""

Wo Querschnittlähmung noch ein Drama sein darf

Sieben Stücke konkurrieren um den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis. Darunter ein starkes Stück mit der Rollstuhlfahrerin Maria-Christina Hallwachs.

"Qualitätskontrolle" mit der Tetraplegikerin Maria-Christina Hallwachs (Foto: Schauspiel Stuttgart)

„Qualitätskontrolle“ mit der Tetraplegikerin Maria-Christina Hallwachs (Foto: Schauspiel Stuttgart)

Junge und noch unbekannte Autoren konkurrieren in diesem Jahr mit bekannten Namen wie René Pollesch und Rimini Protokoll um den begehrten Mülheimer Dramatikerpreis. Insgesamt nominierte die Jury sieben Stücke für den Wettbewerb vom 17. Mai bis 7. Juni in der Ruhrgebietsstadt.

„Schwergewichte“ wie Elfriede Jelinek sind diesmal nicht in der Auswahl. Stattdessen gibt die Jury Nachwuchsautoren wie Laura de Weck, Wolfram Höll, Rebekka Kricheldorf, Philipp Löhle und Ferdinand Schmalz eine Chance. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung gilt als einer der renommiertesten Theaterpreise Deutschlands.

Rollstuhlfahrer-Drama „Qualitätskontrolle“

Insgesamt 99 Stücke habe die Jury gesichtet, sagte Jurysprecherin Christine Wahl am Freitag in Mülheim. Am Wettbewerb teilnehmen dürfen nur Neuschöpfungen der laufenden Saison, keine Roman- oder Filmadaptationen.

Der bekannteste Autor im diesjährigen Wettbewerb ist René Pollesch, der mit seinem an den Münchner Kammerspielen uraufgeführtes Stück „Gasoline Bill“ in die Auswahl kam. Die Komödie über den Terror der Zwischenmenschlichkeit in einer Doppelhaushälfte sei „einfach wahnsinnig lustig“, sagte Wahl.

Zum zweiten Mal in Mülheim dabei ist die Performance-Gruppe Rimini Protokoll. Ihre in Stuttgart uraufgeführte Doku-Produktion „Qualitätskontrolle“ ist (zumindest für manch Nichtbehinderten) ein verstörender Theaterabend.

Auf der Bühne sitzt die querschnittsgelähmte Maria-Christina Hallwachs in einem Rollstuhl, die in jeder Sekunde ihres Lebens auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die Bühne ist ein Schwimmbecken ohne Wasser – Hallwachs verletzte sich als Jugendliche bei einem Sprung in einen Pool so schwer, dass sie seitdem vom Hals ab gelähmt ist (hier geht es zum Trailer).

Aufs Foto klicken, um zum Trailer zu kommen

Aufs Foto klicken, um zum Trailer zu kommen

O-Ton Maria-Christina Hallwachs

ICH habe nie gefragt, WARUM mir das passiert ist. Warum ich vor 20 Jahren zur Feier meines Abiturs mit meinen Eltern aus Stuttgart nach Kreta flog. Warum ich in den Pool der Ferienanlage sprang – kopfüber, auf der Nichtschwimmerseite. Das war die letzte Bewegung, zu der ich meinen Körper antreiben konnte. Seitdem herrscht Funkstille zwischen uns, von den Schulten abwärts. Ich wurde von meinem Vater am Rand des Pools beatmet. Ich wurde in der Klinik gefragt, ob ich überhaupt weiterleben wollte. Ich wollte unbedingt. Ich lebe fröhlichen Hauptes.
Ich werde dieses Theaterstück spielen. Es wird davon handeln, wie aus dem Abschluss der Reifeprüfung der Beginn meines Lebensweges wurde. Davon, wie sehr ich meine Schwester liebe und weshalb ich sie für einen besonders glücklichen Menschen halte, obwohl sie im Alter von 2 Jahren aufgehört hat, sich für andere messbar geistig weiterzuentwickeln. Ich werde in diesem Stück schwimmen. Ich werde die Welt bespielen und zeigen, wie sehr ich ein ganzer Mensch bin. Ich werde mit Frauen sprechen, die ein Kind erwarten, mit Genetikern, die die Qualität entstehenden Lebens testen. Ich werde mein Pflegepersonal bitten, für mich zu gestikulieren. Ich werde meiner Schwester die Bühne überlassen. Ich werde Fragen stellen dazu, was ein Mensch ist. Ich werde meine Antworten geben. Ich werde ohne technische Hilfe lachen: Ich lächle – oft.
Quelle: Rimini-Protokoll

Entscheidung in einer öffentlichen Jury-Debatte

„Es werden Figuren erzählt, aber es gibt keine Gesellschaftsdramen in der diesjährigen Auswahl“, sagte Wahl. Erstmals dabei ist der Österreicher Ferdinand Schmalz mit seinem in Leipzig uraufgeführten Werk „am beispiel der butter“. Der 1985 geborene Autor schaffe es, „sprachlich höchst gewitzt“ anhand von Butter und Milch in einer Provinzmolkerei fast die ganze Welt zu erklären, sagte Wahl. „Schmalz ist eine echte Entdeckung.“

In der Auswahl sind außerdem das Stück „Archiv des Unvollständigen“ von Laura de Weck, „Und dann“ von Wolfgang Höll, „Alltag und Ekstase“ von Rebekka Kricheldorf sowie „Du (Normen)“ von Philipp Löhle. Inhaltlich und stilistisch seien die Stücke von der Groteske bis zum „sprachmusikalischen Abend“ breit gefächert, sagte Wahl.

Der Preisträger wird am Ende der Theatertage traditionell in einer öffentlichen Jury-Debatte gekürt. Vergangenes Jahr hatte das Inzestdrama „Von den Beinen zu kurz“ der Schweizer Nachwuchsautorin Katja Brunner gewonnen. Zu den früheren Preisträgern zählen auch renommierte Bühnenautoren wie Peter Handke, Botho Strauß und Elfriede Jelinek.

Der Dramatikerpreis wird seit 1976 verliehen, seit 2010 gibt es zudem einen mit 10.000 Euro dotierten Preis für Kinderstücke.

(RP/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • kritisch

    Die Nominierung des RIMINI PROJEKT bereitet Unbehagen; von Außen recherchierte Wahrheiten in pseudo intelektuellem Voyeurismus verpackt. So erreicht man keine Denkanstöße oder Perspektivwechsel.

    9. März 2014 at 02:22

KOMMENTAR SCHREIBEN