ich war und dass ich zum Mond geschaut habe, ob ich dort irgendetwas sehen kann. Ich glaube, dass die „Apollo“-Mission viele Menschen dazu gebracht hat, sich für Wissenschaft zu interessieren. Das Gehirn zu kartieren hat auch das Potenzial, die Menschen mitzureißen.

Aber wir sind natürlich erst am Anfang. Wir werden einige Jahre daran arbeiten, die Techniken und Verfahren zu verbessern, danach werden wir sie anwenden. Und dann brauchen wir vielleicht noch einmal fünf bis zehn Jahre, bis diese Informationen zu Ärzten und Pharmafirmen kommen. Ich habe selbst an wissenschaftlichen Projekten mitgearbeitet, die zur Produktion von neuen Medikamenten geführt haben, ich weiß also, dass es klappen kann, aber ich weiß auch, dass es lange dauert. Wahrscheinlich ist das Ganze viel komplizierter als das „Apollo“-Projekt.

Hat Obama Ihnen eine Frist gesetzt?

Nein. Wissenschaftler arbeiten meist in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren und ich denke, in diesem Zeitraum wird es echten und aufregenden Fortschritt geben.

Es gibt auch ein europäisches Gehirn-Projekt und viele private. Wie sehen Sie das?

Das Gehirn zu verstehen ist ein riesiges Problem und je mehr Menschen daran mitarbeiten, desto besser. Die verschiedenen Ansätze machen für mich auch sehr viel Sinn. Bei der Obama-Initiative geht es darum, dass wir mehr Experimente machen sollten, um das Gehirn zu verstehen.

Das europäische Projekt geht davon aus, dass das Gehirn ein sehr ausgefeilter Computer ist, den wir nicht richtig verstehen müssen, wir müssen nur alles in einen Computer eingeben, was wir schon über das Gehirn wissen, und dann funktioniert das Gehirn über Simulationen auf einem Computer. Ich bin ja Teil des amerikanischen Projekts und ich glaube, dass wir noch nicht genug über das Gehirn wissen, um einen Computer wie ein echtes Gehirn arbeiten zu lassen.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Obama Sie berufen hat?

Es kommt nicht oft in einer Karriere vor, dass der Präsident der Vereinigten Staaten einem sagt, dass das, was man macht, wichtig ist und unterstützt werden muss. Wissenschaftler sind es ja gewohnt, ignoriert zu werden. Es ist eine Ehre, so etwas gefragt zu werden, man muss Ja sagen. Auch wenn es ein zweiter und unbezahlter Job ist.

(dpa)

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