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Wie geht es jetzt in Titisee-Neustadt weiter?

Suche nach Ursache für Brandkatastrophe läuft auf Hochtouren. Alle 14 Toten wurden identifziert – die meisten von ihnen waren Frauen. Die Behindertenwerkstatt bleibt längere Zeit geschlossen.

Ein verlassener Rollstuhl heute morgen an einer Treppe der Caritas-Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt (Baden-Württemberg) (Foto: Patrick Seeger/dpa)

Einen Tag nach dem verheerenden Brand in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt sind die 14 Todesopfer identifiziert. Wie die Polizei am Dienstagmorgen mitteilte, starben bei dem Unglück ausschließlich Erwachsene. Unter den Toten ist eine 50-jährige Betreuerin. Außerdem kamen zehn behinderte Frauen im Alter von 28 bis 68 Jahren ums Leben sowie drei Männer im Alter von 45 bis 68 Jahren. Nähere Informationen, auch zur genauen Todesursache, gab es nicht.

Angaben zur Unglücksursache konnten ebenfalls noch nicht gemacht werden. Eine Sonderkommission mit 36 Beamten arbeite mit Hochdruck an der Aufklärung der Brandursache. Am späteren Nachmittag wollte die Polizei auf einer Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen informieren.
Das Feuer war am Montagnachmittag in einer Behindertenwerkstatt der Caritas im Ortsteil Neustadt ausgebrochen, in der etwa 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung unter anderem in der Metall- und Holzverarbeitung sowie in der Elektromontage beschäftigt waren. Neben den 14 Todesopfern gab es neun Verletzte. Feuerwehr und Rettungsdienste waren mit einem Großaufgebot im Einsatz, auch zwei Rettungshubschrauber flogen zum Unglücksort. Angehörige der Opfer werden den Angaben zufolge psychologisch betreut.

Innenminister Gall: Keine voreiligen Schlüsse ziehen

Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) warnte davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. „Wir sollten uns anschauen, was ermittelt wird, und dann daraus eventuelle Lehren ziehen, wenn sie denn zu ziehen sind“, sagte Gall dem Radiosender HR Info. Er sei manchmal verwundert darüber, wie schnell nach einem Unglück Lösungen präsentiert würden. Zur Brandursache wollte sich der SPD-Politiker mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) hatte gestern Abend spezielle Sicherheitskonzepte für Einrichtungen wie Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) gefordert. „Menschen mit Behinderungen haben verlängerte Reaktionszeiten und können in Gefahrsituationen unberechenbar handeln“, betonte DFV-Vizepräsident Hartmut Ziebs in einer Mitteilung. „Dem müssen vernetzte Sicherheitskonzepte Rechnung tragen“, sagte er und nannte als Beispiel das Zusammenspiel von baulichem Brandschutz, Einsatzplänen und den Abläufen in den Betrieben (ROLLINGPLANET berichtete).

Der Präsident des Deutschen Caritas Verbandes, Peter Neher, will die derzeitige Notfallpläne auf den Prüfstand stellen. „Es ist logisch, dass nach einer solchen Katastrophe (…) sicher noch einmal alle Einsatzpläne, alle Nothilfemaßnahmen genau überprüft werden müssen», sagte Neher heute im ZDF-„Morgenmagazin“. In den Behindertenwerkstätten gebe es Pläne für den Notfall, die in regelmäßigen Abständen geübt würden, so Neher. „Von den formalen Voraussetzungen denke ich, war da alles gegeben.“

Die Deutsche Hospiz Stiftung verlangte, dass soziale Einrichtungen innerhalb der nächsten vier Jahre mit Sprinkleranlagen ausgerüstet werden müssten. „Was für die deutschen Flughäfen gilt, muss gerade für Einrichtungen der Pflege- und Behindertenfürsorge gelten“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Menschen mit Behinderungen hätten keine Chance, sich selbst zu retten. Der Pflegeexperte der Union im Bundestag, Willi Zylajew (CDU), wies Forderungen nach schärferen Vorgaben zurück, forderte aber Aufklärung.

Keine Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen

Der Polizei zufolge kamen die 14 Menschen vermutlich durch das Feuer oder Rauchvergiftungen ums Leben. Die neun Verletzten erlitten Verbrennungen oder Rauchvergiftungen. Sie wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Lebensgefahr bestand den Angaben nach nicht. Rund 100 Menschen wurden aus dem brennenden Gebäude gerettet.

Die Ursache für den Brand ist der Polizei zufolge noch unklar. Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen oder Mängel beim Brandschutz habe es nach einer ersten Beurteilung nicht gegeben, sagte ein Feuerwehrsprecher der Nachrichtenagentur dapd. Die automatische Brandmeldeanlage habe angeschlagen, der Brandschutz habe zumindest ein Ausbreiten auf andere Stockwerke verhindert. Eine eigene Sprenkelanlage habe es in dem betroffenen Neubau nicht gegeben.

Dass es mehrere Detonationen gegeben haben soll, konnte die Polizei weiterhin nicht bestätigen. Es sei über explosionsartige Geräusche berichtet worden, dabei könne es sich aber auch um berstende Scheiben gehandelt haben.

Das Netzwerk Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) schaltete indes eine kostenlose Hotline mit Spezialisten der Krisenintervention und Einsatzkräftenachsorge für Betroffene, Angehörige und belastete Einsatzkräften. Diese Hotline ist zu erreichen unter 0800/58 92 27 2.

Werkstatt bleibt längere Zeit geschlossen

Die Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt längere Zeit geschlossen bleiben. Die Schäden seien immens, sagte ein Sprecher der Caritas am Morgen. Zwei Stockwerke des dreistöckigen Gebäudes seien durch Feuer und Rauch nahezu komplett zerstört. Zur Schadenshöhe könnten noch keine Angaben gemacht werden. Die Einrichtung solle hergerichtet und wieder eröffnet werden. Die Behinderten würden so lange in anderen Einrichtungen untergebracht. Hierfür erhalte die Caritas auch die Hilfe anderer Träger.

Titisee-Neustadt plant eine Trauerfeier

Kirchen und die Gemeinde planen eine Trauerfeier. „Es gibt ein großes Bedürfnis der Hinterbliebenen und der Bürger, gemeinsam Abschied zu nehmen“, sagte Bürgermeister Armin Hinterseh. Auch die Rettungskräfte hätten diesen Wunsch geäußert. Voraussichtlich diesen Samstag werde es in Titisee-Neustadt einen ökumenischen Gottesdienst geben. Unverändert groß ist das Interesse an Hilfsangeboten. Die am Montag nach dem Brand eingerichtete Telefon-Hotline im Rathaus der 12.000 Einwohner zählenden Gemeinde werde stark nachgefragt.

((dapd, dpa/lsw/RP)


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