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Wie vermeide ich die Endstation Einsamkeit?

Frust als Single oder in der Partnerschaft, fehlende Berufswelt nach der Pensionierung, oder der Freundeskreis wird immer kleiner. Das Gefühl des Alleinseins kann jeden treffen – und ist oftmals eine Frage der Biografie. Von Carina Frey

Einsamkeit kann töten (Foto: Christina Maderthoner/pixelio.de)

Einsamkeit hat viele Gesichter. Manche Menschen sitzen alleine in ihrer Wohnung, ihnen fehlt jemand zum Reden. Andere leben mit einem Partner zusammen, haben Freunde und Kinder, fühlen sich aber trotzdem einsam.

Einsamkeit kann jeden treffen, zum Beispiel, wenn ein liebgewonnener Mensch stirbt. Alter allein ist kein Risikofaktor, auch wenn viele Menschen Angst davor haben, später einmal einsam zu sein. Hoffnungslos ausgeliefert muss man sich diesem Zustand aber nicht fühlen.

„Einsame Menschen gibt es in jedem Alter“, sagt Mechthild Niemann-Mirmehdi, die am Gerontopsychiatrischen Zentrum der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin arbeitet. „Oft ist es nicht das Alter, das zu Einsamkeit führt, sondern die Biografie“, ergänzt Prof. François Höpflinger, Soziologe an der Universität Zürich.

“Berufliche Kontakte verschwischen schnell“

Wer sich zum Beispiel über Jahrzehnte nur auf den Partner konzentriert und keine Freundschaften pflegt, laufe Gefahr, irgendwann einsam zu sein. Sei es, weil der Partner verstirbt und es keine andere Vertrauensperson gibt. Oder weil sich die Partner nichts mehr zu sagen haben und sprachlos nebeneinanderher leben.

Aber auch Menschen, die nur für den Job leben, riskieren, als Rentner einsam zu werden. „Berufliche Kontakte verwischen schnell“, sagt Prof. Höpflinger. Hinzu kommt, dass Umbrüche im Leben zu Gefühlen von Einsamkeit führen können. Beispiel Renteneintritt: „Wenn alle sagen: ‚Freu dich doch, jetzt hast du viel Zeit’, ich mich aber nicht darauf freuen kann, fühle ich mich schnell isoliert und einsam“, erklärt Caroline Bohn, die ihre Doktorarbeit über Einsamkeit geschrieben hat und in Bochum ein Coaching-Institut betreibt.

Allein unter vielen

Es ist ein Irrglaube, dass nur alleinstehende Menschen einsam sind. „Man kann unter vielen Menschen einsam sein, wenn man sich nicht zugehörig fühlt“, sagt Bohn. „Einsamkeit trotz Geselligkeit, selbst Einsamkeit zu zweit, kann mehr weh tun, als allein und einsam zu sein“, erklärt Niemann-Mirmehdi. „Man fühlt die Einsamkeit stärker, die Sehnsucht ist unmittelbarer.“

Zwar ist nur eine Minderheit älterer Menschen einsam. Und ihr Anteil hat sich in den vergangenen 30 Jahren verringert, sagt Prof. Höpflinger. Doch Ältere sind häufiger mit Situationen konfrontiert, die zu Einsamkeitsgefühlen führen können. An erster Stelle steht der Verlust von nahestehenden Personen. Sterben Freunde, Geschwister oder der Partner, „fallen viele Menschen in ein Loch und fühlen sich sehr einsam“, sagt Bohn.

Außerdem nehmen im Alter Erkrankungen zu. Krankheiten – ob seelisch oder körperlich – können zu Einsamkeit führen. „Die Menschen ziehen sich häufiger zurück“, sagt Prof. Höpflinger. Manche haben nicht mehr die Kraft, sich um Freundschaften zu kümmern. Andere sind körperlich eingeschränkt und brauchen Hilfe, wenn sie die Wohnung verlassen möchten. Ist niemand da, der diese Hilfe leistet, sitzen sie zu Hause fest.

Wenn man nicht mehr mitmachen darf

Haben Menschen das Gefühl, dass andere sie nicht am Leben teilhaben lassen, fühlen sie sich besonders häufig einsam. Mechthild Niemann-Mirmehdi erzählt von einer Frau, bei der kürzlich eine Alzheimer-Demenz diagnostiziert wurde. Daraufhin habe die Tochter stillschweigend unterbunden, dass sich ihre Mutter weiterhin mit der siebenjährigen Enkelin trifft, um gemeinsam etwas zu unternehmen.

Das sei für die Frau schlimmer als das Wissen um die Diagnose. „Es bedeutet eine tiefe Verletzung für ältere Menschen, wenn ihnen niemand mehr etwas zutraut und sie bevormundet werden“, erklärt die Leiterin der Therapeutischen Dienste. Ähnlich schlimm sei es, wenn ihnen ihre Verantwortungsbereiche und ihr Recht auf Selbstbestimmtheit genommen würden.

Gefühle von Einsamkeit lassen sich nicht verhindern, denn sie können jeden treffen. Es gibt aber Möglichkeiten, das Risiko zu verringern. „Pflegen Sie Kontakte“, rät Prof. Höpflinger. „Warten Sie nicht darauf, dass sich Ihre Kinder melden, sondern rufen Sie selbst an.“ Als Rentner sei es wichtig, aktiv zu bleiben und unter Menschen zu kommen. Wer nicht viel reden möchte, fühlt sich möglicherweise bei einer Schachgruppe wohl, wer regelmäßige Treffen scheut, in einer Wandergruppe, die ab und zu Ausflüge unternimmt.

Einsamkeit als Chance: Neues wagen

„Tun Sie Dinge, die Sie schon immer einmal tun wollten oder gerne wieder tun würden. Wagen Sie sich an Neues heran“, rät auch Niemann Mirmehdi. „Man ist nie zu alt, Dinge anzugehen, die Spaß machen.“ Körperlich eingeschränkte Menschen können sich beim städtischen Seniorenbüro erkundigen, ob es Fahrdienste gibt, die sie zum Chor oder zur Kirchengemeinde bringen.

Und wenn man sich trotzdem einsam fühlt? „Dann versuchen Sie, damit umzugehen“, rät Bohn. „Akzeptieren Sie, dass die Einsamkeit im Moment zu Ihrem Leben dazugehört und sorgen Sie gut für sich.“ Das können kleine Handlungen sein: Wer gerne draußen ist, der kann das Fenster öffnen und bewusst die frische Luft atmen. Und wer es gerne warm hat, dem tut vielleicht ein heißes Bad gut.

Setzt sich das Einsamkeitsgefühl fest, kann es sinnvoll sein, sich an eine telefonische Seelsorge, ein Krisentelefon oder an einen Arzt zu wenden. Möglicherweise steckt hinter der Einsamkeit eine bisher unerkannte seelische Erkrankung. 2Psychische Erkrankungen im Alter sind ebenso behandelbar wie in jungen Jahren“, sagt Niemann-Mirmehdi. „Gegen Einsamkeit im Alter kann man etwas tun.“

(dpa)

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1 Kommentar

  • Jutta Bohn

    Ich bin nicht nur einsam,sondern auch hör und gehbehindert. Am schlimmsten ist der Winter, man friert sehr viel. Auch in der Wohnung. Angehörigenhabe ich keine mehr. Und meine 2 Söhne sind tot. Niemand interessiert sich für mich. Früher nahm meine Freundin oft mit an die Ostsee,wenn sie Urlaub hatte. Jetzt hat sie eine neue Freundin,die viel jünger ist,gesund,verheiratet mit 3 Kindern, mit ihr sie lieber verbringt als mit mir mit meinen vielen Handycaps. Ich fühl mich wie ein Stück weggeworfenes Müll. Unter diesen Umständen ist mein Leben garnichts mehr wert, jeden ich auch anschreibe. Alle blocken mich ab.

    18. Juni 2016 at 22:18

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