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Zoff beim DBS: Rücktrittsdrohung von Präsident Beucher

Trotz Paralympics-Euphorie: Der Behindertensportverband verbucht erstmals seit 2006 wieder ein finanzielles Minus. Von Martin Kloth

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (Archivfoto: Frank Rumpenhorst/ dpa/lhe)

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (Archivfoto: Frank Rumpenhorst/ dpa/lhe)

Mitten im Kongress platzte dem Präsidenten der Kragen. Weil die Delegierten einer Satzungsänderung bezüglich der Mitgliederzählung nicht folgten und dadurch eine notwendige Beitragserhöhung blockierten, kritisierte Friedhelm Julius Beucher die Uneinigkeit.

„Das geht so nicht“, schimpfte der Vorsitzende des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) am Samstag beim Verbandstag in Seeheim-Jugenheim (Hessen) vom Rednerpult und forderte, dies schnell zu überwinden. Er würde sonst in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen. „Jetzt brauchen wir einen Außerordentlichen Verbandstag“, teilte er den Delegierten mit.

Minusgeschäft: Personelle Konsequenzen angekündigt

Wegen tariflicher Lohnsteigerungen und Abfindungszahlungen erwirtschaftete der Verband im Jahr 2012 ein Negativergebnis von 182.000 Euro. Dadurch sank das Eigenkapital auf 272.000 Euro. „Das ist schmerzlich“, sagte Vizepräsident Michael Rosenbaum.

Für 2013 plant der DBS mit einem ausgeglichenen Haushalt. Im vorparalympischen Jahr sollen den Einnahmen von 7,26 Millionen Euro Ausgaben in gleicher Höhe gegenüberstehen. Doch wegen der notwendigen und zuvor bereits vom Hauptvorstand beschlossenen Beitragserhöhung stehen für 2014 finanzielle und auch personelle Konsequenzen an.

Im Jahr 2006 hatte der mit gut 650.000 Mitgliedern größte nationale Behindertensportverband der Welt einen Verlust von 532.000 Euro erwirtschaftet.

Damit dürfte auch Beuchers Dementi, dass der vakante Job des Generalsekretärs mit 130.000 Euro jährlich dotiert ist (ROLLINGPLANET berichtete: CDU-Sprecher Riegert lehnt Amt als DBS-Generalsekretär ab), glaubwürdig sein.

Zweite Amtszeit für Beucher

Trotz seines verbalen Donnerwetters wählten die 101 Delegierten Beucher in seine zweite Amtszeit. Bei der Abstimmung im Block bekamen er und seine Präsidiumskollegen nur vier Gegenstimmen. Neun Monate vor den Winter-Paralympics in Sotschi setzt der DBS auf Kontinuität. Neben dem Präsidenten bleiben auch fünf seiner Stellvertreter im Amt.

Noch lange nach den eindringlichen Schlussworten stand Beucher in immer neuen Grüppchen und diskutierte. Weil beim Verbandstag eine eingeplante Satzungsänderung bei der Abstimmung durchfiel, hat der DBS unerwartete Geldsorgen und muss sogar beim Personal sparen.

Der Hauptvorstand, höchstes Gremium zwischen den Verbandstagen, hatte am Vorabend eine Beitragserhöhung beschlossen. Die dafür ausgeklügelte Methode zur Mitgliederzählung sollte in die Satzung aufgenommen werden. Doch ohne größere Vorlaufzeit, rechtliche Abklärung und im Eilverfahren wollten die Delegierten das heikle Thema nicht durchwinken. Begleitet von Bedenken und Diskussionen verweigerten die Funktionäre dem Passus die notwendige Dreiviertel-Mehrheit – und stürzten den DBS in ein Dilemma.

Über den Umweg eines Außerordentlichen Verbandstages im kommenden Jahr sollen die Satzungsänderung und so auch die Beitragserhöhung umgesetzt werden. Für den Verband ist dies essenziell: Obwohl sich die Mitgliederzahl seit 2001 mehr als verdoppelt hat und derzeit mit 650.986 angegeben wird, kommt pro Jahr und Mitglied nicht einmal ein Euro in die DBS-Kasse.

Michael Rosenbaum, Vizepräsident für Finanzen, zeichnete zwar das Bild eines solide aufgestellten Verbandes. Gleichzeitig warnte er aber auch vor den Risiken, dass Geldgeber ausfallen können.

Wiedergewähltes DBS-Präsidium (v.l.n.r.): Ute Herzog, Thomas Härtel, Dr. Karl Quade, Friedhelm Julius Beucher, Dr. Michael Rosenbaum. Untere Reihe von links: Ludger Elling, Manuela Schmermund, Lars Pickardt. Es fehlt Dr. Roland Thietje. (Foto: DBS)

Wiedergewähltes DBS-Präsidium (v.l.n.r.): Ute Herzog, Thomas Härtel, Dr. Karl Quade, Friedhelm Julius Beucher, Dr. Michael Rosenbaum. Untere Reihe von links: Ludger Elling, Manuela Schmermund, Lars Pickardt. Es fehlt Dr. Roland Thietje. (Foto: DBS)

Bilanz mit sportlichen Erfolgen

Erfreulicher als die finanzielle Bilanz war die sportliche: Beucher, einst Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, verwies für die Jahre seit 2009 auf große sportliche Erfolge. Bei WM und EM gewannen die deutschen Athleten 174 Gold-, 166 Silber- und 2005 Bronzemedaillen. Von den Paralympics im Vorjahr in London kehrte die DBS-Delegation mit 18 Mal Gold, 26 Mal Silber und 22 Mal Bronze sowie Platz acht der Nationenwertung zurück.

Gar überragend war das Abschneiden bei den Winter-Paralympics in Vancouver: 13 Siege, fünf zweite und sechs dritte Plätze erbrachten Platz eins.

Alle Gold-Garanten haben aufgehört

Doch die damalige Spitzennation steht für Sotschi im kommenden Jahr vor einem Problem. Zwölf der 13 Paralympics-Siege gingen auf das Konto der Ausnahmesportler Verena Bentele (Ski nordisch/5), Gerd Schönfelder (Ski alpin/4) und Martin Braxenthaler (Alpin/3).

Alle drei Gold-Garanten haben jedoch ihre sportliche Laufbahn beendet. „Wir werden nicht abschneiden können wie in Vancouver“, erklärte Karl Quade, Vizepräsident Leistungssport.

(RP/dpa)

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