Zum Tode von Roger Willemsen: „Ich werde dich nie vergessen!“

Er war „ein außerordentlicher Kämpfer für die Menschen“ (auch mit Behinderung).

Der Publizist und Moderator Roger Willemsen starb am Sonntag, 7. Februar 2016. (Foto: Jens Kalaene)

Der Publizist und Moderator Roger Willemsen starb am Sonntag, 7. Februar 2016. (Foto: Jens Kalaene)

Roger Willemsen ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg. Die Diagnose hatte er vor fünf Monaten, wenige Tage nach seinem Geburtstag, erhalten. Seither hatte der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt und weitgehend zurückgezogen aus der Öffentlichkeit gelebt.

Nach dem Abitur studierte Willemsen, der 1955 in Bonn geboren wurde, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. In dieser Zeit arbeitete er nebenher als Nachtwächter, Reiseleiter und Museumswärter. Seit er ab 1991 für den Bezahlsender Premiere die Gesprächssendung „0137“ moderierte, avancierte er zum TV-Shootingstar. Die zwischen Politik und Boulevard angesiedelte Show galt als „Talk ohne Tabu“.

Einem noch breiterem Publikum bekannt wurde er ab 1994 mit der ZDF-Talksendung „Willemsens Woche“. 2010 veröffentlichte er seine vielbeachteten Reise-Essays „Die Enden der Welt“. Für seinen letzten Bestseller, 2014, „Das Hohe Haus“, verfolgte er ein Jahr lang als Zuhörer das Geschehen im Bundestag.

Krauthausens Begegnung mit Willemsen

Der Grimme-Preisträger war nicht nur einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen. Er war zudem ein „außerordentlicher Kämpfer für die Menschen“, so Jörg Bong, Geschäftsführer des S. Fischer Verlages. Tatsächlich war Willemsen jemand, der stets auch für Menschen mit Behinderung ein Ohr hatte. So willigte er vor zwei Jahren sofort ein, als Gee Vero, eine Künstlerin mit Asperger-Syndrom, ihn bat, sich mit einer Zeichnung an einer Kunstausstellung zu beteiligen.

Einer der Menschen, für die Willemsen kämpfte, war Michel Petrucciani. Immer wieder ließ Willemsen den kleinwüchsigen Jazzmusiker, der die sogenannte Glasknochenkrankheit hatte, in seiner ZDF-Sendung auftreten. Und Willemsen war ein treuer Freund. Zwölf Jahre, nachdem Petrucciani 1999 mit nur 36 Jahren gestorben war, widmete Willemsen ihm als Co-Produzent die Filmdokumentation „Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit“.

„Der Aktivist ist ein Entzünder, ein Auslöser und Anreger“

Ein anderer kleiner, großer Mann, den Willemsen in sein Herz geschlossen hatte, ist Raul Krauthausen. Zu dessen Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“ schrieb er das Vorwort und ermutigte ihn: „Wikipedia führt Raul Krauthausen als ,Aktivist‘. Wie habe ich mich gefreut, als ich das las! Von einem Aktivisten wird man nicht sagen, dass er an den Rollstuhl ,gefesselt‘ sei, und dieser Rollstuhl ist ja zugleich auch, sagt Raul, die Bedingung seiner Freiheit. Ein Aktivist ist man dank der Beweglichkeit von Ideen und dank der Wirkung von Impulsen, deren Nachhall man in der tätigen Welt verfolgen kann. Der Aktivist ist ein Entzünder, ein Auslöser und Anreger. Er beweist Tatkraft und hat doch zugleich eine hohe Meinung vom Umgang mit Ideen.“

Krauthausen – wie Petrucciani mit der Glasknochenkrankheit zur Welt gekommen – war 17 Jahre jung, als er seinen späteren Mutmacher und Mentor kennenlernte: „Er war der Grund für mein Interesse an gesellschaftskritischen Themen“, erinnert sich der Berliner Behindertenaktivist. „Lieber Roger, ich vermisse dich und werde dich nie vergessen! Danke für alles, was du mir beigebracht hast, und das ganze Vertrauen in mich“, so Krauthausen, der weinen musste, als ihn die Nachricht von Willemsens Tod erreichte.

Raul Krauthausen (l.) war 17, als er 1997 Roger Willemsen kennenlernte. (Foto: Privat/Krauthausen)

Raul Krauthausen (l.) war 17, als er 1997 Roger Willemsen kennenlernte. (Foto: Privat/Krauthausen)

(RP)

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2 Kommentare

  • Ingrid Gerber

    beeindruckend. Tief beeindruckend.

    9. Februar 2016 at 08:29
  • Ute Kaiser

    er war mein Pate bei meiner wunderbaren Kieler Band bei Musik für alle

    9. Februar 2016 at 20:45

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