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„Wunder“ auf Krücken: Tameru Tsegeye und sein Traum vom Weltrekord

Verstoßen und verspottet wurde er als Kind wegen seiner verkrüppelten Beine – 65 Kilometer kroch er, um sein Dorf zu verlassen. Der Äthiopier hat seine Behinderung in ein Talent verwandelt und will nun sogar ins Guinness-Buch. Und zwar kopfüber. Eine Reportage von Carola Frentzen.

Der Äthiopier Tameru Zegeyes läuft am 18. April 2013 in Addis Abeba auf Krücken. Insgesamt schaffte er vier Tage zuvor auf diese Art und Weise 76 Meter auf der Tartanbahn im Stadion von Addis Abeba bei seinem Weltrekordversuch. (Foto: Carola Frentzen dpa)

Der Äthiopier Tameru Zegeyes läuft am 18. April 2013 in Addis Abeba auf Krücken. Insgesamt schaffte er vier Tage zuvor auf diese Art und Weise 76 Meter auf der Tartanbahn im Stadion von Addis Abeba bei seinem Weltrekordversuch. (Foto: Carola Frentzen dpa)

Tameru Zegeyes Beine sind spindeldünn, aber seine Arme und Schultern strotzen vor jahrelang trainierten Muskeln. Er schwingt ein paar Mal wie ein eleganter Tänzer hin und her, dann geht er in die Senkrechte und balanciert mit dem Kopf nach unten im Handstand auf seinen High-Tech-Krücken.

„Tameru“ ist das äthiopische Wort für „Wunder“. Das passt zu dem 31-Jährigen, der seine angeborene Behinderung angenommen und mit der Zeit in sportliche Höchstleistungen verwandelt hat. Stolz glänzt in seinen Augen, wenn er seine unglaublichen Fähigkeiten vorführt – denn die ersten 16 Jahre seine Lebens konnte er nur auf der afrikanischen Erde kriechen.

76 Meter kopfüber auf Krücken

„Ich habe mich wie eine Schlange fortbewegt“, erinnert er sich. Das ist lange her. Vor wenigen Tagen versammelten sich Freunde, Bekannte und Beobachter im Sportstadion von Addis Abeba, um Tameru bei einem Weltrekordversuch anzufeuern.

76 Meter lief der junge Mann innerhalb von einer Minute kopfüber auf Krücken. Damit will er ins Guinness-Buch der Rekorde. Der nötige Bewerbungsprozess läuft bereits. „Ich denke, dass in etwa zwei Monaten alles überprüft sein müsste und ich dann den ersehnten Eintrag bekomme“, strahlt Tameru.

Von der Mutter verstoßen

Bei seinem Lebensweg wäre manch einem anderen das Lachen schon längst vergangen: Tameru Tsgeye hat seine Behinderung in ein Talent verwandelt. (Foto: Carola Frentzen/dpa)

Bei seinem Lebensweg wäre manch einem anderen das Lachen schon längst vergangen: Tameru Tsgeye hat seine Behinderung in ein Talent verwandelt. (Foto: Carola Frentzen/dpa)

Als er zur Zeit der großen Hungersnot in den 1980er Jahren in der Nähe der Weltkulturerbestätte Lalibela geboren wurde, blickte seine Mutter geschockt auf die völlig verstellten Beine ihres Sohnes. Die Füße waren nach hinten gedreht, die Knochen deformiert.

„Sie hat mich verstoßen, denn die Leute sagten ihr immer wieder, ich sei der Teufel in Person“, erzählt Tameru. „In Äthiopien denken die Menschen, Behinderte seien von Dämonen besessen.“

Der Wille Gottes

Der einzige, der Tamerus Leben lebenswert fand, war sein Großvater – „ein reicher Mann, denn er hatte viel Land“. Der alte Mann nahm seinen Enkel auf und sagte, auch ein behindertes Kind sei ein Mensch, da es von Gott erschaffen sei. „Also wurde ich ,Fekadu‘ getauft – der Wille Gottes.“ Der Opa schickte ihn auf eine orthodoxe Schule, wo er seinen heutigen Namen „Tameru“ erhielt.

Einige Zeit später machte er dem Jungen sein bis dahin größtes Geschenk: ein Pferd. „Die Kinder haben mich verspottet, aber nun machte es mir nicht mehr viel aus, denn ich konnte ja einfach wegreiten“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, plötzlich vier Beine zu haben.“ Das Tier wurde Tamerus bester Freund, bis der Großvater es einige Jahre später auf Drängen der Dorfbevölkerung wieder weggab.

Linkes Bein vor der Amputation gerettet

Aber Tamerus Leiden war damit noch lange nicht beendet: Da er sich zur Fortbewegung stets mit den Händen nach vorne zog und den Unterkörper im Dreck hinter sich herschleifte, entzündete sich sein linkes Bein so schlimm, dass Ärzte es amputieren wollten.

„Ich habe damals Gott angeschrien und ihn gefragt, warum er mir all das antut“,
erinnert er sich. Aber der junge Mann folgte einer Eingebung, sammelte verschiedene Pflanzen, mahlte sie und trug sie auf die eiternde Wunde auf. „Damals habe ich mich irgendwie selbst geheilt, aber ich weiß bis heute nicht, welche Pflanze es war, die letztlich geholfen hat.“

65 Kilometer gekrochen

Schließlich entschied Tameru sich, den mittlerweile fast blinden Großvater zu verlassen, da dieser sich nun nicht mehr um den Behinderten kümmern konnte. „Ich bin von meinem Dorf aus die 65 Kilometer nach Lalibela gekrochen, sechs Tage habe ich dafür gebraucht“, sagt er.

Jahrelang lebte er dort als Straßenjunge unter ärmlichsten Bedingungen, verdiente sich hier und da etwas Geld als Schuhputzer und lief als Attraktion für Touristen ein paar Meter weit auf seinen Händen – bis er Ende der 90er Jahre jemanden traf, der sein ganzes Leben für immer verändern sollte.

Zufällige Begegnung mit einem amerikanischen Arzt

Ein amerikanischer Chirurg war zu Besuch in Lalibela, um sich die weltberühmten Felsenkirchen im nördlichen Hochland anzusehen. „Der Arzt sah mich lange an und sagte dann, ich solle nach Addis Abeba ins Krankenhaus kommen, denn er könne mir helfen.“ Die Dorfbewohner sammelten Geld und setzten Tameru ins nächste Flugzeug in die Hauptstadt. Ziel: Das „Black Lion Hospital“.

14 Jahre und 9 Operationen später zeigen Tamerus Füße in die richtige Richtung, er kann kurze Strecken ohne Hilfsmittel gehen, hat einen Schulabschluss und zwei Diplome in Tourismus und IT in der Tasche. „Der Moment, als ich zum ersten Mal aufrecht stehen konnte, war der schönste in meinem bisherigen Leben“, lächelt er.

„Ich bin gerne anders als andere“

Da ihm vor allem Deutsche, Österreicher und Schweizer auf seinem Weg in ein normales Leben geholfen haben, belegte Tameru später Kurse beim Goethe-Institut in Addis Abeba. Heute spricht er gutes Deutsch.

Am wohlsten aber fühlt er sich, wenn er im Handstand auf seinen ultraleichten Carbonfaser-Krücken steht und mit seinen Tricks die Zuschauer im „Debre Birhan“-Zirkus begeistert. Bald geht er mit der gesamten Truppe für sechs Monate auf Tour in Schweden. „Die Diskriminierung von Behinderten in Afrika muss aufhören“, erklärt er. „Ich bin gerne anders als andere – und kopfüber auf Krücken gehen, das kann nur ich!“

(dpa)

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