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Wie werden Intranets und Social Networks barrierefrei?

Obwohl Barrierefreiheit kein Randthema mehr und beispielsweise für Behörden vorgeschrieben ist, tun sich viele Firmen schwer mit der Umsetzung. Ulf Sthamer hat die blinde IT-Expertin Ursula Weber zu diesem Thema befragt.

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(Foto: Corinna Dumat/pixelio.de)

Ursula Weber ist blind und arbeitet als Spezialistin für Barrierefreiheit bei der T-Systems MMS. Im Job testet und optimiert sie Websites, Intranets oder andere Anwendungen im Hinblick auf Usability und Barrierefreiheit.

Ursula, als Teil deiner Arbeit, aber auch im privaten Leben hast du täglich mit Barrierefreiheit zu tun. Was sind die größten Missverständnisse, wenn Barrierefreiheit thematisiert wird?

Sobald das Wort „Barrierefreiheit“ fällt, denken die meisten Menschen an Rollstuhlfahrer und die Barrieren, die sie im öffentlichen Raum vorfinden. Erst im zweiten Schritt wird bewusst, dass es sich bei Barrierefreiheit zum einen um Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen wie zum Beispiel eine Hörbehinderung oder eine chronische Krankheit handelt, zum anderen betrifft das Thema ganz unterschiedliche Bereiche wie Orientierung und Mobilität oder Informationsaufnahme. Der Zugang zu Information, einschließlich Nutzung des Web 2.0, ist also nur ein Teilbereich der Barrierefreiheit.

Wie ist deine Vision der Web-Zukunft?

Ich wünsche mir einen uneingeschränkten Zugang zu Angeboten im Web 2.0. Das bedeutet etwa, dass ich selbstständig meine Kontoführung per Onlinebanking erledigen kann, mir mein Hundefutter im Online-Shops aussuchen und bestellen kann, auf Informationen und Formulare von Behörden oder privaten Anbietern zugreifen und gegebenenfalls auch ausfüllen kann sowie mich an Communities beteiligen kann.

Denkst du, dass Internet-Inhalte in absehbarer Zeit auch von Personen mit Handicap nutzbar sind?

Teilweise ist das jetzt schon der Fall. Der Anteil barrierefreier Websites ist aber noch recht gering. Durch Gesetze und den Druck von Selbsthilfeorganisationen behinderter Menschen steigt aber allmählich das Bewusstsein, dass das Web 2.0 für alle zugänglich sein sollte. In der Öffentlichkeit muss bewusster werden, dass sich behinderte Menschen auch in sozialen Netzwerken beteiligen wollen, müssen, und dies auch können.

Wie nutzen Bekannte von dir, die ebenfalls ein Handicap haben, das Internet?

Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten und meines ehrenamtlichen Engagements in der Blindenselbsthilfe habe ich viele Kontakte zu behinderten Menschen unterschiedlichsten Alters und auch verschiedenen Behinderungen. Davon nutzen die allermeisten das Internet. Im beruflichen Bereich ist ein Arbeitsplatz ohne Intranet- oder Internet-Zugang heute undenkbar. Aber auch im privaten Bereich können und wollen die Nutzer nicht mehr darauf verzichten. Die Online-Buchung einer Fahrkarte erspart den Gang zum Bahnhof, eine Ticket-Buchung für die Fußball-WM war sogar nur online möglich. Der Zugang zu Information und die Kommunikation – auch mit nicht behinderten Menschen – hat sich erheblich verbessert und wird teilweise überhaupt erst möglich.

Nutzen Menschen mit Handicap auch Soziale Netzwerke?

Inzwischen erfolgt über soziale Netzwerke ein reger Austausch, zum Beispiel über Facebook. Um sich nicht selbst auszuschließen, müssen sich auch behinderte Menschen an diesen Netzwerken beteiligen. Die Teilnahme ist aber nicht immer machbar. Meiner Erfahrung nach beteiligen sich beispielsweise eher sehbehinderte als blinde Nutzer an sozialen Netzwerken. Sie können, zumindest teilweise, die visuelle Gestaltung der Pages erkennen, was es ihnen erleichtert, sich auf der Website zurecht zu finden. Blinde Nutzer müssen sich durch geeignete Techniken einen Überblick über die Website erst verschaffen. Je nachdem wie die Website programmiert wurde, kann es einfach oder auch unmöglich sein. Motorisch eingeschränkte Nutzer sind auf die Erreichbarkeit der Interaktionselemente mittels Tastatur angewiesen.

Gibt es Unterschiede in der Nutzungsweise zu anderen Nutzern?

Vor allem sehbehinderte und blinde Nutzer sind auf den Einsatz von assistiven Hilfsmitteln angewiesen. Wenn für sehbehinderte Nutzer die systemeigene Vergrößerung nicht mehr ausreicht, kommt eine Vergrößerungssoftware zum Einsatz. Damit kann der Nutzer Größe, Farbgestaltung und Kontraste seinen Bedürfnissen anpassen. Ein blinder Nutzer verwendet einen Screenreader, der die textuellen Inhalte der Website über eine Sprachausgabe akustisch und über eine Braillezeile in Punktschrift ausgibt. Mit den geeigneten Techniken können die Nutzer auf den Websites navigieren und interagieren, sofern die Interaktionselemente per Tastatur erreichbar sind.

Im beruflichen Bereich stehen die entsprechenden Hilfsmittel in der Regel zur Verfügung, und der Nutzer erhält eine Einweisung in den Gebrauch. Im privaten Bereich hingegen ist nur eine Grundversorgung vorhanden, alle weiteren Hilfsmittel und bei Bedarf eine Einweisung muss sich der Betroffene auf eigene Kosten beschaffen. Da diese Hilfsmittel teuer sind und sehbehinderte und blinde Menschen oft arbeitslos oder verrentet sind, können sie sich die Hilfsmittel nicht leisten oder müssen sich mit einer Mindestausstattung zufrieden geben. Neben der eigentlichen Barrierefreiheit führt dies oft zu einer weiteren Hürde bezüglich der technischen Ausstattung.

Was sollte unbedingt bei der Gestaltung einer barrierearmen Website beachten werden?

Am Beginn jeder Web-Entwicklung stehen die Konzeption, die Planung der technischen Umsetzung und die Entwicklung des Grafikdesigns. Bereits in dieser Phase sollten Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigt werden.

Standardkonformität ist die Grundlage eines barrierefreien Webdesigns. Darunter versteht man die Trennung von Inhalt, Layout und Verhalten. Das ist nur mit einem strukturierten und linearisierbarem HTML-Grundgerüst umsetzbar. Formatierung und Layout können dann über die HTML-Strukturelemente mittels CSS (Cascading Style Sheets) medienunabhängig und seitenübergreifend gestaltet werden.

Der richtige Einsatz von Javascript ermöglicht die Einbindung von dynamischen Inhalten, führt zu höherer Gebrauchstauglichkeit und mehr Nutzerorientierung. Eine Seite kann so attraktiver und effizienter werden. Um jedoch keine neuen Barrieren zu schaffen, muss Javascript unabhängig von Inhalt und Präsentation eingebunden und Kompatibilitätsprobleme mit Screenreader berücksichtigt und vermieden werden.

Inwieweit ist das Thema Barrierefreiheit auch für Intranets relevant?

Es ist sogar sehr relevant. Das Intranet wird zur Informationssuche und -zusammenarbeit genutzt. Oft sind Anträge, Formulare und so weiter nur noch darüber verfügbar, die gesamten Prozessabläufe werden übers Intranet abgewickelt. Ist das Intranet für behinderte Nutzer schwer zugänglich oder enthält Bereiche, die gar nicht erreichbar sind, werden sie ganz oder teilweise von betrieblichen Prozessen oder der innerbetrieblichen Kommunikation ausgeschlossen.

Was sind die häufigsten Probleme, was die schlimmsten, die bei der Browsernutzung auftreten?

Grundsätzlich besuche ich eine Website unvoreingenommen und wende dabei meine Techniken an. Dabei zeigt sich sehr schnell, ob eine Seite „nur“ visuell gestaltet ist oder über den Code gut strukturiert wurde. Häufig wird bei der Web-Entwicklung zunächst Konzeption und Design festgelegt, ohne den Aspekt Barrierefreiheit zu berücksichtigen.

Auf diesen Seiten fehlen dann oft die entsprechenden Strukturelemente, dies erschwert mir die Navigation auf der Seite und damit das Erfassen des Inhalts. Solange alle Interaktionselemente aber erreichbar sind, kann ich die Seite zumindest bedienen. Sehr schwierig bis unmöglich wird es, wenn eine Website Interaktionselemente enthält, die nicht mehr per Tastatur erreichbar sind oder Interaktionen und Funktionen nur noch über Grafiken ohne Alternativtexte zu bedienen sind.

Manche Firmen und Organisationen haben sich dem Thema verpflichtet. Dennoch schrecken sie oft vor dem zusätzlichem Aufwand bei der Umsetzung in ihrem Intranet zurück.

Der Aufwand lässt sich minimieren, wenn der Aspekt der Barrierefreiheit bereits in die Konzeption aufgenommen wird. Eine barrierearme Anwendung ist in der Regel eine gut strukturierte und damit übersichtliche Anwendung, die auch ansprechend gestaltet werden kann. Information und Kommunikation kann dadurch innerhalb des Unternehmens effizienter erfolgen. Dies kommt nicht nur Mitarbeitern mit einem Handicap zu Gute, sondern allen Mitarbeitern.

Vielen Dank für das Interview.

Anmerkung der Redaktion: ROLLINGPLANET wird demnächst berichten, was wir bei der täglichen Produktion von ROLLINGPLANET im Hinblick auf blinde Nutzer gelernt haben.

Quelle: Wir veröffentlichen dieses Interview mit freundlicher Genehmigung von besser2.0 – Das Web im Unternehmen. Gemeinsam einfach besser.

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