Wie lassen sich Rollstuhlbasketballer noch athletischer machen?

Interview mit Physiotherapeut und Athletiktrainer Dirk Lösel, der neue Wege gehen will.

Athletiktrainer Dirk Lösel (Foto: Athletik Camp)

Athletiktrainer Dirk Lösel (Foto: Ahtletik Camp)

Dirk Lösel ist in Sachen Physiotherapie und Athletiktraining nicht nur in seiner Region eine feste Größe. In Wettenberg im Landkreis Gießen (Hessen) betrieb der passionierte Basketballer seine Praxis „Therapie + Training“, zudem war er 20 Jahre lang für die Giessen 46ers tätig. Nun hat er sich der Sache Rollstuhlbasketball verschrieben. Wir haben nachgefragt.

Seit Ende letzten Jahres sind Sie auch für den RSV Lahn-Dill tätig. Auch wenn der RSV zuletzt sowohl den deutschen Meistertitel als auch den Pokal gegen RSB Thuringia Bulls verloren hat, gilt er immer noch als die Vorzeigemannschaft des deutschen Rollstuhlbasketballs. Wie kam es zu Ihrem Engagement?

Ich hatte im Sommer letzten Jahres erstmals Kontakt mit Trainer Nicolai Zeltinger. Er fragte an, ob ich mir vorstellen könnte, den RSV Lahn Dill im athletischen Bereich zu unterstützen. Da wir zu diesem Zeitpunkt einen Umbruch bei den Giessen 46ers hatten, ergab sich ein zeitlicher Freiraum, der es mir ermöglichte, über neue Aufgabenfelder nachzudenken.

Ein wichtiger Punkt bei der Neuorientierung war die Herausforderung etwas zu finden, in dem ich durch meine Tätigkeit noch nicht ausgeschöpfte athletische Potenziale gemeinsam mit den Coaches weiterentwickeln kann.

Wie findet die Umsetzung des Themas Athletik bei einer Rollstuhlbasketball-Mannschaft statt?

Im Bereich des Rollstuhlbasketballs gibt ein sehr großes Potenzial, technisch schon sehr gut ausgebildete Spieler, wie zum Beispiel Tommy Böhme, im athletischen Bereich weiter zu entwickeln. Im Speziellen in den Bereichen Kraft und Agility gibt es noch viel Potenzial nach oben.

Nach ersten Gesprächen mit Nicolai Zeltinger, seinem Co Ralf Neumann, aber auch erfahrenen Therapeuten wie Pia Briegel war schnell klar, wie fokussiert und zielorientiert im Rollstuhlbasketball gearbeitet wird. Dies sehe ich als absolute Voraussetzung, um die angestrebten Ziele zu erreichen.

Durch die Klassifizierung und die unterschiedlichen Behinderungen können wir bei der Trainingsgestaltung, im speziellen im Krafttraining, nur bedingt auf vorhandene Routinen zurückgreifen und mussten sehr viel neu entwickeln und anpassen. Hierbei war es sehr hilfreich, sich mit Spielern wie Michael Paye, Joe Bestwick oder Steve Serio vom RSV Lahn Dill austauschen zu können, die allesamt schon auf einem sehr hohen athletischen Niveau trainieren.

Was waren Ihre ersten Schritte?

Im Vordergrund der ersten Monate stand die Entwicklung eines eigenständigen Athletik-Konzeptes, das in enger Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt Rheinland in Person von Daniel Jacko entwickelt wurde. Die Grundlage dieses Konzeptes ist unser Athletik Screening als Voraussetzung für eine exakte Trainingssteuerung der Athleten. Über dieses Screening, das wir in einem ersten Probelauf mit den Spielern des RSV Lahn Dill getestet und angepasst haben, werden die athletischen Defizite der einzelnen Athleten ermittelt. Insgesamt ein sehr spannendes Thema, bei dem uns Nationen wie Kanada, Großbritannien und die USA mehr als einen Schritt voraus sind.

Dies sehe ich als Ansporn, in den nächsten Monaten und Jahren fokussiert zu arbeiten und die entwickelte Konzeption auch in die Nachwuchsförderung des RBB zu integrieren, um frühzeitig den Bereich Athletik im Rollstuhlbasketball zu etablieren.

Stichwort Nachwuchsförderung – Sie engagieren sich seit Jahren sowohl im Gießener Nachwuchs Basketball als auch in Ihrem Athletik Camp. Wie geht es hier weiter?

Durch meine Tätigkeit als Physiotherapeut und Athletiktrainer im Nachwuchsprogramm der 46ers (BAGM) habe ich in den letzten Jahren Erfahrung in der sportlichen Entwicklung junger Spieler machen dürfen. Junge leistungsorientierte Athletinnen und Athleten sollten nicht nur im Basketball, ab ihrem 12./13. Lebensjahr athletisch gefördert und gefordert werden. Dabei sprechen wir nicht mehr von „sich bewegen“, sondern zielgerichtetem Training. Hier legen die Stammvereine der Region sicherlich schon eine gute Basis.

Meines Erachtens ist es aber ab dem Sprung in eines der Bundesliganachwuchsteams (JBBL, WNBL) wichtig, neben der basketballerischen Weiterentwicklung – technisch und taktisch– auch der athletische Komponente mehr Bedeutung zukommen zu lassen. Drei bis vier gemeinsame Trainingseinheiten, gepaart mit zwei- bis dreimal Athletik sind hier anzustreben. Hierzu bedarf es aber auch die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.

Gibt es dafür positive Beispiele?

Ich finde, da macht das Basketball-Teilzeit-Internat Grünberg (BTI) mit Trainern wie Aleksandra Kojic und Bundestrainer Stefan Mienack seit Jahren im weiblichen Bereich einen sehr guten Job, in dem sie entsprechende Bedingungen geschaffen haben, die solch ein Training zulassen und dies auch nachhaltig umsetzen. Ich glaube, der Mittelhessen ist im männlichen Bereich auf einem guten Weg dorthin, um potenziellen Talenten, aber auch den bestehenden wie Bjarne Kraushaar, Kevin Strangmeyer und David Amaize, eine gute Plattform zu bieten sich entwickeln zu können und damit Anreize zu schaffen, in der Region zu bleiben.

Was ist Ihre Aufgabe im Athletik Camp?

Im Athletik Camp widme ich mich sportartübergreifend der Weiterentwicklung junger Sportlerinnen und Sportler im athletischen Bereich. Hier werde ich ab Sommer einen neuen Weg gehen. In Kooperation mit der heimischen Wirtschaft möchte ich das Projekt „Tokyo 2020“ angehen. Hierbei sollen zehn regionale Talente mit Perspektive sich mittelfristig auf nationalem und internationalem Niveau etablieren zu können, über vier Jahre gefördert werden. Dies bedeutet konkret, dass in Absprache mit deren Trainern und Eltern ein zweimal wöchentliches Athletiktraining, begleitend zum eigentlichen sportartspezifischen Training stattfinden wird. „Paten“ aus der regionalen Wirtschaft werden dies monetär unterstützen, damit wir Equipment und Manpower aufbieten können um internationalen Ansprüchen gerecht zu werden.

Gibt es schon konkrete Erfolge?

In einem kleinen Rahmen, durch die Unterstützung des Sportamtes Gießen, können wir dies momentan schon umsetzen. Heimische Talente wie Lisa Mayer (Leichtathletik), Charlotte Kohl (Basketball) und Lena Preuß (Biathlon) trainieren gemeinsam einmal wöchentlich in Gießen. Erste Erfolge sind hier zu erkennen und sollen mit der Intensivierung des Projektes ausgebaut werden. Die Gruppe soll entsprechend vergrößert und in Bezug auf die Sportarten erweitert werden.

Danke für das Gespräch!

(RP/aj)

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