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Ziemlich bester Schurke: Wie Josef Müller immer größenwahnsinniger wurde

Der Rollstuhlfahrer tingelt nun mit Gott durch die Welt – was bleibt ihm auch anderes übrig?

Kriegt jetzt Beistand von oben: Josef Müller (Foto: Brunnen Verlag)

Kriegt jetzt Beistand von oben: Josef Müller (Foto: Brunnen Verlag)

ROLLINGPLANET-Redakteur Franz Schubert staunt nicht schlecht, wenn er jetzt den Mann wieder sieht, der sich bei ihm einst als Ehrenkonsul von Panama vorstellte. Sie sind sich einmal begegnet – vor ungefähr zwanzig Jahren in Schuberts Wohnzimmer, als sein Besucher ihm – von Rollstuhlfahrer zu Rollstuhlfahrer – erst mal erklärte, was für ein toller Hecht er (der Gast) sei. Der Mann hieß Josef Müller, war sehr dick, trug eine bunte Krawatte sowie einen Schnauzer und fragte Schubert, ob er nicht bei dem von Müller soeben gegründeten Behindertenmagazin investieren und mitmachen wolle. Schubert lehnte ab, worüber er heute ganz froh ist.

Seitdem hat Schubert den dicken Müller mehrfach gesehen – allerdings nie wieder persönlich, sondern immer nur in der Zeitung oder im Fernsehen. Beispielsweise in der Münchner „tz“: Da war Müller gerade zum ersten Mal zu einer Knaststrafe verknackt worden, Müller schaute aber trotzdem noch fröhlich drein – weil es für den Rollstuhlfahrer seinerzeit noch kein barrierefreies Gefängnis für dicke Behinderte gab, durfte er weiter frei umherrollen. Und abnehmen wollte Müller auf keinen Fall: Die Diät hätte ihm die Freiheit gekostet.

Rollywood: Limousinen, Drogen, Mädchen

Gut bekommen ist das niemand – weder den Opfern noch dem Betrüger selbst: Josef Müller aus München liebte den Luxus. „Champagner-Müller“ nannte ihn die Boulevardpresse. Teure Limousinen, Drogen und sogenannte leichte Mädchen finanzierte er aus seinen Geschäften als Steuer- und Anlageberater. Bald handelte ihn die Münchner Schickeria als Geheimtipp für schnelle Geldvermehrung. Der Mann im Rollstuhl (seit seinem 18. Lebensjahr querschnittgelähmt wegen eines Autounfalls) hatte es bis ganz nach oben geschafft. Doch Müller verspekulierte sich.

Er veruntreute die ihm anvertrauten Vermögen, prellte seine Mandaten um mehrere Millionen Euro, wusch das Geld internationaler Drogenkartelle. Nach einem Millionenbetrug begab er sich auf eine abenteuerliche Flucht vor der Polizei, legte sich eine falsche Identität zu und lebte unerkannt in den USA. Doch er spürte eigenen Worten zufolge, dass ihn die Lügen kaputt machten („so will ich nicht den Rest meines Lebens verbringen“). Er beschloss, sich zu stellen (vom Saulus zum Paulus gewandelt oder einfach nur erschöpft von der Flucht?), auch wenn er danach als Betrüger für mehrere Jahre ins Gefängnis musste. Und irgendwie hat er dort zu Gott und zu sich selbst gefunden. Sagt er.

ROLLINGPLANET weiß ein Happy End

ZiemlichbesterSchurkeSo jedenfalls die offizielle Version, mit der Müller derzeit durchs Fernsehen tingelt und die er in ein Buch (Ziemlich bester Schurke: Wie ich immer reicher wurde, Brunnen Verlag Basel, 320 Seiten, 17,99 Euro) verpackt hat. Leider vergibt Gott den Sündern, aber keine Schecks an die Geschädigten – aber immerhin: Müller (jetzt 58, sehr viel schlanker und ohne Schnauzer), der, wie es scheint, heute die Anzüge von einst trägt (irgendwie erscheinen sie viel zu groß), will seine Einnahmen dazu verwenden, den von ihm begangenen Schaden wenigstens teilweise wieder gut zu machen.

Nicht so wirklich hilfreich findet es ROLLINGPLANET, dass Müller derzeit in seinem öffentlichen Sühne-Akt gelegentlich den Rollstuhl als tiefenpsychologische Erklärung für seinen einstigen Größenwahnsinn heranzieht. Aber ROLLINGPLANET vergibt bekanntlich mindestens genauso schnell wie der liebe Herrgott, mag schräge Typen und wünscht Müller deshalb:

Dass Hollywood/Rollywood seine Geschichte entdecken möge, daraus einen Spielfilm macht, alle ganz reich werden, Müller seine Opfer entschädigen kann und bis zum Lebensende ohne schlechtes Gewissen mit heißen Mädchen in dicken Limousinen Champagner schlürfen kann. Und wenn es so weit ist: Nicht vergessen, den Schubert von damals unbedingt einladen!

(RP)

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