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Wie sich Menschen mit Behinderung gegen „Ableismus“ wehren

Neue ISL-Broschüre mit Hubbe-Cartoons klärt über Verteidigungsstrategien auf.

Cartoonist Philipp Hubbe bei der Arbeit. (Archivfoto: Jens Wolf/dpa)

Cartoonist Philipp Hubbe bei der Arbeit. (Archivfoto: Jens Wolf/dpa)

Jetzt ist sie da, die ISL-Broschüre, auf die die Welt noch gewartet hat: „Ableismus erkennen und begegnen“. Wie bitte? Able-was? Oder soll hier etwas abgeleistet werden? Alles falsch!

Ableismus (gleichbedeutend wird auch im englischsprachigen Raum von Ableism gesprochen) ist die alltägliche Reduktion eines Menschen auf seine Beeinträchtigung. In der neuen Broschüre der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland – ISL e.V., die vom AOK Bundesverband finanziell gefördert wurde, wird das sozialwissenschaftliche Konzept des Ableismus erklärt. Die Herausgeber schreiben:

Solche Endungen deuten auf ein in sich geschlossenes Gedankensystem hin. Ableismus ist also die alltägliche Reduzierung eines Menschen auf seine Beeinträchtigung. Damit einher geht eine Abwertung (wegen seiner Beeinträchtigung) oder aber eine Aufwertung (trotz seiner Beeinträchtigung), wie in dem obigen Beispiel deutlich wird. Die jeweiligen Personen werden nicht als gleichberechtigte Gegenüber wahrgenommen, sondern etikettiert und auf- oder abgewertet.

Ein Beispiel: Frau A. fährt nach der Arbeit mit dem Bus nach Hause. Der Busfahrer ist angesichts der Rollstuhlfahrerin, die in der rush hour mitgenommen werden möchte, deutlich genervt und fragt: „Muss das denn sein, dass Sie um diese Zeit fahren“. Frau A. antwortet, es handele sich keineswegs um eine Kaffeefahrt, sondern der Bus solle sie von ihrer Arbeit nach Hause bringen. Daraufhin schlägt die Ablehnung des Busfahrers in übertriebene Bewunderung um: „Oh, das ist gut, dass Sie Arbeit haben und arbeiten können!“

„Eine solche Situation ist eines von unzähligen Beispielen für diesen neuen ,-ismus‘, der zwar in der einschlägigen Wissenschaft bereits länger diskutiert wird, im Alltag aber ein recht neues, noch ungewohntes Konzept ist“, betont die Autorin der Broschüre, Dr. Sigrid Arnade. „Das Verständnis dieses Konzeptes ist wichtig, um so manche unangenehme oder tief verletzende Erfahrung besser einordnen zu können“.

Aktiv gegen Benachteiligung wehren

So verdeutlichen Erfahrungsberichte von Betroffenen in der neuen Broschüre die verletzenden Mechanismen und zeigen Reaktionsmöglichkeiten auf. Ferner werden verschiedene Strategien bekannt gemacht, mit denen man Ableismus begegnen kann. Jede und jeder könne also davon profitieren, eine eigene Strategie entwickeln und sich so aktiv gegen diese Form der Benachteiligung wehren.

„Ableismus zu verstehen und zu durchschauen ist unabdingbar, um Ableismus auch hinter Lob oder Bewunderung zu identifizieren“, sagt Arnade. „Durch die vermeintlich wohlmeinenden Reaktionen des Umfeldes lässt sich das Ego manchmal zunächst täuschen. Wichtig ist, auf die eigenen Gefühle zu achten, die sich in der Regel nicht täuschen lassen“. Entscheidend sei es auch, sich immer wieder der eigenen Würde und des eigenen Werts bewusst zu werden.

Die 20-seitige Broschüre wartet noch mit einem besonderen Highlight auf: Die einzelnen Abschnitte sind mit passenden Cartoons von Phil Hubbe illustriert. Die Broschüre ist in den Formaten pdf und pdf-barrierefrei als Download kostenlos auf der ISL-Webseite www.isl-ev.de erhältlich.

(PM)

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3 Kommentare

  • dasuxullebt

    Man sollte wohl am Besten, wenn jemand mal genervt reagiert, mit Verständnis reagieren. Das Beispiel mit dem Busfahrer zeigt doch nur, dass er wenig Ahnung hatte. Und dass man jemanden bewundert der etwas trotz seiner Behinderung kann finde ich auch nicht so schlimm.

    Schlimmer finde ich da in den Medien zum Beispiel den „Behindertenbonus“ irgendwelcher Künstler.

    4. Februar 2017 at 01:42
    • Thomas Musiolik

      Merken Sie, dass Sie gerade selbst Abelism betreiben? Indem Sie einfach davon ausgehen, Sie müssten Personen Ratschläge zu ihrem Verhaltensweisen und Gefühlen geben in deren Situation Sie sich offenkundig gar nicht hinein versetzen können. Und die Leistung von KünstlerInnen kann man erst objektiv bewerten, wenn man selbst ein gleichwertiges Nveau an Kunstfertigkeit oder Begabung vorzuweisen hat. Nennen Sie doch mal lieber Namen anstatt so Allgemeinplätze zu verwenden…ich finde Menschen mit Behinderungen allgemein eher unterrepräsentiert in den Medien, es gibt 8 Mio in der BRD wo ist da der blinde oder rollstuhlfahrende Nachrichtensprecher z. B. bitte… also nix mit „Behindertenbonus“ dieses Wort ist ebenso diskriminierend wie „Sonderbehandlung“ (Nazi- Wort für KZs.)

      19. Februar 2017 at 02:58
  • Dani

    Ich bemühe mich wirklich immer um Verständnis und versuche immer freundlich zu bleiben, aber tatsächlich ist es in manchen Situationen schwer. Gesunden Menschenverstand kann man eigentlich von jedem erwarten… Wenn ich als Rollifahrerin vor einem Aufzug warte und jemand kommt zu mir und fragt: „Geht’s?“, danke denke ich mir schon manchmal „WTF“…

    Und, DASUXULLEBT, schlimm ist auch, bei richtigen guten Künstlern mit Behinderung ihre Qualität nicht (an)zuerkennen, sondern von vornherein gleich von Behindertenbonus zu sprechen. So geschehen beim Eurovision Song Contest, bei dem Tanzwettbewerb, bei dem eine (tolle) gehörlose Tänzerin gewonnen hat usw. usw.

    6. Februar 2017 at 23:08

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