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Wie in Bonn Kinder fürs Leben lernen: Behinderte sind ja gar nicht dumm

Die neunjährige Joscha ist Autistin – und ein Ass in Englisch. In vielen anderen Bereichen hat sie jedoch große Probleme. Auf eine „normale“ Grundschule geht sie aber trotzdem. Davon profitiert nicht nur sie. Von Anita Hirschbeck

Joscha darf in der Schule einen Laptop benutzen (Foto: dpa/Marius Becker)

Joscha darf in der Schule einen Laptop benutzen (Foto: dpa/Marius Becker)

In Englisch macht ihr niemand etwas vor. Die neunjährige Joscha besucht zwar erst die dritte Jahrgangsstufe der Kettelerschule in Bonn, darf aber schon mit einem Buch für Sechstklässler arbeiten. Nur das Sprechen fällt ihr nicht so leicht. Das Schreiben auch nicht. Deshalb benutzt Joscha in der Schule einen Laptop.

Konzentriert sitzt sie in ihrem roten Fleece-Pulli vor dem Bildschirm und schiebt die Maus hin und her. Zwei lila-farbene Glitzerspangen halten ihr die braunen Haare aus dem Gesicht. Da nimmt ihr Sitznachbar Tuna-Can ihr sanft die Maus aus der Hand. „Joscha, wir sollen jetzt aufpassen“, raunt der Zehnjährige mit dem tiefschwarzen Schopf.

Joscha ist autistisch. Bewegungen fallen der Neunjährigen schwer. Sie läuft nur langsam, kann mit einem Stift in der Hand kaum schreiben. Sie spricht stockend und fühlt sich mit fremden Menschen oft unwohl. Trotzdem besucht Joscha eine Regelgrundschule: Sie ist eine von 44 Kindern mit Behinderung, die in der Kettelerschule in Bonn ganztags unterrichtet werden. Die Bertelsmann-Stiftung hat Joschas Schule für ihr inklusives Unterrichtskonzept mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet.

Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam

Inklusion bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Ab dem Schuljahr 2014/2015 sollen die Eltern in Nordrhein-Westfalen einen Rechtsanspruch auf diese Unterrichtsform haben. Bisher gibt es in NRW mehr als 2100 Regelschulen, die auch Kinder mit Behinderung aufnehmen. Das entspricht einem Drittel aller Schulen.

In der Robben-Gruppe, in der auch Joscha unterrichtet wird, ist es an diesem Morgen fast mucksmäuschenstill. 25 Kinder-Köpfe sind tief über Aufgabenlisten gebeugt. Die Schüler – unter ihnen Erst- bis Viertklässler – sitzen verstreut an ihren Arbeitstischen, die kreuz und quer um den großen Tisch am Kopfende des hellen Raumes stehen. Dort haben vor ein paar Minuten alle Kinder gemeinsam zur allmorgendlichen Begrüßung gesessen. Das Lehrerpult hinten in der Ecke fällt fast gar nicht mehr auf.

Jetzt, in der zweite Stunde, arbeitet jeder für sich allein. Die achtjährige Elena runzelt leicht die Stirn, während sie in ihrem Mathe-Heft eine Zahlentabelle ausfüllt. Sie ist schon fast fertig. Dann kann sie einen Haken auf ihre Liste setzen, die sie vor einer Woche von ihrer Lehrerin bekommen hat.

Bis zum Ende der Woche muss Elena alle Aufgaben abgearbeitet haben, aber das schafft die Drittklässlerin locker. Wann sie welche Aufgabe macht, entscheidet sie selbst. So macht das auch der Klassensprecher Tuna-Can. Er ist schon in der vierten Klasse und hat eine andere Liste als Elena oder Joscha.

„Zufriedenstellend, weil man Erfolge sieht“

„Klar macht das alles mehr Arbeit“, sagt die Gruppen-Lehrerin Marijana Lovrincevic. Sie kontrolliert gerade die Aufgabenliste einer Schülerin, die ihr Pensum schon erledigt hat. „Aber es ist auch zufriedenstellend, weil man Erfolge sieht. Weil man sieht, die Kinder werden angemessen gefördert.“

Die 30-Jährige mit dem bunten Blumenschal hat ihr Referendariat an einer Regelschule in Baden-Württemberg gemacht – mit klassischem Frontalunterricht. Zurück würde sie nicht mehr wollen. „Wenn ich alle in dem gleichen Tempo mitziehen würde, dann wären die Kinder frustriert und ich wäre auch frustriert.“ In der Kettelerschule sei der Unterricht so gestaltet, dass sie auf jeden Schüler einzeln eingehen könne. Deshalb hat Lovrincevic auch nicht das Gefühl, dass die Schüler mit Behinderung den Unterricht aufhalten.

Trotzdem: Kinder wie Joscha haben einen anderen Förderbedarf. Um den festzustellen, steht der Lehrerin der Robben-Gruppe eine ausgebildete Förderschullehrerin zur Seite. „Wir arbeiten hier viel im Team“, sagt Lovrincevic. „Unterstützung ist von allen Seiten da.“ Joscha sitzt außerdem nicht alleine im Unterricht. Sie wird von einer Sonderpädagogin begleitet, die eingreift, wenn es Joscha zum Beispiel zu laut in der Klasse wird.

Auch Behinderte wollen ein ganz normales Leben

Auch Elena findet nicht, dass Joscha lieber eine andere Schule besuchen sollte. „Behinderte Kinder haben ja auch einen Bedarf an einem normalen Leben und nicht nur an einem behinderten Leben“, sagt sie, und ihre blonden Zöpfe wippen dabei auf und ab. „Andere Kinder sagen, Behinderte sind dumm. Aber die sind gar nicht dumm.“ Von Joscha habe sie sehr viel gelernt. Sie sei ein „Leseprofi“ und wisse sehr viel. „Joscha ist sehr schlau“, sagt Elena. „Wenn wir noch überlegen, hebt sie direkt den Finger.“

Dann beugt Elena ihren Kopf wieder über die Zahlenkolonne. Gleich ist sie fertig. An einem anderen Tisch sitzt Joscha vor ihrem Laptop. Ihre Füße stecken in blauen Filzpantoffeln, sie hat am Morgen ihre Straßenschuhe ganz alleine ausgezogen. Die Mädchen wirken zufrieden: Heute haben sie beide etwas gelernt.

(dpa)

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