Wie Politiker mit ihrer Behinderung oder Krankheit umgehen (müssen)

Obwohl sie ja auch nur Menschen sind: Die Frage nach dem gesundheitlichen Zustand ihres Spitzenpersonals veranlasst die Politik häufig zu taktischen Manövern.

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, lebt mit Multipler Sklerose und ist manchmal mit dem Rollstuhl unterwegs. (Foto: Roland Holschneider/dpa)

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, lebt mit Multipler Sklerose und ist manchmal mit dem Rollstuhl unterwegs. (Foto: Roland Holschneider/dpa)

Im Oktober 1990 wurde Wolfgang Schäuble Opfer eines Messerstechers, seither sitzt er im Rollstuhl. Als er nur wenige Monaten später in die Politik zurückkehrte, gab es viele, selbst in der eigenen Partei, die daran zweifelten, ob er den Aufgaben gewachsen sei – ein typisches Vorurteil, das viele Menschen mit Behinderung trifft. Der Neu-Querschnittgelähmte ignorierte jedoch die vermeintlich gut gemeinten Ratschläge, aufzuhören und beharrte darauf, weiterzumachen: „Das könnt ihr mir nicht auch noch nehmen.“

Und so kann man sich täuschen: Schäuble ist seit 2009 Bundesfinanzminister und seit 1972 für den Wahlkreis Offenburg im Parlament – daran hat auch das Attentat nichts geändert. Der 73-Jährige, der am Sonntag Geburtstag feiert, ist damit in der Geschichte der Bundesrepublik der am längsten amtierende Bundestagsabgeordnete. Und soeben hat die CDU-Sphinx angekündigt, zur Bundestagswahl im nächsten Jahr wieder anzutreten (ROLLINGPLANET berichtete: Schäuble will es wissen).

Spätestens seit Hillary Clintons Lungenentzündung, die sie für einige Tage schmachmatt setzte und die ihr möglicherweise wichtige Prozentpunkte gegen Donald Trump im Kampf um die US-Präsidentenschaft kostet, ist das Thema Politiker und Gesundheit ein weltweites Gesprächsthema. Was viele angesichts ihrer Wut auf „die da oben“ oft vergessen: Politiker gehen oft an ihr körperliches Limit – banal gesagt: Auch Politiker sind nur Menschen. Mit kleinen Wehwechen oder größeren Handicaps.

Ist das eine Tugend?

Höhepunkt Ukraine-Krise: Kanzlerin Angela Merkel ringt in einem beispiellosen Diplomatiemarathon um Frieden für den Osten des Landes. Ihre Stationen in den sieben entscheidenden Tagen im Februar 2015: Berlin, Kiew, Berlin, Moskau, München, Berlin, Washington, Ottawa, Berlin, Minsk. Unmittelbar danach geht es nach Brüssel, dort steht ein Treffen zur griechischen Finanzkrise an.

Spitzenpolitik ist ein Knochenjob, oft über Grenzen der Belastbarkeit hinaus: Stress, lange Arbeitstage, kaum Schlaf, öffentlicher Druck. Auszeiten gibt es kaum. Ende März 2011 wird Merkel am Meniskus operiert, drei Tage später eröffnet sie auf Krücken gestützt die Hannover Messe. Auch die Altkanzler Willy Brandt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) schleppten sich manches Mal krank zu Terminen.

Doch ist es eine Tugend, den Körper bis zur Erschöpfung treiben zu können? Ab wann gibt es ein Recht auf Privatsphäre, ab wann aber auch ein berechtigtes Interesse der Bevölkerung an der Verfassung ihrer Volksvertreter?

Den Körper bis zur Erschöpfung treiben

In den USA ist wegen der angeschlagenen Gesundheit von Hillary Clinton eine Debatte über ihre Eignung als mögliche Präsidentin entbrannt. Politiker müssen immer stark sein, so der Anspruch der Bürger. Schwäche zu zeigen, bietet Gegnern aus den eigenen Reihen oder dem gegnerischen politischen Lager Angriffsfläche. Die Angst vor Machtverlust, der Rausch des eigenen Einflusses und übersteigertes Pflichtgefühl sind drei Gründe, Alarmsignale des Körpers zu überhören.

Die Liste derer, die dies taten, ist lang: Altkanzler Kohl stand nach eigenen Angaben auf einem Parteitag im September 1989 wegen heftiger Unterleibsschmerzen kurz vor dem Zusammenbruch. „Ich bekam wahnsinnige Schmerzen, und es kam mir vor, als könnte ich jeden Moment ohnmächtig werden“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Kohl, der unter Prostata-Geschwulsten litt, hielt aber durch. Grund: Die Furcht vor einem Putsch.

Sein Vorgänger Helmut Schmidt (SPD) hatte lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Ex-Verteidigungsminister Peter Struck hielt mit einem Schlaganfall hinter dem Berg. CSU-Chef Horst Seehofer ignorierte gesundheitliche Probleme so lange, bis er 2002 mit einer Herzmuskelerkrankung auf der Intensivstation landete. Später sagte er einmal: „Natürlich sind wir alle Junkies.“

So wenig dies andere etwas angehen mag, die Crux am Verheimlichen oder an Halbwahrheiten ist: Offizielle Abwesenheitsgründe befeuern mittlerweile häufig Spekulationen über mögliche andere Ursachen.

Manche ziehen die Notbremse

Was in der Öffentlichkeit kaum erwähnt wird, obwohl sie als Ministerin für Arbeit und Soziales zu den Akteurinnen mit den häufigsten Politikauftritten gehört: Andrea Nahles ist schwerbehindert. Aufgrund eines Hüftleidens nach einem Autounfall kurz nach ihrem Abitur hat die rheinland-pfälzische Ex-Langzeitstudentin (20 Semester Politik, Philosophie und Germanistik) einen Behindertenausweis (GdB 50).

Es gibt aber auch Beispiele, in denen Politiker offen mit körperlichen Problemen umgehen oder dazu gezwungen werden. So zog Matthias Platzeck 2006 die Notbremse und trat nach zwei Hörstürzen, einem Kreislauf- und einem Nervenzusammenbruch nach nur wenigen Monaten als Chef der Bundes-SPD zurück. Nach einem Dauereinsatz bei der Elbeflut im Sommer 2013 erlitt er einen leichten Schlaganfall und legte auch das Amt des Ministerpräsidenten Brandenburgs nieder.

Kein Geheimnis aus seinem Prostatakrebs und Herzproblemen macht Wolfgang Bosbach. Vor vier Jahren ging der CDU-Innenexperte damit an die Öffentlichkeit. Ein Nachteil erwuchs ihm nicht daraus. Im Jahr 2013 zog er mit einem Direktmandat erneut in den Bundestag ein.

Dass es in der Politik mitunter mit Rücksicht und Toleranz auch nicht weit her ist, zeigt ein Beispiel aus dem rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf 2016. Die an Multipler Sklerose erkrankte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sah sich abfälligen Äußerungen eines CDU-Lokalpolitikers ausgesetzt. Dieser hatte in einem Facebook-Beitrag die Frage gestellt, ob die SPD mit Dreyer nun „auf der behinderten Mitleidsschiene“ fahren wolle. Dazu hatte er Fotos von Dreyer aus dem Jahr 2013 gestellt, die sie im Rollstuhl zeigen. Gegen den Politiker wurde ein Parteiausschluss eingeleitet. Auch aus Sicht seiner eigenen Partei hatte er Grenzen des Anstands überschritten.

(RP/ Von Sebastian Engel/dpa)

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