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Wie Schweinsteiger, das kletternde Schwein, zu einem Aktion-Mensch-Skandal gerät

Gehörlosenschule bringt WM-Vokabelheft heraus – die dazugehörige PR entlarvt die ZDF-Soziallotterie.

Der gehörlose Schüler Kadir aus der Heimsonderschule Haslachmühle in Hasenweiler  zeigt seine  Gebärde für den Fußballspieler Mesut Özil (Foto: Felix Kästle/dpa)

Der gehörlose Schüler Kadir aus der Heimsonderschule Haslachmühle in Hasenweiler zeigt seine Gebärde für den Fußballspieler Mesut Özil (Foto: Felix Kästle/dpa)

Als Aktion Mensch im Herbst 2010 einen neuen Pressesprecher suchte, erhielten selbst hochqualifizierte Kandidaten mit Behinderung eine dürre Absage und wurden nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Das sagt viel über die Soziallotterie aus, die sich, wie ROLLINGPLANET schon mehrfach beklagte, gerne als der einzig wahre Glücksbringer für Menschen mit Behinderung geriert. Aber dazu später noch mehr.

Zunächst ein Ausflug in die Nähe von Ravensburg in Baden-Württemberg: Kadirs Hände fliegen durch die Luft. Der 19-Jährige schaut gebannt auf den Bildschirm, auf dem Szenen der vergangenen Fußball-WM zu sehen sind. In rasender Geschwindigkeit zeigt er eine Geste nach der anderen, ärgert sich über die Spieler, freut sich über ein besonders gelungenes Tor. Denn Kadir ist gehörlos – mit seinen Klassenkameraden an der Heimsonderschule Haslachmühle bei Ravensburg tauscht er sich am liebsten mit Gebärden über sein Lieblingsthema aus. Zusammen mit ihrem Lehrer Daniel Fabian haben sie nun eine Art Vokabelheft für die Fußball-Weltmeisterschaft zusammengestellt.

„Wir haben gemerkt, dass die Schüler zwar Gesten für Fußballbegriffe hatten“, sagt Fabian. „Die waren aber nicht systematisch und miteinander abgestimmt. Deswegen haben sie manchmal aneinander vorbeigeredet.“ Die Schüler nutzen teils Gesten aus der Deutschen Gebärdensprache, aber auch die einfacheren Zeichen aus der Sammlung „Schau doch meine Hände an“, die in den 80er Jahre an der Sonderschule entwickelt wurde. Insgesamt gibt es dort rund 1500 Gebärden.

„Sie tun mir leid“

Die gehörlose Aktivistin Julia Probst sieht das Werk „Schau doch meine Hände an“ skeptisch: „(…) Die Schüler der Haslachmühle (tun mir) leid, denn sie verwenden einen Mix zwischen der offiziellen Deutschen Gebärdensprache und der vereinfachten Gebärdensprache, die von den Pädagogen ausgedacht wurde. GUK heißt die vereinfachte Kommunikation und ist aus dem Buch ,Schau doch meine Hände an‘ woraus einem klar wird, dass es sich um GUK (Gebärdenunterstützende Kommunikation) handelt, also gar nicht um die echte Deutsche.“ Probst ist Fußball-Expertin – als Lippenleserin bei Fußballspielen hat sie sich einen Namen gemacht und ist auch deshalb ein twitter-Star geworden.

Rund 80.000 Menschen in Deutschland sind nach Angaben des Deutschen Gehörlosen Bundes gehörlos. Die meisten davon kommunizieren vorwiegend in Gebärdensprache – einem visuellen Sprachsystem mit eigener Grammatik. Aber wenn es um Begriffe wie Abseits, dribbeln oder Einwurf ging, wurden die Schüler der Haslachmühle in ihren Wörterbüchern nicht so recht fündig. „Dadurch ist die Idee entstanden, selbst ein Heft zu machen“, sagt Fabian. Die Schüler und ihr Lehrer setzten sich mit ihrem „Kompetenzteam“ zusammen – darunter gehörlose Fußballfans und -spieler, Schiedsrichter und eine Dolmetscherin.

Manche Begriffe fanden sie im Internet, in Videos oder anderen Sammlungen. Einige mussten sie dagegen selbst entwickelten, wenn sie keine Entsprechung dafür finden konnten. So entstand zum Beispiel die Geste für den Fallrückzieher: Man streckt Zeige- und Mittelfinger nach unten aus und wirft die Hand anschließend nach hinten.

Dolmetscherin klärt auf

Bastian Schweinsteiger ist das "kletternde Schwein" (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Bastian Schweinsteiger ist das „kletternde Schwein“ (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Dabei seien aber keine Gebärden „erfunden“ worden, stellt Laura Schwengber auf ihrer Homepage und auf ROLLINGPLANET klar – nachdem anderslautende Informationen verbreitet worden waren. Die Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache unterstützte die Jugendlichen der Haslachmühle bei ihrem Projekt. „Gebärden, für die keine Umsetzung zu finden war und die auch im Kompetenzteam nicht bekannt waren, wurden nach den üblichen Gebärdenbildungsprozessen entwickelt.“

So könne beispielsweise der Lautklang eines Wortes ein Motiv für eine Gebärde sein. Als Beispiel nennt Schwengber den Begriff „Ausschuss“, der als Geste aussehen könne wie „schießen“. Bei dem Wort „dribbeln“ sei der Zeigefinger zum Stellvertreter für den Spieler geworden, der die tatsächliche Bewegung des Spielers beim Dribbling nachmache.

Auch die Namen der Nationalspieler übersetzten die Schüler in Gebärden. Besonders leicht machten es dabei Namen mit einer konkreten Bedeutung: So wurde der Bayern-Profi Bastian Schweinsteiger mit der Umschreibung „das kletternde Schwein“ übersetzt, Philipp Lahm ist der „langsam Laufende.“

Lieber Ronaldo als Özil

Kadirs Lieblingsgebärde ist aber die von Mesut Özil: Weil der Fußballer einen guten Blick für das Spielgeschehen habe, hebt man bei seiner Geste Daumen und Zeigefinger vor das Auge und öffnet sie dann. Aber ist Özil auch sein Lieblingsspieler? Der 19-Jährige, der von den Lippen lesen kann, schüttelt heftig den Kopf. Dann deutet er mit seiner rechten Hand eine Halbkugel über seinem linken Oberarm an. Das Zeichen ist für seine Mitschüler eindeutig: Für Kadir heißt der beste Spieler Cristiano Ronaldo.

Bei einem Fußballer bedauert Daniel Fabian, dass er es nicht in den Kader für die WM geschafft hat: Die Geste für Marcel Schmelzer sieht aus, als würde man einen riesigen Kaugummi in die Länge ziehen. So eine gute Gebärde – und dann darf der Spieler nicht mit nach Brasilien. „Da hätte Joachim Löw doch wirklich Rücksicht auf uns nehmen können“, sagt Fabian.

Rote Karte für Aktion Mensch

Julia Probst (Foto: bartjez.cc)

Julia Probst (Foto: bartjez.cc)

Die Initiative der Heimsonderschule Haslachmühle wurde finanziert unter anderem von der DFB-Stiftung Egidius Braun und der Aktion Mensch. Die dazugehörige PR ist jedoch zu einem Desaster geraten, beklagt Julia Probst. Bei einer Pressemitteilung des DFB und der Aktion Mensch – die auch von ROLLINGPLANET übernommen, aber nach Hinweisen von Lesern korrigiert wurde – seien reihenweise Fakten falsch dargestellt und ein Tabu-Begriff wie „taubstumm“ (er impliziert, dass sich gehörlose Menschen nicht verständigen können) verwendet worden. Beim DFB sind die beanstandeten Stellen heute immer noch zu finden.

Die Probst-Attacke sitzt und ist schärfer als jeder verwandelter Ronaldo-Freistoß: „Die Aktion Mensch ist (…) das schlimmste, was Menschen mit Behinderungen passieren kann. Sie verbreitet gezielt Desinformationen und kümmert sich einen Dreck darum, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dastehen. Hauptsache, es wird über die Aktion Mensch geredet und deren Förderung – ohne die Aktion Mensch wäre das gar nicht zustande gekommen und Menschen mit Behinderungen hätten ohne die Aktion Mensch gar keine Stimme. (Man beachte bitte meine Ironie im letzten Satz.)“, schreibt Probst in ihrem Blog Augenschmaus, in dem die Autorin ihre Kritik detailliert untermauert.

„Die Aktion Mensch lügt dreist“

„Jüngstes Beispiel der Aktion Mensch für so eine schlimme Pressearbeit: Sie hat verbreiten lassen, dass es für Abläufe im Fußball keine Gebärden gibt oder für Fußballer selbst es keine Namensgebärden gibt. Und nur der Aktion Mensch und deren Förderung sei es zu verdanken, dass man sich zusammengesetzt hat mit der Heimsonderschule Haslach und Begriffe in Gebärdensprache erdacht hat, die man dann fotografiert hat für die Verbreitung als Poster,“ kritisiert Probst. „Die Aktion Mensch lügt dreist, um ihr Projekt zu promoten.“

Es wäre nicht das erste Mal, ergänzt ROLLINGPLANET, dass die Aktion Mensch dreist lügt, wie eine TV-Kampagne aus dem Herbst vergangenen Jahres beweist.

(RP/mit Materialien von Kathrin Streckenbach/dpa)

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2 Kommentare

  • RolfiRolli Rolf

    Wie lustig, dass Julia Probst sich als Experten für Gebärdensprache generieren will. Berichtet RP auch mal darüber, dass JP nach Aussage vieler Gehörloser die Gebärdensprache gar nicht richtig beherrscht? Oder wollt ihr euch auch auf Kosten der Aktion Mensch profilieren?

    9. Juni 2014 at 17:22
  • Julia Probst

    Stellungsnahme von Julia Probst

    Die Gebärdensprache ist nicht meine Muttersprache, das ist korrekt und ich habe auch nie behauptet, dass ich die Gebärdensprache auf Muttersprachler-Niveau beherrsche. Dieser Fakt ist nachzulesen in den diversen Interviews.

    Aber ich beherrsche sie. 🙂 Und wenn ich sie nicht beherrschen würde, dann würde ich auch keine Gebärdensprachdolmetscherin benötigen. 😀 Diesen Fakt kann man ebenfalls in diversen Interviews nachlesen.

    Aufgrund dieser Sachlage kann ich auf jeden Fall mitreden, wenn es um die Gebärdensprache und Gehörlose geht, denn ich bin auch ein Teil dieser Gemeinschaft als Gehörlose.

    Freundliche Grüße

    Julia Probst

    9. Juni 2014 at 17:45

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