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Wie Versicherungen mit Depressionen umgehen

Immer mehr Menschen werden aufgrund psychischer Erkrankungen berufsunfähig. Oft reicht dann das Geld nicht mehr. In solchen Notfällen soll die Berufsunfähigkeitsversicherung einspringen. Doch wie gehen die Assekuranzen mit Betroffenen um?

Zuggleise im Nebel

(Foto: Lutz Stallknecht/pixelio.de)

Stress am Arbeitsplatz, in der Familie, das Gefühl, überfordert und kräftemäßig am Ende zu sein. Immer mehr Menschen brechen mit Burnout und Depressionen zusammen. Zur Erkrankung kommt für die meisten die Sorge um die Existenz hinzu. Denn viele können – zumindest vorübergehend – nicht mehr arbeiten: In 2010 zählte die Bundesregierung 53,5 Millionen Krankentage allein aufgrund psychischer Erkrankungen.

Sie haben längst Rücken- und Herz- und Kreislaufleiden als Auslöser von Berufsunfähigkeit abgelöst. Dann soll eigentlich die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) einspringen. Doch die tut sich manchmal schwer mit der Anerkennung des Leidens und damit mit dem Auszahlen der vereinbarten Leistungen.

Private Assekuranzen zahlen nur ganz selten Rente aus

Versicherungsombudsmann Günter Hirsch hat beobachtet: „Beschwerden zur Berufsunfähigkeitsversicherung stehen nicht selten im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen.“ Hirsch weiß von „besonderen Schwierigkeiten“, wenn es um Erschöpfung, depressive Verstimmungen zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Trauerfall, der Pflege kranker Angehöriger oder Mobbing als Grund von Berufsunfähigkeit geht. Zahlen nennt der Ombudsmann zwar nicht.

Dafür aber der Bund der Versicherten mit Sitz in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg. Die Verbraucherorganisation geht davon aus, dass die privaten Assekuranzen nur bei etwa jedem 400. BU-Vertrag Rente auszahlen. Im Jahr 2011 gab es nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 16,9 Millionen BU-Verträge.

Weitere Probleme tauchen auf, wenn bereits Erkrankte eine BU abschließen wollen. Sie müssen damit rechnen, dass ihr Antrag abgelehnt wird. „Wenn das Leiden schon festgestellt ist, werden Sie keinen Versicherer finden“, ist Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in Mainz überzeugt.

Alternativen, die oft keine sind

Alternativen sind höhere Beiträge, abgespeckte Tarife oder der Ausschluss bestimmter Leistungsursachen, auch bei Gesunden. Von dieser letztgenannten Möglichkeit hält Wortberg nichts. Weil niemand „in der heutigen Lebenssituation davor gefeit ist, einmal an Burnout oder Depression zu leiden und in der Folge berufsunfähig zu werden“, sollte ein BU-Vertrag diesen Leistungsfall enthalten.

Die Option, nach Behandlung und Karenzzeit – etwa fünf Jahre – wieder zum Vollschutz zurückzukehren, wird nach Angaben Wortbergs heute so gut wie nicht mehr angeboten. Ob Zuschläge gefordert werden oder psychische Erkrankungen generell ausgeschlossen werden, hängt vom Unternehmen ab. Mit einem gründlichen Blick in die Konditionen und einem Informationsgespräch sollten Verbraucher sich Klarheit verschaffen.

Bei abgespeckten Tarifen verpflichtetet der Verbraucher sich zum Beispiel, im Fall der Fälle Leistungen nur unter Vorbehalt in Anspruch zu nehmen, wie Simone Schuchert vom GDV in Berlin erläutert.

Eine weitere Variante ist die Streichung der Klausel „Verzicht auf die abstrakte Verweisung“. Das bereitet wiederum Michael Wortberg Bauchschmerzen: „Ein Vertrag muss den gesamten Berufsweg abdecken, den jemand geht. Und wenn es der Wandel vom Lehrer zum Imker ist.“

Depressionen begründen zunächst keine Berufsunfähigkeit

Solche krassen Wechsel kommen bei Burnout durchaus vor. Wolfgang Hagemann, Leiter der auf Burnout spezialisierten Röher Parkklinik in der Nähe von Aachen, behandelte einen Manager, der inzwischen in Italien Schweine züchtet und ein Restaurant betreibt. „Klassischer Burnout oder Depression begründen zunächst mal keine Berufsunfähigkeit“, stellt der Mediziner klar. Nach einigen Monaten Therapie könne die Frage gestellt werden, ob ein Burnout-Patient zur Rückkehr ins Erwerbsleben fähig sei – Jobwechsel nicht ausgeschlossen. Bei Depression sei Berufsunfähigkeit schneller möglich. Präzise Diagnosen sind allerdings schwierig.

Diese Unsicherheit gehört zu den hohen Hürden, die Versicherungsnehmer nehmen müssen. Denn bevor sie zahlen, verlangen die Assekuranzen grundsätzlich Gutachten. Das kostet Zeit, Nerven und Geld. Verbraucherschützer Wortberg hat in seiner Praxis den Eindruck gewonnen, dass mit bestimmten Gutachtern versucht wird, kranke Menschen als gesund einzustufen. Sein Rat: Zusätzlich zur BU eine Rechtsschutzversicherung abschließen. Die könnte die für Gutachten fälligen fünfstelligen Beträge übernehmen.

Alternativen zur Berufsunfähigkeitspolice

Menschen, die die Berufsunfähigkeitsversicherung wegen psychischer Erkrankungen nicht akzeptiert, bietet die Branche andere Optionen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) nennt Erwerbsunfähkeits-, Unfall- und Grundfähigkeitsversicherung als Alternative. Letztere springe ein, wenn bestimmte Fähigkeiten infolge einer Krankheit, altersbedingtem Verschleiß oder eines Unfalls verloren gehen.

(Monika Hillemacher, dpa)

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