Kontaktieren Sie uns

Rollingplanet | Portal für Menschen mit Behinderung

Ägyptische Lifehacks für Rollstuhlfahrer*innen

Ausland

Ägyptische Lifehacks für Rollstuhlfahrer*innen

Die Alhassan Stiftung in Kairo unterstützt Rollstuhlfahrer*innen, ein unabhängiges Leben zu führen – und ist damit ein Pionierprojekt in dem Land. Von Tasnim Rödder

Sogenannte "Wheelers"/Rollstuhlfahrer*innen im Büro der Alhassan Stiftung. (Foto: Alhassan Stiftung)

Sogenannte „Wheelers“/Rollstuhlfahrer*innen im Büro der Alhassan Stiftung. (Foto: Alhassan Stiftung)

Die Räume im dritten Stock eines Wohnhauses in Giza, unweit von den Pyramiden entfernt, sind frisch renoviert. Im hellen Eingangsraum sitzen junge Frauen im Rollstuhl an Computern. Es herrscht konzentrierte Stille. An der Wand steht in roten Lettern „Alhassan Foundation“, darüber ist ein abstrakter Sonnenaufgang aus rotem Plastik angebracht.

Hier befindet sich das Büro der Alhassan Stiftung – eine Organisation, die sich für die Rechte von Rollstuhlfahrer*innen in Ägypten einsetzt. Täglich kommen hier Rollstuhlfahrer*innen her, um Projekte zu planen, Spenden zu generieren und andere Aufgaben zu erledigen. Die Zielgruppe ist quasi gleichzeitig der Motor der Organisation.

Die Geschichte des Hassan Sedky Eldein

Die Stiftung ist nach einem jungen Mann benannt: Hassan Sedky Eldein. Der 25-jährige Ägypter hatte vor sieben Jahren einen Autounfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Hassan ist der Sohn der Stiftungspräsidentin: May Zein Eldein – die einzige im Büro, die nicht im Rollstuhl sitzt. „Menschen mit Behinderungen in Ägypten haben keine Chance, es gibt so gut wie keine Barrierefreiheit. Als mein Sohn den Autounfall hatte, war ich verzweifelt – obwohl wir wohlhabende, akademische Leute waren und genug Geld hatten, um unseren Sohn in einer Klinik in Deutschland behandeln zu lassen. Damals fragte ich mich: Wie soll es dann mittellosen Menschen im Rollstuhl ergehen?“, fragt die Gründerin der Stiftung.

Die Leidenschaft, die ihr auf der Zunge liegt, lässt erahnen, wie wichtig ihr das Projekt ist. Das Schicksal ihres Sohnes gab ihr die Motivation dazu, mit Freunden 2013 eine Organisation zu gründen, die heute Tausende Ägypter und Ägypterinnen im Rollstuhl unterstützt. „Die Stiftung ist mein neues Baby“, sagt ElDein und lächelt. Hassan Sedky ElDein ist mittlerweile der einzige ägyptische Rollstuhlbasketballspieler in den USA. Er ist das lebendige Beispiel dafür, dass die omnipräsenten Stigmata von Ohnmacht und Leid der Rollstuhlfahrer*innen nicht zutreffen. Dass man Erfolg haben kann – trotz oder gerade mit Behinderung.

Eben anders

Mitarbeiter der Stiftung bei einem Auftritt in Kairo. (Foto:  Alhassan Stiftung)

Mitarbeiter der Stiftung bei einem Auftritt in Kairo. (Foto: Alhassan Stiftung)

Nach diesem Vorbild wählte der die Alhassan Stiftung auch ihr Motto aus: „Wir können alles schaffen, nur eben anders“. Die Kernbotschaft der Stiftung ist gleichzeitig die größte Herausforderung der ägyptischen Rollstuhlfahrer*innen. Denn größtenteils vermittelt ihnen die Gesellschaft Abweisung. Das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel, das Besuchen kultureller Orte, die Teilnahme an politischen Partizipationsprozessen – das alles ist in Ägypten nicht barrierefrei. „Du bist ein Verlierer, bleibe zuhause“, so fasst Eldein die Botschaft der ägyptischen Gesellschaft in sechs Worten zusammen.

Ziel der Alhassan Stiftung ist es unter anderem, mit diesen Vorurteilen und der Diskriminierung von Rollstuhlfahrer*innen zu brechen. „Wir müssen uns zeigen, deutlich machen, dass wir genauso fähig nicht wie nicht behinderte Menschen, der Gesellschaft etwas beizutragen“, sagt Alaa Elnady, 35, der wegen einer Knochenmark-Verletzung seit siebzehn Jahren im Rollstuhl sitzt.

Maßangepasste Rollstühle – keine Selbstverständlichkeit

Elnady hat einen Bachelor-Abschluss in Informatik und Ingenieurswissenschaften an der Zagazig University in Ägypten absolviert und kam 2013 als Freiwilliger zur Alhassan Stiftung, „weil ich von der Vision der Stiftung völlig fasziniert war und die Strategie der Stiftung meinen eigenen gerecht wurde“, begründet Elnady. Er entschied sich dafür, seine Karriere als Ingenieur aufzugeben. Heute lebt er selbstständig und arbeitet als Projektmanager für die Alhassan Stiftung. Außerdem hält er regelmäßig Vorträge mit und über Menschen mit Behinderung für verschiedene Einrichtungen, unter anderem an Universitäten und beim TED Talk.

Mitwirkende der Alhassan Stiftung bei einem Ausflug. (Foto: Alhassan Stiftung)

Mitwirkende der Alhassan Stiftung bei einem Ausflug. (Foto: Alhassan Stiftung)

„Eines der Hauptprojekte der Stiftung ist es, maßangepasste Rollstühle zu finanzieren, die für gehbehinderte Menschen überlebenswichtig ist“, sagt Elnady. Ein falscher Rollstuhl schränkt Mobilität, Gesundheit und den Alltag von Rollstuhlfahrer*innen ein – er kann sogar die aus der Behinderung resultierenden gesundheitlichen Beschwerden und Symptome, je nach Krankheit, verschlimmern.

„Stell dir vor, du sitzt rund um die Uhr in einem unbequemen Stuhl – dann bekommst du auch Rückenschmerzen“, sagt Adina Hermann, Grafik-Designerin bei dem Projekt Leidmedien.de, einem Team aus Medienschaffenden mit und ohne Behinderung, das Redaktionen berät. Ein zu breiter Rollstuhl mit hohen Armlehnen könne zum Beispiel zu Haltungsschäden und letztlich auch zu einer geschwächten Oberkörpermuskulatur führen, weil man in seinen Bewegungen unnötig eingeschränkt würde, so die Expertin.

3.500 Rollstuhlfahrer suchen nach Daten

Bisher hat die Alhassan Stiftung 517 Rollstühle für circa eine Millionen Euro aufbringen können. Finanziert werden Projekte hauptsächlich durch private Spenden, Sponsoring der ägyptischen Nationalbank und der Prothesen-Firma Ottobock, Crowdfunding, internationale Unterstützung und dem Eigenanteil der Mitglieder, der je nach Einkommen zwischen zehn und zwanzig Prozent liegt.

Die Stiftung schätzt, dass etwa zwei Millionen der 22 Millionen Ägypter*innen heute im Rollstuhl sitzen. Doch verlässliche Zahlen gibt es nicht. „Daran arbeiten wir“, versichert Alaa Elnady. Deswegen sitzen einige Rollstuhlfahrer*innen im Büro, telefonieren und recherchieren Studien, Daten, Statistiken zu Menschen mit Behinderung in Ägypten. Das ist der kleinere Teil der beschäftigten Menschen in der Alhassan Stiiftung. Insgesamt beschäftigt die Stiftung circa 3.500 Rollstuhlfahrer*innen, die nach Daten zu ägyptischen Rollstuhlfahrer*innen suchen.

„Wir arbeiten hart daran, die Rollstuhlfahrer*innen für die Herausforderungen in ihrem täglichen Leben zu wappnen, damit sie physisch und finanziell unabhängig werden“ sagt Elnady. Doch was bedeutet das als Rollstuhlfahrer*in, unabhängig zu sein? Geht das überhaupt?

„Das Ziel sollte sein, Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen dabei zu unterstützen, das zu tun, was sie möchten“, sagt Adina. Exklusive Veranstaltung, wie zum Beispiel Theater- und Tanzkurse nur für Rollstuhlfahrer*innen, die die Alhassan-Stiftung auch anbietet, sieht sie deshalb eher kritisch. „Da fehlt mir der inklusive Charakter. Ich wünsche mir hier mehr Angebote für Menschen mit und ohne Behinderung“, sagt sie.

„Ihr könnt zuhause bleiben“

Aber Tanzkurse sind nicht das einzige Angebot der Stiftung. Für Youtube produzierten die Mitglieder der Stiftung 27 Folgen Lifehacks für Rollstuhlfahrer*innen. Zum Beispiel zeigen die Videos, wie man als Rollstuhlfahrer*in am besten in und aus dem Auto steigt oder Kraftübungen macht. Außerdem erstellten sie ein Handbuch zur Nutzung der U-Bahn in Kairo. Momentan arbeiten sie daran, es in eine mobile App umzuwandeln.

Darüber hinaus versucht sie durch Kooperationen mit Unternehmen Jobs zu vermitteln. Das ist keine leichte Aufgabe, denn es ist zwar gesetzliche festgehalten, dass Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen 5 Prozent ihrer Stellen mit Menschen mit Behinderung besetzen müssen – doch kaum eines hält sich daran. „Oder sie bieten uns krumme Deals an, beschäftigen also Menschen mit Behinderung auf dem Papier aber sagen zu ihnen: Ihr könnt zuhause bleiben“, erzählt Alaa Elnady aus eigener Erfahrung.

In Zukunft plant May Zein Aldein und ihre Kollegen und Kolleginnen ein ganzes Areal, das „Alhassan Services Hub“ zu gründen. Dort sollen alle Projekte und Angebote der Stiftung komprimiert sein. Ein Traum, der hoffentlich bald in Erfüllung geht.

(RP)

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Barbara Maus

    3. September 2018 um 15:54

    Hier ist noch nicht alles perfekt, es gibt noch viel zu tun. Aber wenn man sieht, wie es in anderen Ländern aussieht?! Die hinken 40 Jahre hinterher. Wichtig ist, neben der baulichen Barrierefreiheit, der Abbau der Barrieren in den Köpfen der vermeintlich „Gesunden“, sodass man voll akzeptiert wird. Viel Glück dieser Organisation!

Kommentar schreiben

Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiter(sc)rollen – Thema: Ausland

Wir machen ROLLINGPLANET:

Neueste Beiträge

Top-Themen

Das Aufreger-Thema

Eine(r) von uns

Gesellschaft & Politik

Am häufigsten gelesen

Neueste Kommentare

Aufzug