Wie sinnvoll sind Naturheilverfahren bei Rheuma-Schmerzen?

Betroffene sind oft verzweifelt auf der Suche nach Alternativen oder Ergänzungen zur Schulmedizin. Welche Risiken zu beachten sind. Von Eva Dignös

Schülerinnen und Schüler aus Bad Wörishofen und Umgebung baden in der Fußgängerzone von Bad Wörishofen (Bayern) ihre Arme in mit kaltem Wasser gefüllten Wannen und demonstrieren so das Naturheilverfahren des berühmten Pfarrers Sebastian Kneipp (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Schülerinnen und Schüler aus Bad Wörishofen und Umgebung baden in der Fußgängerzone von Bad Wörishofen (Bayern) ihre Arme in mit kaltem Wasser gefüllten Wannen und demonstrieren so das Naturheilverfahren des berühmten Pfarrers Sebastian Kneipp (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Mit Rheuma zu leben – das heißt meist auch, mit Medikamenten zu leben. Nicht nur über Wochen und Monate, sondern über Jahre, oft für immer. Vor allem bei rheumatoider Arthritis, der häufigsten entzündlichen Gelenkerkrankung, an der in Deutschland nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie rund 550.000 Menschen leiden, haben die Medikamente neben der Schmerzlinderung die wichtige Funktion, dauerhafte Schäden an den Gelenken zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Heilen können sie die Krankheit nicht. „Und manche Patienten müssen erfahren, dass die Beschwerden trotz einer erfolgreichen medikamentösen Therapie zunächst andauern“, sagt Reinhard Hein, niedergelassener Rheumatologe und Arzt für Naturheilverfahren in Nienburg/Weser. Das frustriert und macht es erst recht schwierig, die chronische Krankheit als Teil des Lebens zu akzeptieren. „Die Diagnose Rheuma bedeutet immer einen großen Einschnitt“, sagt Cornelia Baltscheit. Die Psychologin hat selbst Rheuma und ist Vorstandsmitglied im Berliner Landesverband der Deutschen Rheuma-Liga, der Selbsthilfeorganisation für Rheuma-Patienten.

Große Bandbreite an Methoden

Naturheilverfahren können bei Rheuma eine gute Ergänzung sein. (Foto: Arno Burgi/dpa)

Naturheilverfahren können bei Rheuma eine gute Ergänzung sein. (Foto: Arno Burgi/dpa)

Naturheilverfahren erscheinen dann als verlockende Alternative: Sie gelten als sanfter, von weniger Nebenwirkungen begleitet. Und sie sind in der Rheumatherapie tatsächlich einen Blick Wert, sagt Hein – nicht als Alternative, aber als Ergänzung zur Schulmedizin.

Die Bandbreite an Behandlungsmöglichkeiten ist groß: Die klassischen Naturheilverfahren, die der Lehre von Sebastian Kneipp folgen, umfassen neben der Behandlung mit Heilpflanzen auch Wasseranwendungen, Ernährungs- oder Bewegungstherapien. So greifen die Wirkstoffe bestimmter Pflanzen in die komplexen Kaskaden an Signalen ein, die sich bei Entzündungen im Körper abspielen, wie Roman Huber – Leiter des Uni-Zentrums Naturheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg – erläutert.

Nachtkerze, Borretsch, Brennnessel oder Krallendorn sind solche Pflanzen. Einzelne Patienten erlebten dadurch eine Besserung der Symptome, verallgemeinern lasse sich das aber nicht, sagt Huber. „Insgesamt ist die Wirksamkeit der bisher in Deutschland verfügbaren Phytotherapeutika sowohl von der Studienlage wie auch von der klinischen Erfahrung her bei der rheumatoiden Arthritis als eher gering einzuschätzen.“

Umstellung auf vegane Ernährung

Größere Erfolge beobachtet Huber, wenn die Patienten auf eine vegane Ernährung umstellen – also keine Produkte tierischen Ursprungs mehr essen. „Bei veganer Ernährung sind weniger Entzündungsbotenstoffe im Körper feststellbar“, erläutert der Internist. Auch Heilfasten – dabei wird für einen begrenzten Zeitraum ganz auf feste Nahrung verzichtet – bringe manchen Patienten Besserung, sagt Baltscheit.

Aber die Erfahrung zeigt auch: „Es gibt keine ‚Rheuma-Ernährung‘, die jedem Betroffenen hilft.“ Ausprobieren ist oft die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, wie der Körper reagiert. „Wir empfehlen den Patienten, die vegane Ernährung drei Wochen lang zu praktizieren. Ein erster Effekt stellt sich nach drei Tagen ein, die maximale Wirkung nach drei Wochen. Die Patienten können dann selbst entscheiden, wie sie mit dieser Erfahrung umgehen“, berichtet Huber.

Gefahren von Naturheilverfahren

Denn auch das ist ein wesentlicher Aspekt der naturheilkundlichen Therapien bei Rheuma: Der Patient lernt Möglichkeiten kennen, auf das eigene Befinden Einfluss zu nehmen. „Zu wissen, dass sie der Krankheit nicht ausgeliefert sind, sondern selbst etwas tun können, ist für viele Betroffene sehr wichtig“, sagt Huber. Das kann ein kalter Quarkwickel sein, der die akuten Schmerzen im Knie lindert oder eine Meditationsübung, um dem mit der Krankheit verbundenen Stress zu begegnen. Oder auch der Saunagang, wenn die Entzündung abgeklungen ist, um durch die Wärme die Beweglichkeit zu verbessern.

Dr. med. Reinhard Hein

Dr. med. Reinhard Hein

Ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sollte allerdings keine naturheilkundliche Therapie begonnen werden.

„Die Naturheilverfahren dürfen nicht isoliert von der übrigen Therapie oder sogar als Ersatz von wissenschaftlich notwendigen Behandlungsmaßnahmen angewendet werden“, betont Hein. Denn sonst bestehe die Gefahr, dass nicht wieder gut zu machenden Gelenk- oder Gewebeschäden bleiben.

Nicht jeder Arzt kennt sich aus

Nicht jeder Rheumatologe ist mit Naturheilverfahren vertraut, nicht jeder ist bereit, sie anzuwenden. Wer auf die Behandlung Wert legt, sucht deshalb am besten nach einem Arzt, der eine Zusatzausbildung in Naturheilverfahren hat. Auch einige Kliniken bieten Behandlungen an, die Schulmedizin und Naturheilkunde verbinden. Die Kosten werden oft von den Krankenkassen übernommen. Bei ambulanten Anwendungen wird die Erstattung aber unterschiedlich gehandhabt. Deshalb sollte man sich schon vorab bei seiner Kasse informieren.

„Auf der Suche nach Linderung greifen viele Rheumapatienten zu jedem Strohhalm“, erlebt Baltscheit immer wieder. Das macht den Markt auch für unseriöse Therapie-Anbieter interessant. Wappnen könnten sich Rheumakranke dagegen am besten, indem sie nach Studienergebnissen fragen und sich mit Betroffenen austauschen. „Besondere Vorsicht ist immer geboten, wenn jemand verspricht, entzündliches Rheuma zu heilen, denn Rheuma ist bisher nicht heilbar.“

App „Rheuma-Auszeit“
Als eine Art Erste-Hilfe-Kasten mit verschiedenen und jederzeit abrufbaren Therapiemethoden ist die im Auftrag der Deutschen Rheuma-Liga entwickelte App „Rheuma-Auszeit“ gedacht: Sie enthält Anleitungen für Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung, für Selbstmassagen, Gedankenreisen, Kälte- und Wärmebehandlungen und Bewegungsübungen, die darauf abzielen, Betroffene im Umgang mit dem Schmerz zu unterstützen.
Die Anleitungen gibt es als Audio-Dateien, die Bewegungsübungen sind zusätzlich mit Fotos versehen. Die Anwendung für das Smartphone kann kostenlos im Google Play Store oder im App Store heruntergeladen werden.

(dpa/tmn)

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1 Kommentar

  • Nina

    Hmm…ich habe seit meinem 2ten Lebensjahr rheumatoide Arthritis (bin 35) und brauche seit 15 Jahren dauerhaft einen Rolli.

    Trotz der Schmerzen und dem ganzen Rest würde ich nie auf die Idee kommen mir durch veganes Essen ein Stück Lebensqualität zu nehmen….oder „Heilfasten“…?.
    Nein danke!

    8. März 2016 at 10:02

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