„Ziemlich beste Freunde“ im Realitäts-Check

Nina Ruge moderierte: So verlief die Diskussion über Menschen mit und ohne Behinderung im Berliner Kleisthaus.

„Ziemlich beste Freunde“ mit Omar Sy und François Cluzet in den Hauptrollen. Cluzet wird im Deutschen synchronisiert von Frank Röth, der Jurymitglied des ROLLINGPLANET-Modelwettbewerbs „Miss Angel 2012“ ist. (Foto: Senator Film)

Um Film und Wirklichkeit von Menschen mit Behinderung ging es in der Podiumsdiskussion zu dem Kinoerfolg und ROLLINGPLANET-Lieblingsfilm „Ziemlich beste Freunde“ am Mittwochabend im Berliner Kleisthaus. Eingeladen hatte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, seit kurzem auch wieder Mitglied des Bundestags. Mehr als 200 behinderte und nicht behinderte Besucher waren erschienen.

Nina Ruge moderierte (und wir haben uns sehr gefreut, dass Ruge unsere ROLLINGPLANET-Ankündigung auf ihrer Webseite verlinkt hatte). Gäste waren Dr. Sigrid Arnade, die unter anderem Vorsitzende der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V. ist, Regisseur Anno Saul („Wo ist Fred“), Schauspielerin Jana Zöll und Hubert Hüppe. Sie diskutierten über die Fragen, was den Film so populär macht und was er mit dem Leben von Menschen mit Behinderung in Deutschland zu tun hat.

“Gesellschaft immer noch gehemmt“

Tenor im Podium: Die Gesellschaft sei immer noch gehemmt im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Noch immer sei der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung nicht alltäglich. „Heute gehen Kinder mit und ohne Behinderung meist noch auf getrennte Schulen“, gab Hüppe zu bedenken. So könne eine Gesellschaft nicht zusammenwachsen.

Sigrid Arnade erklärte sich die Hemmungen der Nichtbehinderten damit, dass Menschen mit Behinderung meist mit einem tragischen Schicksal in Verbindung gebracht und auf die Behinderung reduziert würden. Der Grund für die außergewöhnliche Freundschaft der beiden Hauptfiguren im Film sei durch ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft zu erklären. Die Angst vor Ausgrenzung sei aber allen Menschen bekannt, weshalb der Film solchen Anklang gefunden habe. Der Film lebe durch die Unbefangenheit der Charaktere.

Politische Korrektheit und Hemmungen

Anno Saul meinte, politische Korrektheit helfe im Umgang mit Menschen mit Behinderung wenig, wenn sie dazu führe, den Kontakt zu meiden (Bravo, das findet ROLLINGPLANET, oftmals von politischer Korrektheit genervt, ja auch). Hüppe schlug vor, trotz Hemmungen einfach den Kontakt zu suchen, auch wenn man Angst habe, mal etwas Falsches zu sagen (äh, selbst die behinderten ROLLINGPLANET-Mitarbeiter haben manchmal Angst vor Behinderten, weil uns vorgeworfen wird, dass wir politisch nicht korrekt sind). Die beiden Rollstuhlfahrerinnen auf dem Podium, Sigrid Arnade und Jana Zöll, ermunterten Menschen ohne Behinderung zum Kontakt, da Menschen mit Behinderung in Deutschland meist zu äußern wüssten, was sie bräuchten.

Bei Liebesbeziehungen von Menschen mit Behinderung träten die Hemmungen beiderseits noch deutlicher zutage, so Jana Zöll. Sie erklärte sich dies mit der stärkeren Hemmung bezüglich der Körperlichkeit. Beide Rollstuhlfahrerinnen berichteten aber über erfüllte Beziehungen auch zu nicht behinderten Menschen.

(PM/RP)


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