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Wilhelma akzeptiert ab sofort Blindenführhunde

Schluss mit dem Affentheater: Der zoologische und botanische Garten in Stuttgart sperrt Assistenztiere nicht mehr in eine Box ein.

Sind nachdenklich geworden: Die Affen-Experten der Wilhelma (Foto: Wilhelma)

Sind nachdenklich geworden: Die Affen-Experten der Wilhelma (Foto: Wilhelma)

Der zoologische und botanische Garten Wilhelma lässt ab sofort Blindenführhunde und Assistenzhunde rein. Bislang wurden Menschen mit Behinderung, die auf ein solches Tier angewiesen waren, in der Regel aufgefordert, dieses – wie jeden anderen Hund auch – in einer Box am Eingang des Parks zu lassen.

Bei Assistenzhunden handelt es sich jedoch, wie bei einem Rollstuhl oder einer Gehhilfe, um notwendige und vom Arzt verordnete Hilfsmittel. Sie gelten daher rein rechtlich nicht als Tiere, sondern sind technischen Hilfsmitteln gleichgestellt, die ein Mensch mit Behinderung selbstverständlich überall mitführen darf und muss, wo er sich aufhält.

Verbot ist Diskriminierung

„Ein Verbot eines solchen Hilfsmittels ist ein klarer Fall von Diskriminierung und verstößt unter anderem gegen die UN-Behindertenrechtskonvention. Inklusion sieht anders aus“ erklärt Lea Heuser, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Verein Lichtblicke e.V. Der Verein zur Förderung des Blindenführhundwesens rechnet es sich als sein Verdienst an, Wilhelma von der Notwendigkeit überzeugt zu haben, mehr Barrierefreiheit zu realisieren.

Affentheater in der Wilhelma

Die Wilhelma im Stuttgarter Stadtbezirk Bad Cannstatt wird jährlich von rund zwei Millionen Gästen besucht. Der zoologisch-botanische Garten befindet sich in einer Anlage von 1846. Die Wilhelma zeigt auf etwa 30 Hektar rund 9000 Tiere aus aller Welt und ist mit über 1000 Arten der zweitartenreichste Zoo Deutschlands (nach dem Zoologischen Garten Berlin). Außerdem präsentiert sie etwa 6000 Pflanzenarten aus allen Klimazonen der Erde.

Die Wilhelma ist mit ihrem Aufzuchthaus für Menschenaffen Anlaufstelle für viele europäische Zoos, wenn dort Jungtiere von ihren Müttern verstoßen werden und eine Handaufzucht erforderlich ist. Inzwischen konzentriert man sich auf die Aufzucht von Gorillas.

Für viele Menschen unverzichtbar

Blinde Menschen, die auf einen Führhund angewiesen sind, können sich ohne diesen meist nicht sicher und vor allem nicht frei bewegen. Gute Blindenführhunde sind so ausgebildet, dass sie auch die Zootiere nicht belästigen oder stören, wie es möglicherweise ein schlecht erzogener Familienhund täte, betont Heuser.

Für viele Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung wie Diabetes oder Epilepsie sei es sogar lebensgefährlich, sich länger ohne ihren Assistenzhund irgendwo aufzuhalten, der sie vor einem Anfall oder einer lebensbedrohlichen Unterzuckerung warnt.

Erfolgreiche Tierversuche

All diese Argumente und die klare Rechtslage, die das Mitführen von Assistenzhunden selbstverständlich erlaubt, hätten die Leitung der Stuttgarter Wilhelma letztlich überzeugt, freut sich nun Lichtblicke.

Der Verein hatte mit den Verantwortlichen in den vergangenen Wochen ausführlich diskutiert. Diese führten daraufhin mehrere Versuche mit einem Assistenzhund durch.

Dabei habe es weder mit den Zootieren noch mit Besuchern des Parks Probleme gegeben. Eins scheint nun gesichert zu sein: Die Affen-Experten der Wilhelma sind nun auch Assistenzhunde-Experten, und das Affentheater um Assistenzhunde hat ein Ende.

Wilhelma macht die neue Praxis öffentlich

Diese erfreuliche Einsicht will die Wilhelma nun auf ihrer Webseite veröffentlichen und ab sofort alle Halterinnen und Halter von Assistenzhunden ohne Diskussionen und Barrieren in ihren Park lassen. „Wir freuen uns sehr über diesen Erfolg unserer Aufklärungsarbeit“ sagt Heuser.

„Erschreckend ist nur, dass bereits vor Jahren dem Arbeitskreis Führhund im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband das Problem bei der Wilhelma bewusst war und von dort niemand etwas unternommen hat“, kann sich Bert Bohla, erster Vorsitzender von Lichtblicke e.V., einen Seitenhieb auf seinen heimlichen Lieblingsfeind nicht verkneifen.

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Sigrid Behm Unterer Todtsberg 15 97437 Hassfurt

    Es sollte doch selbstverständlich sein dass ein Blindenführhund GENAUSO HERZLICH WILLKOMMEN IST wie sein Herrchen oder Frauchen.
    Es tut mir immer wieder im Herzen weh,und ich muß manchmal weinen wenn ich solche Artikel
    lese.
    Warum den Menschen das Mitgefühl fehlt und die Hilfsbereitschaft für die Behinderten verstehe ich ganz und gar nicht.
    Als Kirchenkritikerin muss ich auch hier sagen warum hilft die REICHE PRASSERKIRCHE nicht.
    Ich hab jetzt einen jungen Rollstuhlfahrer kennengelernt der gerne einmal Kirchen besucht..
    Aber die engen Türen und Eingangstreppen machen einen
    Besuch unmöglich
    Die Kirche in Deutschland ist so reich dass sie sich problemlos auch einmal für die Behindertenprobleme einsetzen könnte.
    !!! Das interessiert sie offensichtlich nicht !!!
    Ein Beispiel für die PURE GELDVERSCHWENDUNG sind die Nobelkarossen in denen sich die
    ARMEN HIRTEN fahren lassen und die völlig unnötigen Baumaßnahmen an alten Kirchengebäuden und neuen Kirchen.mit „Gold Glitter und Glanz übertüncht“ !!
    DIE BLINDENVEREINE und BEHINDERTENVEREINE sollten sich ! direkt öffentlich ! an die Bischöfe wenden mit ihren
    mehr als nötwendigen allerwichtigsten Bitten um Hilfen die sie brauchen egal welcher Art.
    Die Kirche muss helfen die hat sich ja die CHRISTLICHE NÄCHSTENLIEBE auf die Fahne geschrieben.
    Mit ganz lieben Grüßen
    Ich habe Euch ganz fest in meinem Herzen
    Eure Sigrid

    14. Oktober 2013 at 14:52

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