""

Zunge wird zum Steuerknüppel für Rollstühle

Querschnittgelähmte können oft weder Arme noch Beine bewegen. Doch die Zunge funktioniert fast immer.

Professor Maysam Ghovanloo (links) zeigt auf einen kleinen Mangneten auf der Zunge (Foto: Gary Meek)

Professor Maysam Ghovanloo (links) zeigt auf einen kleinen Mangneten auf der Zunge (Foto: Gary Meek)

Mit Hilfe eines speziellen Zungenpiercings können Querschnittgelähmte mit dem Mund Rollstühle steuern und Computer bedienen. Je nach Position der Zunge ergeben sich verschiedene Befehle, die von einem mit Sensoren ausgestatteten Headset erfasst werden, wie US-Wissenschaftler im Fachmagazin „Science Translational Medicine“ schreiben. Über die Entwicklung hatte ROLLINGPLANET erstmals im Februar vergangenen Jahres berichtet.

Von der Entwicklung sollen Menschen profitieren, deren Arme und Beinen gelähmt sind. Wohin sich das Piercing im Mund bewegt, ließe sich anhand des veränderten magnetischen Feldes ablesen, erklären die Forscher um Maysam Ghovanloo vom Georgia Institute of Technology in Atlanta. Die Befehle gehen an einen iPod, der die Zungenkommandos an ein Endgerät – beispielsweise einen Rollstuhl oder einen PC – übermittelt.

Dreimal schneller, aber genauso akkurat

Die Testpersonen seien bereits nach einer halben Stunde Üben mit der Technik zurechtgekommen, berichten die Forscher. An den Tests waren 11 Querschnittgelähmte und 23 Gesunde beteiligt. Sie gaben der Studie zufolge mit der Zungensteuerung eine Telefonnummer ein, klickten am Computer auf Objekte oder absolvierten einen Hindernisparcours in einem elektrischen Rollstuhl.

Insgesamt seien mit der Technik sechs verschiedene Befehle möglich – mehr als bei einer bislang üblichen Rollstuhlsteuerung mittels Ein- und Ausatmen, schreiben die Forscher. Probanden, die bislang die Atemsteuerung nutzten, hätten Aufgaben mit der Zunge dreimal schneller – aber genauso akkurat – erledigt. In Zukunft wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie Patienten in ihrem gewohnten Alltag mit der neuen Steuerung zurechtkommen. Sie arbeiten zudem an einer Art Zahnspange, die das auffällige Headset überflüssig machen soll.

Oder Steuerung mit den Ohren

Auch für blinde Menschen könnte die Zunge zur großen Hilfe werden: Bei dem von ROLLINGPLANET im Februar vorgestellten „Tongueduino“ dienen elektrische Impulse als visuelle Prothesen, die visuelle Informationen anhand von elektrischen Signalen auf der Zungenspitze übermittelt. Hier handelt es sich um ein Projekt des MIT Media Lab (Massachusetts Institute of Technology) der Technischen Hochschule und Universität in Cambridge, Massachusetts (USA).

Zurück zu den Querschnittgelähmten: Mitte November hatten Forscher aus Göttingen bereits eine Rollstuhl-Steuerung mittels Ohrmuskeln präsentiert. Dabei hatten Testpersonen den Einsatz ihrer Ohrmuskeln zunächst mit einer Software trainiert. Der Vorteil der beiden neuen Methoden: Querschnittgelähmte können – anders als bei einer Steuerung über Atmung oder Blickrichtung – gleichzeitig Befehle geben und mit ihrem Umfeld interagieren.

(RP/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN