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Wie Henri Matisse als Rollstuhlfahrer die Scherenschnitte erfand

Seine Behinderung war Grund, dass er eine neue Kunstform schuf. Die Tate Modern widmet den Arbeiten jetzt eine große Ausstellung.

Henri Matisse, aufgenommen 1933 (Foto: Carl Van Vechten)

Henri Matisse, aufgenommen 1933 (Foto: Carl Van Vechten)

1941 musste sich Henri Matisse als 72-Jähriger nach einer schweren Darmerkrankung einer Operation unterziehen, von der er sich kaum mehr erholen sollte. Er war danach lange Zeit ans Bett gefesselt und anschließend auf den Rollstuhl angewiesen. Das sollte die künstlerische Arbeit seiner verbleibenden Jahre maßgeblich beeinflussen.

Schere, Papier und Heftzwecken waren das Werkzeug, mit dem Matisse (1869-1954) in seiner letzten Schaffensphase einzigartige Scherenschnitte schuf. In Sekundenschnelle fuhr er mit der Schneiderschere durch das eingefärbte Papier: Bienenschwärme, Schwalben, Blumen und anziehende Frauenkörper in leuchtenden Farben und tanzenden Formen traten hervor.

Henri Émile Benoît Matisse

wurde am 31. Dezember 1869 in Le Cateau-Cambrésis (Frankreich) geboren und starb am 3. November 1954 in Cimiez (heute ein Vorort von Nizza). Er zählt mit Pablo Picasso zu den bedeutendsten Künstlern der Klassischen Moderne. Neben André Derain gilt er als Wegbereiter und Hauptvertreter des Fauvismus, der die Loslösung vom Impressionismus propagierte und die erste künstlerische Bewegung des 20. Jahrhunderts darstellt.

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Das Gemälde „Les toits de Collioure“ entstand 1905 (Foto: The Hermitage, St. Petersburg), als Matisse noch bei bester Gesundheit war.

Picasso sagte einmal über seinen Kollegen: „Matisse hat so gute Lungen. Ich meine die Art, wie er die Farbe anwendet. Wenn du in Matisses Werk drei Töne findest, die nahe beieinanderliegen — sagen wir ein Grün, ein Violett und ein Türkis —, dann beschwört ihre Verbindung eine andere Farbe herauf, die man die Farbe nennen könnte. Das nennt man die Sprache der Farben. (…) Die Tatsache, dass sich auf einem meiner Bilder ein gewisser roter Fleck befindet, ist nicht das Wesentliche des Bildes. Das Bild wurde unabhängig davon gemalt. Du könntest das Rot wegnehmen, und es wäre immer noch das Bild da. Aber bei Matisse ist es undenkbar, dass man einen Fleck Rot (…) unterdrückt, ohne dass das Bild sofort in sich zusammenstürzt.“

Malen mit der Schere

Mit der Ausstellung „Henri Matisse: The Cut-Outs“ präsentiert die Galerie Tate Modern in London mit rund 130 Werken die bisher größte Schau der Papierschnitte, die Matisse noch in hohem Alter in den letzten 17 Jahren seines Lebens schuf. „Malen mit der Schere“ nannte er diese Art zu arbeiten.

Nach Einschätzung von Tate-Direkor Nicholas Serota, der sich bei der Schau selbst als Kurator betätigte, muss Matisse heute als unumstrittener Erfinder der Kunstform des Scherenschnitts auf diesem hohen künstlerischen Niveau gelten. Während er als jüngerer Künstler Papierausschnitte von Früchten, Vasen oder Blumen als Vorlagen für Gemälde nutzte, wurde der Scherenschnitt später zu einer eigenständigen Kunstform. „Er nutzte sie, um die engen Grenzen der Malerei zu sprengen und neue Felder zu erschließen“, sagte Serota.

Ausstellung in der Galerie Tate Modern

Ausstellung in der Galerie Tate Modern

Henri Matisse: The Snail 1953 (Foto: Succession H. Matisse/DACS 2014)

Henri Matisse: The Snail 1953 (Foto: Succession H. Matisse/DACS 2014)

Henri Matisse: Blue Nude (II) 1952 (Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Droits réservés, Succession Henri Matisse/DACS 2013)

Henri Matisse: Blue Nude (II) 1952 (Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Droits réservés, Succession Henri Matisse/DACS 2013)

Eingeschränkte Mobilität

Der Hauptgrund für die Zuwendung des Künstlers zum Scherenschnitt war allerdings seine durch Alter und Krankheit eingeschränkte Mobilität. Um so erstaunlicher ist es, so wird in der Schau deutlich, dass die noch weitgehend im Rollstuhl angefertigten Arbeiten nie an Bewegung, Farbkraft, Humor und Lebensfreude verloren. „Matisse befreite sich von der Plage von Krankheit und hohem Alter und kreierte eine neue Kunstform“, schrieb der „Guardian“ zu den Werken. Die Zeitung pries die Ausstellung als „umwerfend, fröhlich und faszinierend“.

Die chronologisch angeordnete Ausstellung zeigt über 14 Räume die Entwicklung des Scherenschnitts von Experimentiermaterial über das Künstleralbum „Jazz“ bis hin zu den großformatigen Werken, die Matisse noch in seinen letzten Lebensjahren schuf. Erstmals werden außerhalb Frankreichs die Originalentwürfe von „Jazz“ mit dem gedruckten fertigen Album gemeinsam ausgestellt. Fotografien von Atelier und Wohnung zeigen, wie der Künstler seine eigenen vier Wände mit den Werken dekorierte.

Schnipseln, heften, kleben

Henri Matisse: The Sheaf 1953 (Foto: Collection University of California, Los Angeles. Hammer Museum, Succession Henri Matisse/DACS 2013)

Henri Matisse: The Sheaf 1953 (Foto: Collection University of California, Los Angeles. Hammer Museum, Succession Henri Matisse/DACS 2013)

Seinen Auftrag, im südfranzösischen Vence eine Kapelle für einen dominikanischen Orden zu entwerfen, nahm er so ernst, dass er sein Studio – und später auch sein Schlafzimmer – in eine Kirche umfunktionierte. Von den Buntglasfenstern mit fliegenden Bienenschwärmen bis zu den Messgewändern schnipselte, heftete und klebte er seine Entwürfe auf Papier.

Zu sehen sind in London auch alle vier Gouacheschnitte aus der Serie „Blauer Akt“, die weibliche Akte sitzend oder stehend in abstrakter Form zeigt. Das 7,6 x 3,3 Meter große Werk „Der Papagei und die Meerjungfrau“ (1952), die Scherencollage „Ozeanien“ und der ebenfalls riesige Papierschnitt „Die Schnecke“ – aus dem Besitz der Tate – gehören dazu.

Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit dem Museum for Modern Art (MoMA) in New York sowie mit führenden französischen Museen und Institutionen entstanden. Sie läuft von diesem Donnerstag an (17. April) bis zum 7. September in London und wird ab Oktober 2014 im MoMA gezeigt. Dem Beispiel anderer Kulturinstitutionen folgend, will die Tate erstmals Anfang Juni die Matisse-Ausstellung in 200 Kinos in Großbritannien und Irland übertragen.

(RP/Anna Tomforde/dpa)

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1 Kommentar

  • Susanne Wosnitzka

    Es müsste richtigerweise heißen: Schnippselmalerei o. Ä. – Matisse hat die Scherenschnitte NICHT erfunden, nur die bekannte Technik neu interpretiert & angewandt! Scherenschnitte sind eine völlig andere Kunstrichtung als hier dargestellt und waren v.a. im 18. & frühen 19. Jh. beliebt – eine der interessantesten Werke sind die zerbrechlich-zierlichen Scherenschnitte z.B. von Annette von Droste-Hülshoff, die diese zarten Wunderwerke trotz schwerster Kurzsichtigkeit bewerkstelligte – zu sehen u.a. im „Fürstenhäusle“ in Meersburg.

    16. April 2014 at 14:58

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