WM-Aus für Paralympicssieger Heinrich Popow

Dennoch bleibt Rio sein Ziel: Nach vielen Rückschlägen und einem Seuchenjahr will einer der besten deutschen Behindertensportler kämpfen statt aufgeben. Von Sandra Degenhardt

Heinrich Popow (r.) bei seinem 100-Meter-Sieg bei den Paralympics 2012 (Foto: EPA/Kerim Okten)

Heinrich Popow (r.) bei seinem 100-Meter-Sieg bei den Paralympics 2012 (Foto: EPA/Kerim Okten)

Dieser Selbstquälerei will sich Heinrich Popow dann doch nicht aussetzen. Zwar ist der 32-Jährige körperliche Qualen als Top-Athlet gewohnt. Aber zuschauen zu müssen, wenn die Konkurrenz bei den am Donnerstag beginnenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Sportler mit Handicap in Doha um Medaillen kämpft, ist noch viel schmerzhafter. „Das tue ich mir nicht an“, sagt der oberschenkelamputierte Leverkusener, der wegen einer Fußverletzung den Saisonhöhepunkt in Katar (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: Mit neuen Unterschenkeln: Vanessa Low will WM-Gold) kurzfristig absagen musste.

Neben Popow fehlen in dem vom Weitsprung-Weltrekordler Markus Rehm angeführten 30-köpfigen deutschen Team auch die Goldkandidaten Birgit Kober (Schulter) und Mathias Mester (Probleme nach Knie-OP). Das WM-Aus aber ist vor allem für Popow ein Rückschlag, war er doch nach dem Seuchenjahr 2014 wieder in Topform, wollte er seinen Titel über 100 Meter doch verteidigen. „Aber ehe ich mit Blick auf die Paralympics in Rio zu viel riskiere, lasse ich es lieber sein. Denn mein Ziel in Rio ist über 100 Meter ganz klar erneut Gold“, erklärte der angehende Orthopädietechniker, der schon wieder im „Kampfmodus“ ist.

„Es gibt Schlimmeres“

Popow sprüht trotz der WM-Absage vor Energie, auch weil der Sport sein „Allheilmittel“ ist. Dabei war ihm die Freude an seinem Lebenselixier zwischenzeitlich abhandengekommen. Nach dem Paralympicssieg 2012 über 100 Meter knackte er ein Jahr später in 12,11 Sekunden den 17 Jahre alten 100-Meter-Weltrekord – doch dann kam der Bruch. Popow fiel in ein physisches und psychisches Loch, die EM 2014 fand ohne ihn statt.

Bettina Wulff und Heinrich Popow im November 2014 in der Alten Oper in Frankfurt am Main beim Sportpresseball 2014 (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Bettina Wulff und Heinrich Popow im November 2014 in der Alten Oper in Frankfurt am Main beim Sportpresseball 2014 (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

„Mein Knie und mein Kopf haben gesagt, es geht nicht mehr“, erzählt der gebürtige Kasache, dessen Karriere auf der Kippe stand: „Ich war längere Zeit in der Reha und habe mir Gedanken gemacht, ob ich überhaupt noch einmal zurückkehren will, ob ich das schaffe. Ich habe nicht mehr an mich selbst geglaubt. Doch sein Glaube kam wieder; „sang- und klanglos“ aufzuhören war keine Option. Das WM-Aus jetzt haue ihn nicht um, „es gibt Schlimmeres“.

Für Ottobock rund um die Welt

Seine Kraft zieht er auch aus seinem Engagement bei „Ottobock Passion for Paralympics Running Clinics“. Popow fliegt um die Welt und bringt Amputierten den Umgang mit einer von dem Orthopädie-Unternehmen und ihm entwickelten Sportprothese bei. Er trainiert mit den Betroffenen, gibt Tipps, ist Motivator und Zuhörer: „Das Projekt ist alles für mich. Es bereichert mich, ich kann helfen, mir wird geholfen.“

Popow und Steinmeier in Kuba (Foto: Popow/Facebook)

Popow und Steinmeier in Kuba (Foto: Popow/Facebook)

Washington, Havanna, Peking, Moskau und Tokio – die Zahl seiner gesammelten Flugmeilen hat Popow nicht im Kopf. Es folgen in diesem Jahr noch Neu Delhi und Dubai. Einen Höhepunkt gab’s im Juli, als Popow beim Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf Kuba – dem ersten eines deutschen Ministers seit 1902 – dabei war.

Glück und popliges Laufen

Beeindruckt haben ihn etwa seine zwei Wochen in den USA, als er mit verwundeten Armeesoldaten trainierte. „Die stehen vor dir, haben Mehrfach-Amputationen und wollen trotzdem.“ Ein vierjähriger brasilianischer Junge aus São Paulo beispielsweise sah zum ersten Mal in seinem Leben seinen Papa rennen.

Popow saugt die Erlebnisse auf – auch wenn er angesichts der Schicksale mental völlig kaputt ist. „Wenn du dann dieses Glück in den Augen der Menschen siehst, bezogen nur auf das poplige Laufen, dann ist das für mich eine Motivation, Dinge auch ganz anders anzugehen, so wie meine Verletzung jetzt“, sagt Popow.

(dpa)

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