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Umstrittener WM-Anstoß im Exoskelett: Querschnittgelähmter schießt mit Roboteranzug

Für manche Rollstuhlfahrer ist das erste Highlight der Fußball-Weltmeisterschaft bereits jetzt im Abseits. Zu Recht?

In wenigen Stunden wird die halbe Welt das „Walk Again Project“ (Wieder-laufen-Projekt) kennen (Foto: Walk Again Project)

In wenigen Stunden wird die halbe Welt das „Walk Again Project“ (Wieder-laufen-Projekt) kennen (Foto: Walk Again Project)

Der Anstoß der Fußball-WM in São Paulo am morgigen Donnerstag ist eine ganz besondere Premiere für einen brasilianischen Rollstuhlfahrer (und nicht nur für ihn, sondern auch für uns, die zugucken). Der Querschnittgelähmte wird mit Hilfe eines Exoskeletts symbolisch den WM-Ball „Brazuca“ vom Mittelpunkt schießen. Ein spektakuläres Mega-Ereignis, das schätzungsweise mindestens 500 Millionen Menschen vor dem Fernseher erleben werden – und das bereits im Vorfeld (aus ROLLINGPLANET-Sicht nicht ganz nachvollziehbare) Kritik bei manchen Menschen mit Behinderung ausgelöst hat.

So rief die ehemalige Piraten-Bundestagskandidatin und Rollstuhlfahrerin Ulrike Pohl aus Berlin auf Facebook zur Skepsis auf. Und als wir das Spektakel bereits Anfang des Jahres ankündigten, kommentierte ROLLINGPLANET-Nutzerin Frollein Unverblümt“:

„Was ein Blödsinn! Finde die Fortbewegung im Rollstuhl äußerst effektiv, wenn nicht gerade irgendwelche Barrieren auftauchen, die man längst hätte entfernen können oder Menschen mich wegen ihrer Barrieren im Kopf wie ein Vollidiot behandeln. Ich kenne keinen Rollstuhlfahrer, der geheilt werden wollte oder gern Roboterbeine hätte. Aber vielleicht kann man ja alle, die aus der Reihe tanzen, zu gut funktionierenden Normalos machen. Die, die man dank der guten Pränataldiagnostik vorher schon aussieben kann, bringt man um. Dann hat man demnächst nicht mehr das Problem, sich auf besondere Bedürfnisse einstellen zu müssen und irgendwelche Wissenschaftler kriegen auch noch Schulterklopfer dafür. Das ist ja großartig!“

Grundlage für die ironische Bemerkung sind vermutlich die ähnlichen Bedenken, wie wir sie bei Wunderheiler Markus Holubek und seinem RTL-Schnickschnack „Reset – Zurück ins Leben“ haben – es könnte Außenstehenden der Eindruck vermittelt werden, dass ein Leben im Rollstuhl nicht lebenswert sei. Nun haben wir allerdings alle noch nicht gesehen, was die Veranstalter wirklich vor dem ersten Kick Brasilien gegen Kroatien präsentieren – mit einem Urteil können wir deshalb getrost noch ein paar Stunden warten.

Mit Gedankenkraft gesteuert

Was wissen wir zur Stunde? Ein internationales Wissenschaftlerteam hat den Spezial-Roboteranzug für die WM-Eröffnung entwickelt. Er sieht beinahe aus wie das Kostüm des Comic-Helden „Iron Man“ und wurde nach dem Vater der brasilianischen Luftfahrt „BRA-Santos Dumont“ benannt. Gesteuert werden die Bewegungen allein durch Gehirnaktivitäten. Der Gelähmte wird 25 Schritte laufen und dann den Ball kicken, vor einem Milliardenpublikum in aller Welt.

Die Demonstration ist Teil des internationalen Projektes „Andar de Novo“ (Wieder laufen), an dem 156 Forscher, Ingenieure und Techniker unter Regie des brasilianischen Neurowissenschaftlers Miguel Nicolelis beteiligt sind. Der Anzug ist 1,78 Meter groß und wiegt 60 bis 70 Kilogramm. „Das ist aber irrelevant, weil der Patient dies nicht spüren wird, die Maschine wird verantwortlich sein für das Gleichgewicht und die Kontrolle des Exoskeletts, während der Patient Anfang und Ende der Bewegungen und auch den Schuss bestimmt“, erklärt Nicolelis. „Es ist ein großer Sprung für die Menschheit“, sagt er in Anspielung auf die Worte von Neil Armstrong, dem ersten Mann auf dem Mond.

Auch Gordon Cheng vom Institut für Kognitive Systeme der Technischen Universität München (TUM) ist beteiligt. „Unser Gehirn ist sehr anpassungsfähig, wenn es darum geht, körperliche Fähigkeiten durch die Verwendung von Werkzeugen zu erweitern“, sagt der Professor.

Kein Wunderheilmittel

Seit Monaten trainieren acht brasilianische Männer und Frauen mit dem Exoskelett. Sie alle sind von der Hüfte abwärts gelähmt. Das Gerät zeichnet die elektrische Hirnaktivität des Patienten auf, erklärt die TUM. Es erkennt, ob er gehen oder einen Fußball kicken möchte und führt diese Aktion aus. Gleichzeitig fühlt dies der Patient. Dafür wurde eine künstliche Haut entwickelt, die auf Berührungen, zum Beispiel an den Füßen, reagiert und diese Signale weiterleitet.

Der WM-Auftakt ist nur der Anfang dieser Entwicklung, ist Cheng überzeugt. „Dies mag ein wichtiger Meilenstein sein, aber es gibt noch viel zu tun.“ Weltweit arbeiten mehrere Firmen an solchen Gehhilfen, doch Experten warnen vor zu hohen Erwartungen – ein Exoskelett ist kein Wunderheilmittel: Die Geräte sind nicht für alle Gelähmten geeignet (siehe dazu auch ROLLINGPLANET-Bericht Die neuen Geh-Roboter: Wie viel Hoffnung ist berechtigt?). Patienten dürfen etwa nicht zu starke Muskelkrämpfe haben, die mit ihrer Lähmung einhergehen, auch drohen Wundstellen.

(RP/mit Materialien von Ana María Pomi/dpa)

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7 Kommentare

  • Nic Ole

    Mir wird schlecht….anstatt die Umwelt so gut es geht barrierefrei zu machen, kommt mit „so etwas“ wieder rüber, dass das Leben nur lebenswert ist, wenn alle so „normal“ wie nur irgendwie möglich sind. Behindert ist nur der, der behindert wird – und die Gesellschaft behindert – unaufhörlich! Be different!

    11. Juni 2014 at 20:42
  • Dani

    Ich kenne auch nicht wirklich einen Rollifahrer, der seinen derzeitigen Status tauschen möchte mit dem Tragen eines derartigen „Horror-Anzugs“. Das kann man nun wirklich nicht als „wieder laufen können“ bezeichnen. Für Therapiezwecke aber sicher in Ordnung und vielleicht der Beginn für etwas, das nach ein paar Jahren/Jahrzehnten interessant werden könnte…

    11. Juni 2014 at 22:47
  • Jacqueline Hahnebach

    meine güte -.- man könnte glatt meinen egal was man gemacht hätte, es hätte gemecker gegeben. Ich find großartig, dass so was überhaupt mal in den Mittelpunkt – im wahrsten sinne – gerückt wird – das trägt vor allem auch dazu bei, dass die leute nicht mehr so schockiert oder erschreckt reagieren, wenn sie jemanden mit einem solchen skelett sehen. Und ob jemand so was braucht oder haben will – soll doch bitte jeder selbst entscheiden und nicht durch solche kommentare von der frau pohl von vornherein so extrem negativ bewertet werden, nur weil sie es nicht gut heißt…. -.-

    12. Juni 2014 at 22:00
  • Achim

    Danke für den Bericht, ohne den ich das nicht für möglich gehalten hätte… Wie verbittert muss man sein, um gegen solch eine Aktion zu stänkern? Tut mir leid, aber das ist ideologischer Dünnschiss, den da einige von sich geben…

    12. Juni 2014 at 22:21
  • Daniel Horneber

    frau Pohl hat recht die normierungsscheisse muss aufhören

    13. Juni 2014 at 02:16
  • ulrich

    Normierung?
    warum bleiben wir nicht im Bett hocken sondern setzen uns in nen Rollstuhl? normiert wir uns ?als rollstuhlfahrer …oder wollen wir selbstbeestimmung und teilhabe.und son anzug ist ein weiteres hilfsmittel .herje

    13. Juni 2014 at 12:21
  • weioasd

    Und wer denkt an die Affen, die dafür missbraucht wurden?

    17. Juni 2014 at 10:44

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