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Wie wäre es mit dem Bundesverdienstkreuz für Stefan Utz?

Morgen startet die Elektrorollstuhl-Hockey-WM in München. Einen Sieger hat sie jetzt schon.

Unterzeichneten im Dezember vergangenen Jahres ihre Zusammenarbeit (v.l.n.r).: Stefan Utz (Projektleiter der WM), Thomas Urban (Sportamtsleiter München), Dr. Karl Quade (Vizepräsident DBS), Ulf Mehrens (Vorsitzender DRS) (Foto: Katrin Donauer)

Unterzeichneten im Dezember vergangenen Jahres ihre Zusammenarbeit (v.l.n.r).: Stefan Utz (Projektleiter der WM), Thomas Urban (Sportamtsleiter München), Dr. Karl Quade (Vizepräsident DBS), Ulf Mehrens (Vorsitzender DRS) (Foto: Katrin Donauer)

Utz? München? Da haben Sie die Auswahl: Oswald (49), Roland (46), Stefan (45). Alle drei Brüder sitzen wegen Glasknochen im E-Rollstuhl. Womit wir bereits fast schon die gesamte Geschichte des deutschen E-Hockey-Sports erzählt hätten. Sie mögen es etwas detaillierter?

Vom 6. bis 10. August 2014 findet im Münchner Olympia Eissportstadion die Elektrollstuhl-Hockey-WM statt. Acht Mannschaften (Gruppe A: Titelverteidiger Deutschland, Italien, Finnland, Belgien; Gruppe B: Niederlande, Schweiz, Australien, Dänemark) kämpfen um den Titel – doch ein Sieger steht jetzt schon fest: Stefan Utz.

Wohl noch nie wurde eine Nischensport-Weltmeisterschaft von behinderten Akteuren so selbstbestimmt, engagiert und professionell vorbereitet wie die, die morgen in der bayerischen Landeshauptstadt beginnt und am Sonntag mit dem Finale endet. Man stelle sich vor, ein deutscher Rollstuhlbasketball-Nationalspieler oder gehandicapter Leichtathlet würde beschließen, selbst eine WM zu organisieren, um seine Sportart groß herauszubringen – richtig, das kann man sich nur schwer vorstellen.

WM-Projektleiter Stefan Utz (links, mit Mütze), bei einem Demo-Spiel mit Journalisten (Foto: Christine Linnig)

Roland Utz (links, mit Mütze) bei einem Demo-Spiel mit Journalisten (Foto: Christine Linnig)

Beim E-Hockey, bislang selbst unter Rollstuhlfahrern nur Insidern bekannt, ist das anders. Die Rede ist von der Energieleistung des Stefan Utz, deutscher E-Hockey-Nationalspieler, Vorsitzender des Organisations-Komitees und Projektleiter der WM.

Das muss ungefähr so begonnen haben: Oswald, Roland und Stefan sitzen beim Abendessen. Stefan sagt: Lass uns das Ding durchziehen. Roland, ebenfalls „Munich Animal“-E-Hockey-Spieler, nickt: Machen wir. Oswald, Münchner Behindertenbeauftragter und „Grünen“-Politiker, bemerkt: Dann rufe ich da mal paar Leute aus der Stadtverwaltung an. Roland und Oswald beschließen, dass Stefan den Stoßstürmer macht.

Oswald Utz, Münchens Behindertenbeauftragter, schaffte es im März 2014 als Grüner in den Münchner Stadtrat

Oswald Utz, Münchens Behindertenbeauftragter, schaffte es im März 2014 als Grüner in den Münchner Stadtrat

Bei solch einem Event musst Du alle überzeugen

Wer schon einmal ein auch nur kleines Sportevent veranstaltet hat, weiß, was Stefan Utz und sein 18-köpfiges Team geleistet haben: Erst einmal mussten sie genügend Menschen finden, die nicht gleich den Kopf schüttelten angesichts des zunächst so verwegen erscheinenden Planes. Zu den Mitmacher/innen gehört unter anderem die PR-Spezialistin Katrin Donauer, die ausgezeichnete Arbeit lieferte und sich ehrenamtlich engagierte, „weil ich die Utz-Brüder schon seit längerem kenne und schätze.“

Dann galt es, die Stadt München und andere Sponsoren dazu zu bewegen, um die 300.000 Euro zu finanzieren. Prominente und authentische Botschafter wie Birgit Kober, Uli Maurer, Anna Schaffelhuber und Felix Neureuther wurden gefunden, und die Betreiber der Olympiahalle davon überzeugt, dass sie ihr Haus barrierefrei aufrüsten müssen.

Eine großartige Leistung, zu der ROLLINGPLANET gratuliert – bei anderen Sportarten gehen solch ambitionierte Vorhaben auch schon mal in die Hose, etwa bei den Rollstuhltänzern, denen es vor einiger Zeit nicht einmal gelang, den Teilnehmern der Deutschen Meisterschaft rechtzeitig die Einladung zu schicken.

„Allein die Logistik für eine barrierefreie Veranstaltung in dieser Größenordnung, an der rund 80 internationale Sportler im Rollstuhl teilnehmen, inklusive Anreise, Unterbringung, Transport der Sport-Rollstühle und vielem mehr, war und ist eine echte Herausforderung – ganz zu schweigen von den finanziellen Mitteln, die akquiriert werden müssen“, erklärt Utz.

Nicht nur Sport im Kopf, sondern auch Behindertenpolitik

Alle acht Teilnehmer-Nationen sind nun in einem Hotel der Leonardo-Gruppe untergebracht: „Das war mir ganz wichtig“, so Utz in einem Gespräch mit dem Journalisten Jan Lüdeke, „dass alle am selben Ort sind. Denn nicht nur der Sport ist ein wichtiges Thema. Wir wollen uns ja auch mit den anderen darüber unterhalten, wie die Barrierefreiheit zum Beispiel in Finnland oder Australien voranschreitet und was in Sachen Behindertenpolitik passiert.“

Letzte Vorbereitungen im Olympia-Eisstadion (Foto: ewh2014)

Letzte Vorbereitungen im Olympia-Eisstadion (Foto: ewh2014)

Über das Olympia-Eisstadion als Austragungsort erzählt Utz: „Es musste ein spezieller Boden eingelegt werden, wir haben viele Rampen bauen lassen, weil das Stadion sonst nicht wirklich wirklich barrierefrei ist. Außerdem haben wir zusätzliche behindertengerechte Toiletten aufstellen lassen.“

Ein Bundesverdienstkreuz für einen Rollifahrer mit Glasknochen? Gab es zuletzt für den Berliner Aktivisten Raul Krauthausen. ROLLINGPLANET findet, der nächste darf an Stefan Utz gehen.

Eröffnungsfeier der Elektrorollstuhl-Hockey-Weltmeisterschaft & Eröffnungsspiel Deutschland – Belgien am
Mittwoch, 6. August 2014

19.00 – 20.00 Uhr: Eröffnungsfeier

Moderation: Christoph Süß, Bayerischer Rundfunk
Präsentationen:
Einzug der acht teilnehmenden Nationen 
zusammen mit 80 Kindern
Linguadi Capoeira München e.V.
Münchner Sporttheater-Ensemble
TSV Forstenried, Rock’n’Roll-Gruppe
Rapper-Duo BlackOut! mit dem WM-Rap „Champion“
Dergin Tokmak alias Stix, der Krückentänzer
USC München, Rollstuhltanz

Reden:
Christine Strobl, 3. Bürgermeisterin
Georg Eisenreich, Staatssekretär für Bildung, Kultur, Wissenschaft und Kunst
Friedhelm Julius Beucher, DBS-Präsident
John Teunissen, IWAS
Sportbotschafter Birgit Kober und Uli Maurer

21.00 – 22.15 Uhr: Eröffnungsspiel Deutschland – Belgien

Olympia Eissportstadion
, Spiridon-Louis-Ring 3, 80809 München
Anreise MVV: U-Bahn Linie U3 bis Haltestelle „Olympiazentrum“ und zu Fuß in ca. 5 Min. zum Eissportstadion
Anreise Pkw: über den Mittleren Ring Nord, Parken am Eissportstadion, am Parkdeck Olympiaturm oder an der Parkharfe, Kosten zwischen 4 und 10 Euro

Die E-Hockey-WM findet von 6. bis 10. August 2014 im Olympia Eissportstadion statt. 
Der Eintritt ist an allen Tagen kostenlos. Das Programmheft zum Download sowie den Spielplan finden Sie unter www.ewh2014.com/programm.html und www.ewh2014.com/spielplan.html

(RP)

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