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Willkommen auf der Intensivstation

Der Alltag zwischen Leben und Tod hat wenig mit Dr. House und Grey’s Anatomy zu tun: Ein neues Buch erzählt von der harten Realität im sensibelsten Spitalsbereich.

Der perfekte Intensivpatient kommt direkt vom Friseur: Der Bart ist gestutzt, das Haar kurz geschnitten – denn in Haaren klebt das Blut am hartnäckigsten. Auch seine Zähne sollten sitzen, und zwar fest im Zahnfleisch, damit sie beim Intubieren nicht in die Lunge rutschen. Um zusätzliche Komplikationen zu vermeiden, hat der optimale Patient Idealgewicht. Dann kann es losgehen: Nach der Erstversorgung am Unfallort geht es ins Krankenhaus in den Schockraum, wo der Kreislauf des Schwerverletzten stabilisiert wird. Danach beginnt das neue Leben auf der Intensivstation.

Eine Welt, die Sie nie betreten möchten

Die Bekanntschaft mit der Intensivstation will sich jeder gerne ersparen. Mit romantischen Fernsehserien wie der Schwarzwaldklinik oder Grey’s Anatomy hat die Realität wenig zu tun, auch Dr. House oder Emergency Room treffen den Arbeitsalltag einer Intensivkrankenschwester kaum. Das dämmert manchen allerdings erst, wenn sie sich als Patient auf der Intensivstation wiederfinden. Das Erwachen ist für viele besonders schrecklich; sie sind verwirrt, mit Handfesseln am Bett fixiert und haben keine Ahnung, wo sie sich befinden. Der Fachausdruck dafür: Durchgangssyndrom.

„Die Fixierung der Arme ist wichtig, damit sich orientierungslose Patienten nicht selbst den Tubus aus dem Hals reißen oder versuchen aus dem Bett zu kommen“, erzählt Birgit Bergfeld, Autorin des neuen Sachbuchs „Willkommen auf der Intensivstation – Was Sie nie erleben möchten“ (erschienen im Goldegg Verlag) und Krankenschwester an einer großen deutschen Klinik auf der Intensivstation. „Diese Form der Freiheitsberaubung ist gesetzlich abgesegnet, um den bewusstseinsgestörten Patienten vor sich selbst zu schützen. Aber auch dem Pflegepersonal bleiben dadurch blaue Flecken erspart.“ Ist der Patient nach der Narkose wieder bei Bewusstsein, fühlt er sich meist hilflos und ausgeliefert. Jetzt ist er von Menschen, Maschinen und Medikamenten abhängig – aber er lebt.

Wir sehen uns auf der Intensivstation

In der Intensivmedizin wird mit allen Mitteln um das Leben des Patienten gekämpft. Die einen haben schwere Krankheiten oder wurden unverschuldet in einen Verkehrsunfall verwickelt – etwa der ältere Herr, der mit den Vorbereitungen seiner Goldenen Hochzeit beschäftigt war und jetzt zwischen Leben und Tod schwebt. Auf dem Zebrastreifen wurde er von einem Auto angefahren. „Die ganze Familie freute sich schon auf das Fest und dann war nicht sicher, ob der Mann es überhaupt erlebt. Derartige Schicksale gehen mir sehr nahe“, so die Autorin Bergfeld.

„Bei anderen Patienten habe ich allerdings kaum Mitleid, wie mit den Alkoholisierten, die nicht mehr geradeaus laufen können und sich noch ins Auto setzen.“ Dann liegen die Betroffenen auf der Intensivstation und wundern sich, dass Knochenbrüche wirklich weh tun und vier Wochen Bettruhe auch vier Wochen Stuhlgang auf der Bettpfanne bedeuten. Möglicherweise muss der Unfallverursacher jetzt auch damit klarkommen, Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Auch leichtsinnige Obstpflücker, übermütige Sportler oder verantwortungslose Heimwerker landen auf der Intensivstation. „Wir tun natürlich für jeden Patienten alles, um sein Leben zu retten und ihm den Aufenthalt bei uns angenehm zu gestalten. Aber auch Krankenschwestern können trotz aller Professionalität den eigenen Emotionen manchmal nicht ausweichen, denn über die Dummheit mancher Menschen ärgern wir uns hin und wieder sehr.“

Intensivkrankenschwester: Ein Job wie jeder andere?

Im Kampf um Schwerverletzte, deren Leben am seidenen Faden hängt, geraten Intensivkrankenschwestern an die Grenzen ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit. Neben den außergewöhnlichen Notfällen – etwa einer Reanimation, bei der die Blutlache knöcheltief steht – gibt es täglich zahlreiche Routineaufgaben zu erledigen, schwergewichtige Patienten umzulagern, und auch Papierkram ist in diesem Beruf ein Thema.

Fällt eine Kollegin aus, wird der Druck noch höher, arbeitet das Personal ohnehin immer am Limit. Schichtdienst, Konfrontation mit dem Tod, tragische Einzelschicksale oder Menschen aus dem privaten Umfeld, die man plötzlich im Intensivbett vor sich liegen hat – das sind Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. „Ohne der Unterstützung von Kollegen und freundschaftlichen Gesprächen in den Pausen würde ich das nicht schaffen“, meint Birgit Bergfeld. „Makabere Scherze sind im Krankenhaus ebenfalls üblich, um manche Situationen zu ertragen. Auch in meinem Buch spare ich nicht mit schwarzem Humor und Satire. Mein Appell an die Leser lautet: ‚Erst denken, dann handeln!‘ Wenn Sie unbedingt wissen wollen, wie es auf einer Intensivstation zugeht, gefährden Sie nicht Ihr Leben. Lesen tut es auch.“

Gebundene Ausgabe: 350 Seiten
Verlag: Goldegg; Auflage: Erstauflage (September 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3902729430
ISBN-13: 978-3902729439
Preis: 21,40 EUR

Foto: Buchcover Willkommen auf der Intensivstation (Goldegg Verlag)

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