Yehudi Menuhin – der Jahrhundertkünstler, der Musik in Behinderteneinrichtungen brachte

Interview mit Stargeiger Daniel Hope zum 100. Geburtstag seines Ziehvaters.

Yehudi Menuhin am 15. Oktober 1979 in der Frankfurter Paulskirche. (Foto: Manfred Rehm/dpa)

Yehudi Menuhin am 15. Oktober 1979 in der Frankfurter Paulskirche. (Foto: Manfred Rehm/dpa)

Er war das Wunderkind des Zwanzigsten Jahrhunderts schlechthin: Yehudi Menuhin, geboren am 22. April 1916 – genau vor 100 Jahren. Kaum ein Musiker kannte ihn so gut wie der Geiger Daniel Hope (42). Er wuchs quasi bei ihm auf, Menuhin war sein Mentor. Ihm zum Gedenken hat Hope jetzt ein Album mit den Lieblingsstücken seines legendären Mentors herausgebracht. Im Gespräch erinnert sich der 42-Jährige Brite, der in Berlin lebt, an einen großen Mann, der sich stets gegen Hass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aussprach. Die Fragen stellte Nada Weigelt.

Über den Jahrhundertgeiger mit goldenem Herz

Der britische Stargeiger Daniel Hope (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Der britische Stargeiger Daniel Hope (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Herr Hope, Menuhin hat sich selbst als Ihren „musikalischen Großvater“ bezeichnet. Wie kam es dazu?

Durch eine Reihe von sehr ungewöhnlichen Zufällen. Meine Eltern hatten Südafrika verlassen müssen, weil mein Vater wegen seiner Kritik an der Apartheid dort als Schriftsteller nicht mehr arbeiten durfte. Um die Familie über Wasser zu halten, stellte sich meine Mutter in London bei Menuhin für einen Job als Sekretärin vor. Er kam die Treppe runter und fragte: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Beethoven und Bach?“ Als sie ja sagte, antwortete er nur kurz: „Gut. Wann können Sie anfangen?“ Aus geplanten sechs Monaten wurden 24 Jahre. Meine Mutter hat sehr bald sein ganzes berufliches Leben gemanagt, er war Teil unserer Familie.

…und Sie haben von ihm Geige gelernt?

Nein, das gerade nicht. Ich habe von ihm die Liebe zur Musik gelernt: Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen, meine Mutter hat mich ganz viel in Proben mitgenommen, und im Sommer waren wir immer als ganze Familie mit ihm in Gstaad bei seinem Festival. Aber als ich dann mit vier verkündete, ich will Geiger werden, war er erstmal zurückhaltend. Er hat mir zwar eine Lehrerin gesucht und den Unterricht bezahlt, aber erst als ich 16 war, hat er mich wirklich als Musiker wahrgenommen.

Warum?

Ich studierte bei Zakhar Bron, der damals mit seinen Schülern heftig Furore machte. Deshalb sollte ich Menuhin in Gstaad vorspielen. Er war total gerührt und überrascht, dass ich, der kleine Junge von nebenan, das Studium doch so ernst genommen hatte. „Das ist super, das ist toll“, sagte er, „aber es gibt noch viel zu tun. Wenn du magst, helfe ich dir damit. Wir gehen zusammen auf Tour: Ich dirigiere, du spielst, und wir machen deinen Unterricht quasi während des Konzerts.“ So habe ich zehn Jahre lang die beste Ausbildung bekommen, die man sich vorstellen kann – mehr als 60 Konzerte mit ihm in der ganzen Welt.

Was ist das Wichtigste, was Sie von ihm gelernt haben?

Da gibt es so viel, menschlich und musikalisch! Musikalisch war es die Originalität. Er war so eigen in einem positiven Sinne. Er hat jedes Werk immer wieder so angeschaut, als würde er es zum ersten Mal sehen. Da war er sehr penibel. Er wollte – schon aus Respekt vor dem Komponisten – nie in so einen Rhythmus kommen zu sagen: Das kann ich schon, das hab‘ ich drauf. Er hat immer nach einem neuen Blickwinkel gesucht.

War er auch streng?

Ja, er war auch streng, aber ähnlich wie mein Lehrer Bron, der auch großen Wert auf sehr präzises Arbeiten und Disziplin legte – insofern war ich schon ein bisschen gewappnet. Und wenn er Kritik äußerte, war das immer sehr konstruktiv und damit kann ich gut umgehen. Auch wenn nicht immer alles geklappt hat, fand er es gut, wenn man den Mut hatte, es zu probieren, sich dranzuwagen.

Und das Menschliche?

Sein absoluter Hass gegen Hass, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Er hat sich immer vehement für Menschen eingesetzt. Und ich finde seine Stiftungsidee Live Music Now bis heute genial, weil sie weltweit funktioniert. Danach gibt es Menschen, die keinen Zugang zu Musik bekommen, weil sie zu arm sind, zu krank oder sonst verhindert. Und auf der anderen Seite gibt es viele junge Künstler, die Bühnenerfahrung brauchen, und die bringt man zusammen – mit Konzerten in Altenheimen, in Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen. Er hat gedacht, dass Musik zum Teilen da ist. Und niemand hat das besser verstanden als er.

Menuhin gilt als wohl bester Geiger des 20. Jahrhunderts. Hatten Sie nicht Manschetten, ihm eine Hommage zu widmen?

Früher als Kind war er für mich einfach der „Houdini“, wie ich ihn nannte, weil ich Yehudi nicht aussprechen konnte. Als ich dann merkte, das ist Menuhin, war die Ehrfurcht groß. Aber er konnte einem diese Ehrfurcht mit einem Wort nehmen, weil er so bescheiden war. Und jetzt bei der Platte? Da geht es ja nicht darum, ihm irgendwie das Wasser zu reichen. Daran braucht man nicht ein Sekunde zu denken. Er wird für mich immer ganz oben bleiben, er ist unantastbar.

(dpa)

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