Wunschzettel für eine blindenfreundliche Welt

Joana Zimmer, Corinna May, Verena Bentele und andere über die alltäglichen Hürden, mit denen sehbehinderte Menschen konfrontiert sind. Plus Zahlen zu den Betroffenen in Deutschland und weltweit.

Die blinde Sängerin Joana Zimmer (29)

Auch das gehört zum Alltag: Ein Konto eröffnen – so wie hier Joana Zimmer im September 2009 in New York, die von der Bankangestellten Gabrielle Prince begrüßt wird. (Foto: dpa)

„Ich wünsche mir vor allem, dass alle Ampeln blindenfreundlich gemacht werden. Straßen überqueren ist ohne Signal für uns Nicht-Sehende fast unmöglich.“

„Es wird in Deutschland viel getan, aber oftmals sind es Kleinigkeiten, Unachtsamkeiten im Alltag, die uns das Leben schwer machen, zum Beispiel wenn im Bus der Lautsprecher zur Ansage der nächsten Station leise gestellt ist. Der Busfahrer denkt sich nichts Böses, wenn er es leise stellt, aber wir wissen gar nicht, wo wir uns befinden.“

Die blinde Sängerin Corinna May (42)

Corinna May wurde als Grand-Prix-Sängerin bekannt

„An sich fühle ich mich weder behindert noch benachteiligt. Ich nehme mein Leben in die Hand und kümmere mich.“

„Nur die Über-Visualisierung der Technik wird für mich zum Problem. Ich kann kaum noch den TV anmachen, weil ich kaum noch weiß, wo ich drücken muss. Das sollte vereinfacht werden. Und leider hat sich zu früher generell nicht viel geändert.“

Die blinde Ex-Biathletin und Personaltrainerin Verena Bentele (30)

Verena Bentele (Foto: Axel Kohring/beautiful-sports.com)

„Ich habe in München Germanistik studiert und musste jeden Tag über eine stark befahrene Straße ohne Blindenampel gehen. Das war ein großes Problem. In der nähe von öffentlichen Gebäuden wie einer Universität wäre es schon wünschenswert, Blindenampeln zu haben.“

„Das wichtigste ist vor allem, dass der Prozess Gleichstellung nicht stillstehen darf. Ich wünsche mir, dass sich beide Seiten in kleinen Schritten auf ein ander zu bewegen.“

„Jeder Mensch hat die Fähigkeit, sehr viel zu leisten. Dafür fehlt aber noch die Wahrnehmung. Mir trauen viele Leute oft ganz alltägliche Dinge nicht zu.“

„Ich erwarte gar nicht von jedem, dass er weiß, was ich brauche. Viele Menschen haben das erste Mal mit Blinden zu tun und da ist eine große Unsicherheit dabei. Da bin auch ich gefordert, auf die Menschen zuzugehen.“

Die Präsidentin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, Renate Reymann (61)

„Neulich … wurde ich gefragt: Warum wollen sich denn blinde Frauen schminken? Da habe ich zurückgefragt: Warum will sich denn eine sehende Frau schminken? Das sind so ganz einfache Dinge, an denen ich erkenne: Wir Betroffene haben noch unheimlich viel zu tun, um die Barrieren in den Köpfen zu beseitigen und zu zeigen, dass blinde und sehbehinderte Menschen ein genauso normales Leben führen möchten wie alle anderen.“

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe (55)

„Es muss vor allem ein Umdenken stattfinden. Menschen mit Sehbehinderung sind keine Fürsorgeempfänger, sie haben ein Recht auf Teilhabe. Arbeitgeber müssen sich mehr öffnen, Ausbildungs- und Studienbedingungen auf die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen besser angepasst und etwa das Internet barrierefrei gestaltet werden.“

Sehbehinderung in Deutschland und weltweit

– Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit 285 Millionen Menschen in ihrer Fähigkeit zu sehen, eingeschränkt sind

– 39 Millionen Menschen sind demnach blind

– 246 Millionen sehen nur schlecht

– die Ursachen hätten der WHO zufolge meist verhindert werden können

– 90 Prozent der Betroffenen leben in Entwicklungsländern

– in Europa sind etwa 28 Millionen Menschen sehbehindert

– in der Bundesrepublik waren einer Hochrechnung nach im Jahr 2002 etwa 1,2 Millionen Menschen sehbehindert

(dapd)

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