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Wie lässt sich ein Trauma wie Titisee-Neustadt verarbeiten?

Der Papst trauert um die Opfer der Brand-Tragödie im Schwarzwald. Was kann man für die Betroffenen und Angehörigen außer Beten tun, wenn man nicht kirchliches Oberhaupt ist?

Papst Benedikt XVI.

Nebel und Regen tauchen die Behindertenwerkstatt in der Schwarzwald-Gemeinde Titisee-Neustadt in tristes Einheitsgrau. Nur einige Kerzen flackern vor dem Gebäude, das am Montag für 14 Menschen zur Todesfalle wurde. Brandspuren und zerstörte Fensterscheiben erinnern am Tag danach an das Feuerdrama.

„Eine Behinderteneinrichtung ist kein gewöhnliches Objekt“, sagt Kreisbrandmeister Alexander Widmaier. „Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die nicht immer rational reagieren.“ Auf einen Betreuer kommen im Schnitt zwölf Behinderte, sagt die Caritas. Die Betreuer und Helfer haben Leben gerettet. Mängel an der Einrichtung oder verschlossene Türen hat es laut der Feuerwehr nicht gegeben.

“In den Arm nehmen“

„Die Werkstatt war der Lebensmittelpunkt der hier betreuten Menschen“, sagt der Freiburger Caritas-Chef Egon Engler. „Er ist nahezu komplett zerstört.“ Die Behinderten werden weiter betreut und kommen zunächst in andere Einrichtungen. Die Werkstatt soll wieder aufgebaut werden. Doch noch hat niemand Zugang zu dem Brandort.

„Die Menschen sind traumatisiert von dem, was geschehen ist“, sagt der Leiterin des Notfallnachsorge des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Sandra Bergmann. Psychologen und Seelsorger stehen für Gespräche bereit. Im angrenzenden Gemeindehaus der evangelischen Kirche haben sie einen Stützpunkt eingerichtet.

„Es ist wichtig, dass jemand da ist und zuhört und die Menschen einfach mal in den Arm nimmt“, sagt Bergmann, die wie alle hier ehrenamtlich arbeitet. Das Angebot werde angenommen. Es soll auch für die kommenden Tage bestehen bleiben. Die Hinterbliebenen sollen zudem die Möglichkeit erhalten, an den Unglücksort zu kommen und dort Abschied zu nehmen.

Eine Stadt unter Schock

„Unsere Stadt ist im Ausnahmezustand. Wir spüren Trauer und Schmerz. Die ganze Stadt steht unter Schock“, sagt der Bürgermeister von Titisee-Neustadt, Armin Hinterseh. Am Tag nach dem Feuer macht er sich am Brandort erneut vor Ort ein Bild. „Wir sind eine Kleinstadt mit 12.000 Einwohnern. Da kennt jeder jeden“, sagt Hinterseh. Kaum ein Bürger, der nicht persönlich betroffen wäre von dem Unglück, zumindest eines der Opfer kannte. „Die Menschen, die hier umgekommen sind, gehörten zum Bild der Stadt.»

Die ganze Stadt wirkt wie gelähmt. Viele Menschen sind sprachlos. Kaum jemand will reden. Eine Frau sagt: „Das ist einfach nur schrecklich. Wer davon nicht betroffen ist, ist kein normaler Mensch.“ Die Flaggen am Rathaus sind – trauerbeflort – auf Halbmast gesetzt, der Weihnachtsmarkt am ersten Adventswochenende ist abgesagt.

Auch die Menschen auf der Straße rätseln über die Ursache für die Katastrophe. Frank Arend, der aus dem Saarland kommt und in Titisee Urlaub macht, fragt sich, ob man nicht an den Sicherheitsvorkehrungen etwas verbessern müsse. „Wenn da so viele Rollstuhlfahrer sind, vielleicht müssten dann auch mehr Betreuer da sein.“ Im Schreibwarengeschäft Tintenklecks ist Sonja Meitzner froh, dass einige der Behinderten am Morgen bei ihr vorbeigekommen sind. „Wir kennen uns doch und haben uns gefreut, dass ihnen wenigstens nichts passiert ist.“ Sie wolle helfen: Deshalb hätten sie und ein andere Ladeninhaber „ein Spendenkäschtle“ aufgestellt.

Um die 14 Todesopfer wird am Samstag (1. Dezember) in ganz Baden-Württemberg getrauert. Für diesen Tag sei landesweit Trauerbeflaggung angeordnet, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) heute in Stuttgart. Die Trauerandacht im St-Jakobus-Münster (11.00 Uhr) halten der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch und der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Ulrich Fischer. Anschließend sei auch eine Ansprache des Ministerpräsidenten geplant.

Papst Benedikt XVI. schickt Beileidstelegramm

Auch Papst Benedikt XVI. trauert um die Opfer der Brandkatastrophe von Titisee-Neustadt. Vatikan-Staatssekretär Tarcisio Kardinal Bertone schickte im Namen des Papstes ein Beileidstelegramm an Erzbischof Robert Zollitsch nach Freiburg.

Darin heißt es nach einer Mitteilung vom Dienstag: „Mit Betroffenheit hat der Heilige Vater von der Brandkatastrophe in der Behindertenwerkstatt der Caritas in Titisee-Neustadt Kenntnis erlangt. Papst Benedikt XVI. gedenkt der bei diesem tragischen Unfall ums Leben gekommenen Menschen in seinem Gebet und versichert den Angehörigen der Opfer seine tief empfundene Anteilnahme.“

Weiter ließ der Papst mitteilen: „Der Allmächtige Gott schenke ihnen in der Stunde des Schmerzes und der Trauer Kraft und Trost aus dem Glauben. Der Heilige Vater betet auch für die Verletzten um Zuversicht und baldige Genesung. Ihnen allen sowie den Einsatzkräften und Helfern erteilt Papst Benedikt XVI. den Apostolischen Segen.“

Traumaexperte: Angehörigen keine Hilfe aufdrängen

Angehörige der Brandopfer im Schwarzwald sollten selbst bestimmen, was sie in der belastenden Situation brauchen. „Es ist wichtig, dass man den Angehörigen nichts überstülpt“, sagte der Traumaexperte am Universitätsklinikum Aachen, Professor Frank Schneider. Es sei von Bedeutung, den Betroffenen therapeutische Gesprächsangebote zu machen. Aber eine unmittelbare Traumanachbehandlung, wie es noch vor einigen Jahren üblich gewesen sei, würde oft eher schaden.

Ein zeitnahes Aufarbeiten des Traumas werde heute nicht mehr angestrebt. „Die Informationen von einem Trauma werden umso nachhaltiger im Gedächtnis abgespeichert, je mehr man darüber spricht“, sagte Schneider. Das Erlebte zu „verdrängen“ – wie man es früher bezeichnet habe – sei „gar nicht so schlecht“. Bedenkenlos könne man den Angehörigen aber direkt helfen, Gefühle wie Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und Alleinsein zu bekämpfen. Erst wenn der Betroffene mittelfristig einen Leidensdruck spüre, sei eine Trauma-Behandlung sinnvoll.

Auch Freunde, Nachbarn oder Bekannte sollten unbedingt ihre Hilfe anbieten, aber nicht aufdringlich sein. Die Bedürfnisse von Betroffenen seien sehr unterschiedlich: „Es gibt Betroffene, die wollen in Ruhe gelassen werden. Andere Menschen suchen den Kontakt und können es alleine gar nicht mehr aushalten.“

(Elke Silberer/dpa/dapd/RP)


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1 Kommentar

  • Stark Andreas

    Da ich selbst behindert bin finde ich das sehr furchtbar. Behinderte sollen ebenerdig arbeiten und wohnen. Es gibt so viele Arbeitslose, warum keine Menschen davon, als Bekleider der behinderten. Muss jeder allein Leben ?

    4. Dezember 2012 at 11:21

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