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Wir fliegen auf Wolke Sieben

Die Luftfahrtindustrie hat entdeckt, dass das Reisen für ältere, übergewichtige oder körperlich behinderte Menschen einfacher werden muss.

Entwurf der Firma Diehl Aerosystems für eine Kabinentoilette, die sich nach dem Start vergrößern lässt und mehr Platz für behinderte und korpulentere Menschen bieten soll (Foto: Diehl)

Entwurf der Firma Diehl Aerosystems für eine Kabinentoilette, die sich nach dem Start vergrößern lässt und mehr Platz für behinderte und korpulente Menschen bieten soll (Foto: Diehl)

Als Rollstuhlfahrer oder dicker Mensch kennen Sie vielleicht das Problem: Die Flugzeugtoilette ist so eng, dass man sich darin fast nicht bewegen kann. Der einzige Vorteil: Sie ist so schmal, dass man praktisch nicht von der Schüssel fallen kann und sofort von einer Wand aufgefangen wird – vorausgesetzt, Sie sind überhaupt in die Toilette hineingekommen.

Die Platzverhältnisse sind freilich für behinderte Menschen nicht das einzige Problem – bei Air Berlin beispielsweise wären Sie froh, die Toilette überhaupt nur von der Ferne sehen zu dürfen. Dort gibt es zum Beispiel auf Kurzstrecken keinen Bordrollstuhl, mit dem Sie zum WC kommen.

Alle fünf bis sechs Jahre eine neue Innenausstattung

Noch sind es nur Pläne, noch ist es Wolke Sieben, auf der wir fliegen: Aber immerhin haben sich 16 Unternehmen des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) zusammengeschlossen, um neue Kabinenkonzepte zu entwickeln – darunter auch solche, die für ältere, übergewichtige oder körperlich behinderte Menschen das Reisen erleichtern sollen. Das ist nur gerecht: Denn diese Zielgruppe wird immer wichtiger. „Fliegen soll für jedermann komfortabler und erlebnisreicher werden“, erklärt dazu der BDLI.

Mit Produkten für den Kabinenbereich stoßen die Firmen in einen lukrativen Markt: Die Nutzungsdauer einer Passagiermaschine liegt zwar bei 20 bis 25 Jahren. Die Innenausstattung wechseln die Airlines inzwischen aber bereits nach jeweils fünf bis sechs Jahren aus (Fachbegriff: Retrofit).

Fachmesse „Aircraft Interiors Expo“ in Hamburg

Die Konzepte unter dem Slogan „Imagine innovations flying tomorrow“ (Stellen Sie sich Innovationen für das Fliegen von morgen vor) für zukünftige Kabinen- und Frachtsysteme sollen auf der diesbezüglich weltweit wichtigsten Fachmesse „Aircraft Interiors Expo“ (9.-11. April 2013) in Hamburg präsentiert werden. „Flugzeuge wandeln sich von einer nüchternen Beförderungsumgebung zu einer multimedialen und komfortablen Erlebniswelt“, verspricht Dr. Jörg Schuler, Vice President Cabin & Cargo beim Flugzeughersteller Airbus. Wir wollen dem guten Mann glauben.

Lange Zeit dachte und entwickelte die Luftfahrtindustrie vor allem technologieorientiert – bei Tragflächen und Triebwerken ebenso wie für die Kabine. Die Anforderungen an die Kabine ergaben sich vor allen Dingen aus Effizienzsicht: Sie sollten mehr Passagiere befördern und optimierte Catering- und Reinigungsprozesse ermöglichen. Jetzt stehe ein Paradigmenwechsel bevor: „Die Luftfahrtindustrie berücksichtigt bei der Kabinenausstattung viel stärker auch die Ansprüche der Konsumenten“, so Dr. Stefan Berndes, Leiter der Fachabteilung Luftfahrt, Ausrüstung und Werkstoffe beim BDLI.

Ideen für die Zukunft – werden sie je wahr?

Und das sind die Ideen, die zu Trends werden sollen: Beim Einstieg ins Flugzeug erwartet den Passagier eine automatische Handgepäckaufbewahrung. Pfeile im Boden leiten ihn genau zu seinem Sitzplatz im oberen oder unteren Abteilbereich des Flugzeugs. Kabinenwände sind riesige Bildschirme für Filme, Informationen oder visuelle Innenraumgestaltung.

Toiletten reinigen sich selber, vermitteln ein (ohne Werbedeutsch geht es auch auf Wolke Sieben nicht) „umfassendes Hygieneerlebnis und ein Wohlfühlfeeling“. Smartphone, Tablet-PC oder Notebook sollen sich weit über den Wolken wie auf der Erde einsetzen lassen und elektronische Bordkarten das Boarding beschleunigen.

Für ältere Menschen, deren Anteil ständig wächst, sowie für übergewichtige und behinderte Menschen soll es – wenn es nach den Entwürfen geht – in den Kabinen künftig mehr Platz geben, sie sollen „alle“ Geräte und Einrichtungen „problemlos bedienen“ können, so der BDLI.

Der Trick für das Clo

Eine Studie der im baden-württembergischen Laupheim angesiedelten Diehl Aerosystems Holding präsntiert eine umwandelbare Toilette. Nach Erreichen der Reiseflughöhe kann die Kabinencrew mit wenigen Handgriffen das Standard-WC im Eingangsbereich des Flugzeugs zu einer sogenannten „King size-Toilette“ umwandeln. Sie nutzt den nur während des Boardings benötigten Kabinenbereich mit. Damit könne mehr Freiraum für körperlich behinderte Fluggäste geschaffen werden.

ROLLINGPLANET ist angesichts so viel Technik begeistert, zeigt sich aber ganz bescheiden: Für den Moment, um für einige Sekunden auf dem Boden der Tatsachen zu landen, würde uns, hm, ein Bordrollstuhl und ein bisschen mehr gesunder Menschenverstand bei beteiligten Fluggesellschaften genügen. Vorteil: Wir müssten nicht auf die Zukunft warten, beides gibt es bereits sofort – wenn Air Berlin & Co. nur wollen.

(RP/PM)

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