Zweiter Heimkinderfonds kommt – Hilfe nach Leid in Psychiatrie

Sie wurden vielfach geschlagen, gedemütigt, missbraucht – jetzt sollen Menschen Geld bekommen, die als Kinder in Psychiatrie oder Behinderteneinrichtungen waren.

Bundesarbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) (Foto: Sophia Kembowski/dpa)

Bundesarbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) (Foto: Sophia Kembowski/dpa)

Nach langem Ringen soll es einen neuen Hilfsfonds für zehntausende Menschen geben, die als Kinder in Behindertenheimen oder in der Psychiatrie Leid erlitten haben. „Nach jahrelangen Verhandlungen ist endlich der Durchbruch geschafft“, sagte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) nach den Verhandlungen von Bund und Ländern am Donnerstagabend der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Betroffen sind nach einer Schätzung noch rund 97.000 Frauen und Männer, die Leid und Unrecht in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie in Westdeutschland oder der DDR erfahren haben. Sie sollen jeweils 9.000 Euro bekommen sowie Rentenersatzzahlungen in Höhe von 3.000 Euro (bei zwei Jahren Arbeit) oder 5.000 Euro (bei mehr als zwei Jahren geleisteter Arbeit), sofern die Einrichtungen dafür keine Sozialversicherungsbeiträge entrichtet haben.

Verhandlungen seit rund drei Jahren

„Die Einigung zum Start der ‚Stiftung Anerkennung und Hilfe‘ ist eine gute Nachricht für alle Betroffenen, die schon viel zu lang auf unsere Hilfe warten“, sagte Nahles. „Ich freue mich sehr, dass wir uns heute hier gemeinsam auf eine Lösung einigen konnten, die nun auch hoffentlich bald bei den Betroffenen ankommen kann.“

Viele Betroffene waren Opfer von körperlicher, oft auch sexueller Gewalt. Häufig mussten sie in den Heimen ohne Bezahlung arbeiten. Seit rund drei Jahren laufen Verhandlungen und Vorbereitungen von Bund, Ländern und Kirchen für Hilfen. Betroffene hatten in Medienberichten unter anderem von Schlägen, kalten Schockbädern oder dunklen Zellen berichtet.

Die Betroffenen bekommen keine Unterstützung aus einem bereits bestehenden Fonds für Menschen, die als Kind in Erziehungsheimen waren. Tausende Betroffene waren auch lediglich verhaltensauffällig und kamen mit falschen Diagnosen in die Heime.

(RP/mit Materialien von dpa)

Kommentar von Corinna Rüffer

Corinna Rüffer (Bündnis 90/Die Grünen, Pressefoto)

Corinna Rüffer (Bündnis 90/Die Grünen, Pressefoto)

Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien werden benachteiligt

Dass die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ nun endlich starten kann, ist grundsätzlich zu begrüßen und absolut überfällig. Doch leider ist die Politik offensichtlich nicht in der Lage, sich gegenüber den Betroffenen wirklich respektvoll und angemessen zu verhalten.

Die Höhe der nun beschlossenen Rentenersatzleistungen ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die als Kinder und Jugendliche in Behindertenheimen und Psychiatrie misshandelt wurden und dort Zwangsarbeit leisten mussten. Denn Heimkinder aus Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe haben für die während ihres Heimaufenthalts geleistete Arbeit Rentenersatzleistungen von 300 Euro pro Monat erhalten. Im Einzelfall waren das bis zu 25.000 Euro.

Es ist ein Hohn, wenn Kerstin Tack (SPD) sich jetzt darüber freut, „dass die Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen nun aufhört“. Das Gegenteil trifft zu: Sie werden gegenüber anderen Opfern der damaligen Heimerziehung weiterhin benachteiligt. Es ist beschämend, dass die Arbeitsleistung von Menschen, die in Behindertenheimen und Psychiatrien waren, den Verantwortlichen offensichtlich deutlich weniger Wert ist.

Was jenseits aller Geldzahlungen und wissenschaftlicher Aufarbeitung dringen nötig ist, ist eine aufrichtige Entschuldigung von Seiten der Politik und der Kirchen gegenüber den Betroffenen.

Die Autorin ist Sprecherin für Behindertenpolitik von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.

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