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Wie Menschen mit Behinderung in Afghanistan als „Märtyrer“ vermarktet werden

Abgerissene Arme, Beinstümpfe, Blindheit: Reise in ein Land, das mit seinen vielen Kriegsversehrten hoffnungslos überfordert ist. Eine Reportage von Christine-Felice Röhrs

Der ehemalige afghanische Soldat Matiullah trainiert in einer Sporthalle der afghanischen Armee in Kabul für die Invictus-Spiele in Kanada. Die Invictus-Spiele sind ein großes Sportereignis für versehrte Armeeangehörige aus aller Welt. Er ist einer von Tausenden von Kriegsversehrten, die zusammen mit sieben anderen ausgewählt wurden, um Afghanistan zu vertreten. Matiullah war 2009 in der südafghanischen Provinz Kandahar verletzt worden. Bei einer Fußpatrouille trat er auf eine von den Taliban gelegte Mine und verlor das erste Bein. Als ein Sanitäter kam, um ihm zu helfen, lösten Taliban einen weiteren Sprengsatz aus, der sein zweites Bein abriss.   (Foto: Christine-Felice Röhrs/dpa)

Der ehemalige afghanische Soldat Matiullah trainiert in einer Sporthalle der afghanischen Armee in Kabul für die Invictus-Spiele in Kanada. Die Invictus-Spiele sind ein großes Sportereignis für versehrte Armeeangehörige aus aller Welt. Er ist einer von Tausenden von Kriegsversehrten, die zusammen mit sieben anderen ausgewählt wurden, um Afghanistan zu vertreten. Matiullah war 2009 in der südafghanischen Provinz Kandahar verletzt worden. Bei einer Fußpatrouille trat er auf eine von den Taliban gelegte Mine und verlor das erste Bein. Als ein Sanitäter kam, um ihm zu helfen, lösten Taliban einen weiteren Sprengsatz aus, der sein zweites Bein abriss. (Foto: Christine-Felice Röhrs/dpa)

Eigentlich hätte Abdul Manan, jüngst ausgemusterter Veteran des afghanischen Krieges, zum Mittagessen kommen sollen. Auf dem Tisch in einem beliebten Restaurant in Kabul stehen Kebab, Kabuli-Reis und rote Bohnen. Aber Abdul Manan, der sich vorsichtig auf blaue Plastikpolster hat sinken lassen, das gelähmte Bein von sich gestreckt, schafft nur ein paar Löffel Hühnersuppe angedickt mit Maismehl. Seitdem er verletzt wurde, isst er weniger und weniger.

„Ich war mal ein starker Mann“,

sagt er fast entschuldigend. Heute spannt die Haut über spitzen Wangenknochen, die Kleidung schlottert an den linealgeraden Linien seines Körpers herunter.

Manan war 34 Jahre Soldat, zuletzt Dagarman, also Oberstabsfeldwebel, als er im vergangenen Jahr in Baghlan, Nordafghanistan, bei Dand-e Ghori einen Nachschubkonvoi in schwere Gefechte hineinfuhr. Dort trafen ihn mehrere Kugeln in den unteren Rücken und den rechten Oberschenkel. Wichtige Aufgaben habe man ihm anvertraut, sagt Manan, ein Berater der Kommandeure sei er gewesen. Vielleicht schrumpft der Appetit an diesem lähmenden Gefühl, dass es das war mit seinem Leben. Manan ist erst 55, aber er verbringt die meisten seiner Tage nur noch zuhause. „Und keiner der Kommandeure, die mir früher ihr Leben anvertraut haben, hat sich bei mir gemeldet“, sagt er.

Abdul Manan ist einer von rund 12.000 Sicherheitskräften, die allein im vergangenen Jahr im Krieg mit den radikalislamischen Taliban verletzt wurden. (Foto: Christine-Felice Röhrs/dpa)

Abdul Manan ist einer von rund 12.000 Sicherheitskräften, die allein im vergangenen Jahr im Krieg mit den radikalislamischen Taliban verletzt wurden. (Foto: Christine-Felice Röhrs/dpa)

Schockierende Zahlen und Schicksale

Der Krieg mit den Taliban, der sich seit Ende der Nato-Kampfmission 2014 rasant verschärft, frisst afghanische Soldaten und Polizisten in einem Ausmaß, das westliche Militärs schockierend nennen. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden 2531 Mitglieder der Sicherheitskräfte getötet und 4238 verletzt, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Spezialinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan.

Im ganzen Jahr 2016 waren es rund 7000 Tote und rund 12.000 Verletzte – in einem Jahr ein Vielfaches aller Opfer aller internationalen Streitkräfte seit Beginn ihres Afghanistaneinsatzes im Jahr 2001. Die USA, die Zehntausende Soldaten in Afghanistan hatten, betreiben um die Rückkehrer aus diesem und anderen Kriegen, und besonders die Versehrten, großen Aufwand. Es gibt ein Ministerium für sie. Einen Veteranentag, an dem sie gefeiert werden. Es gibt Dienstellen, die helfen, Arbeit zu finden, es gibt Sozialarbeiter und Therapeuten von Physio bis Psycho. In Afghanistan gibt es kaum etwas von alledem. Das Land ist so damit beschäftigt, einen Krieg auszufechten, dass es sich nur um seine Starken kümmern kann.

„Die Hilfe ist schon unkoordiniert, was die Familien von getöteten Sicherheitskräften angeht“, sagt ein hoher westlicher Militär in Kabul. „Es ist noch schlimmer, was die Überlebenden angeht.“

Der Soldat Sabiuallah liegt im größten Militärkrankenhaus in Afghanistan in der Hauptstadt Kabul. Während einer Patrouille trafen ihn Splitter einer Bombe am Arm und im Gesicht. (Foto: Christine-Felice Röhrs/dpa)

Der Soldat Sabiuallah liegt im größten Militärkrankenhaus in Afghanistan in der Hauptstadt Kabul. Während einer Patrouille trafen ihn Splitter einer Bombe am Arm und im Gesicht. (Foto: Christine-Felice Röhrs/dpa)

„Für ihn können wir nichts mehr tun“

Im größten Militärkrankenhaus des Landes in Kabul ist das aus der Nähe zu besichtigen. Bei dem Besuch Ende Juli läuft der Chefpfleger, ein Herr mit blauer Mütze und freundlichen Augen, an einer Krücke. Ein Arzt in der Intensivstation humpelt. Im April hatten Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Klinik angegriffen. Hatten sieben Stunden lang auf Patienten in ihren Betten geschossen und mit Handgranaten um sich geworfen. Der Chefpfleger war aus Angst aus dem
dritten Stock gesprungen. Niemand hier hat psychologische Hilfe bekommen.

Das afghanische Militär hat landesweit sechs Krankenhäuser. Zwei weitere werden wegen der vielen Opfer gerade in Kundus und Bagram gebaut. Aber hierher nach Kabul, geschüttelt von Anschlägen, aber noch verschont von Gefechten, kommen die schlimmsten Fälle.

Auf der Intensivstation liegt im ersten Bett neben der Tür ein junger Mann mit einem Kissen unter dem Rücken. Sein Kopf wurde darüber zurückgelegt, damit er freier atmen kann. Eine Kugel hat ihn im Hals getroffen. Arme und Beine sind jetzt gelähmt, aber der junge Mann, ein Polizist, ist bei Bewusstsein. Seine Augen sind halb geöffnet. Sie blicken starr an die Decke, pockennarbige, angegraute Kacheln. Er atmet flach und stoßend, ein, aus. Er flüstert nach Wasser. Die Kugel steckt noch im Körper. „Für ihn können wir nichts mehr tun“, sagt der Leiter der Intensivstation.

„Wir lassen ihn so. In ein paar Tagen versagt seine Atmung.“

Es ist die pragmatische, vielleicht barmherzige Lösung in einem Umfeld mit knappen Ressourcen.

Eine Armee der Beinlosen

Alles, was nach der Klinik kommt für die Patienten – das Überleben als an Körper und Seele versehrter Mensch – ist nur noch Privatsache. Pflegeheime gibt es nicht in Afghanistan. Die Familie ist das Kernhilfssystem in der Gesellschaft, aber Familien sind oft überfordert mit den Folgen dieses abermaligen Krieges. „Manchmal können die Versehrten nicht einmal mehr nach Hause, weil dort schon die Taliban sind, die an den Verletzungen sofort erkennen, wenn jemand gegen sie gekämpft hat“, sagt der Chef der Orthopädie, Aschraf Achmadsai. „Sie würden sie töten.“

Bei einem Rundgang durch seine Abteilung – eine wachsende Armee der Beinlosen, verursacht von den Sprengfallen der Taliban – stellt Achmadsai einen jungen Mann vor, dessen Beine an der Hüfte amputiert sind. Abdul Rakim war in Kundus verwundet worden, bei Kämpfen im Bezirk Tschardara, der von den Taliban kontrolliert wird. Aber in seiner Heimat in Logar sieht es ähnlich aus. Jetzt ist Rakim gestrandet, in einer Außenstelle der Klinik. 40 Betten gibt es da, immer voll. Ein Parkplatz zumindest für einige der Veteranen, für die es sonst keine Lösung gibt.

Ein US-amerikanischer Militärhubschrauber vorgestern in Kandahar über der Stelle, an der ein Selbstmordanschlag auf einen Nato-Konvoi verübt wurde. (Foto: Str/AP/dpa)

Ein US-amerikanischer Militärhubschrauber vorgestern in Kandahar über der Stelle, an der ein Selbstmordanschlag auf einen Nato-Konvoi verübt wurde. (Foto: Str/AP/dpa)

„Das Problem ist, dass die Regierung das Geld nicht hat für all diese neuen Veteranen“, sagt Ali Akbar Dschafari, der für „Hilfe für Helden“ arbeitet. Die NGO, die 2016 ein erstes Büro in Kabul eröffnet hat, ist die einzige im Land, die den oft illiteraten Militär- und Polizeiopfern des Krieges hilft: mit dem Papierkram für Anträge, mit Rechtsberatung, Ausbildungsstipendien oder Jobsuche.

Die „Unbesiegbaren“ bei den Paralympics

Versehrte Veteranen bekommen weiter ihr volles Gehalt, das oft zwischen 150 und 220 Euro liegt, und sie und ihre Familien können in Militärkrankenhäuser gehen, wenn sie krank sind. Zumindest auf dem Papier gibt es auch Ausbildungshilfen. Aber viele Veteranen wüssten das nicht, sagt Dschafari, und das System biete Leistungen nicht aktiv an. Es verlange von den Opfern, sich selber zu bemühen.

Für die Heldenhelfer-NGO arbeitet auch Matiullah, der selber ein Kriegsversehrter ist. Er ist sportlich und groß, zumindest auf seinen zwei Bein-Prothesen. Ohne sie steht er auf Oberschenkelstummeln. Matiullah war 2009 in Kundus verletzt worden, von ferngesteuerten Sprengsätzen. Zuerst ein Bein abgerissen, dann, als ein Sanitäter kam, um ihm zu helfen, das zweite weggesprengt. Der Sanitäter starb. Matiullah erzählt davon in der Sporthalle eines Trainingszentrums der Armee. Um ihn herum sitzen weitere Männer mit Kriegsverletzungen.

Matiullah ist auch Mitglied des Invictus-Teams: einer von sieben „Unbesiegbaren“, die die Armee im September zu den Paralympics für Soldaten nach Kanada schickt. Es ist nicht das erste Mal, dass Afghanen zu den Invictus-Spielen reisen, aber das erste Mal, das die Armee sie dafür länger trainiert. Eine Riesenmaschinerie vermarktet das kleine Team. Angesichts des allgegenwärtigen Sterbens und der Verkrüppelungen im Kampf für den Staat werden die Unbesiegbaren den Soldaten als Beispiel vorgehalten.

„Abends treffen sie die jungen Soldaten, die für ihre Ausbildung im Trainingszentrum sind“, sagt der Betreuer. „Die sehen dann, dass sie nationalen Helden werden, wenn sie im Kampf ihre Gesundheit verlieren, und dass die Armee sich weiter um sie kümmert.“

Die Wahrheit hinter den Schlagzeilen

Aber das stimmt nicht, sagt Dschafari von Hilfe für Helden. Das Verteidigungsministerium und das Innenministerium hätten nur kleine Abteilungen für die, die nicht mehr einsatzfähig sind.

„Sie schreiben eigentlich nur Entlassungsbriefe“,

sagt Dschafari. Danach gäben sie die Verantwortung ab an das Ministerium für Arbeit, Soziales, Märtyrer und Behinderte. Ausgerechnet, könnte man sagen. Das Ministerium gilt als eines der schlechtesten im Land.

Bei zwei Gesprächen mit Mitarbeitern der Direktorate für „Märtyrer“ und „Behinderte“ werden die Probleme im Detail deutlich. Zum Beispiel: Die Ärzte in den Militärkliniken verschreiben Behandlungen, die in Afghanistan nicht machbar sind – und im Sozialministerium müssen sie dem Versehrten dann sagen, dass für eine Reise ins Ausland kein Geld da ist. Abdul Manan, der alte Soldat, hat sein Land verkaufen müssen, um eine weitere Operation in Indien zu bekommen.

Prothesen sind auch ein Streitpunkt. „Manche mögen die Notprothesen nicht, die wir ihnen geben“, sagt Humajun Sajak, ein Abteilungsleiter. Sie sind zu schwer und schmerzen an den Stümpfen. „Aber die besseren sind zu teuer für uns.“

Das Ministerium ist außerdem zuständig für die Auszahlung der Gehälter der Ex-Kämpfer. Ihre Zahl sei seit vergangenen Jahr um 20 bis 25 Prozent gestiegen, sagt der Leiter des Direktorats, Mohammed Din Kanai – aber eine Budgeterhöhung habe er nicht bekommen. Vor dem Büro sitzen mehrere gelähmte Männer, ehemalige Soldaten, die sagen, sie seien gekommen, weil sie seit Monaten auf Geld warten. Kanai deutet an, dass er Leistungen für Zivilisten kürzen muss, um den versehrten Soldaten und Polizisten zu helfen.

Die Kriegsversehrten, die es schaffen, ihr Leben wieder aufzubauen, sind Menschen wie Matiullah. Sie warten nicht auf ihre Regierung.

„Als beide Beine ab waren, da wollte ich mich zuerst umbringen“,

sagt Matiullah. Aber dann habe er sich YouTube-Clips angeschaut über Menschen mit Behinderungen in anderen Ländern und wie sie ihr Leben leben. Er hat angefangen, beim Internationalen Roten Kreuz in Kabul Rollstuhlbasketball zu spielen, hat Englisch- und Computerkurse genommen und einen Job bei Hilfe für Helden gefunden.

Matiullah ist bis zur 12. Klasse in die Schule gegangen. Er kann lesen und schreiben, und sein Vater war Regierungsbeamter in der Hauptstadt. Seine Familie hatte die Energie und die Mittel, um in seine Genesung zu investieren. Es ist eine glückliche Kombination von Vorteilen. Die haben nicht viele der Kriegsversehrten in Afghanistan.

(dpa)

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2 Kommentare

  • Daniel Horneber

    Keine Kritik am Einsatz der Nato und meiner Meinungnach eine zu große Fixierung auf Soldaten als Opfer und alle durch die Taliban was soll das?

    4. August 2017 at 19:54
  • Stefan Sandor

    Weil es anscheinend die Realität ist.

    7. August 2017 at 09:11

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