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„Bilder im Kopf” – Johann Königs Leben als „Blinder Galerist”

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„Bilder im Kopf” – Johann Königs Leben als „Blinder Galerist”

Der Wahl-Berliner ist in seinem Metier immens erfolgreich. Er steht auf der Liste der hundert einflussreichsten Personen zeitgenössischer Kunst. Nur sieht er davon kaum etwas: König ist fast blind. Von Gerd Roth

Galerist Johann König

Galerist Johann König (Foto: Theresa Kottas-Heldenberg/dpa)

Brutalismus. So nennt sich der Baustil der ehemaligen Berliner Kirche, in deren Garten Johann König sitzt. Das Wort geht auf die französische Bezeichnung béton brut für Sichtbeton zurück. König hat in St. Agnes seine Arbeitswelt eingerichtet. Das klingt wie ein waghalsiges Projekt, zumal er bei der Unterschrift nicht mal einen Finanzplan hatte. Doch was sind Etatfragen bei einem maroden, aber denkmalgeschützten Kirchenbau gegen Königs alltägliche Probleme? Der Mann sieht fast nichts. Dabei ist König Galerist, verkauft Kunst, berät Sammler, betreut Künstler. Und hat nun ein Buch geschrieben über sein Leben als „Blinder Galerist” (ab 14. Juni, Ullstein Verlag, 24,00 Euro).

Kunst als Alltagsgegenstand

Wie kann sowas gehen? König hat dafür eine kurze Variante als Antwort parat: „Die Bilder, die im Kopf entstehen, sind genauso wichtig wie die Bilder an der Wand.” Für die längere Version holt der 37-Jährige dann etwas weiter aus. Und macht damit verständlich, wie er trotz und mit Sehbehinderung zu einem führenden internationalen Player unter den deutschen Galeristen werden konnte.

König ist zwischen Kunst aufgewachsen, Vater Kaspar König Kurator und Kunstprofessor, Mutter Edda Köchl Schauspielerin und Illustratorin.

„Bei uns war Kunst wie Lebensmittel, die Arbeiten waren einfach da und hatten nicht so einen wahnsinnigen Stellenwert. Das waren Alltagsgegenstände.”

Wie etwa die Brillo Box von Andy Warhol, auf der bei Königs in der guten Stube das TV-Gerät stand.

Auch der Umgang mit Künstlern war nichts außergewöhnliches. Mit der Familie des japanischen Künstlers On Kawara ging es in den Urlaub; Isa Genzken, Martin Kippenberger, Claes Oldenburg oder Rosemarie Trockel kamen zu Besuch, Gerhard Richter ist Trauzeuge von Königs Eltern, Nam June Paik sein Patenonkel.

Explosion änderte alles

Mit zwölf Jahren dann der Unfall, im Buch heißt es: „meine Kindheit endete an einem Tag Anfang Februar”. Beim Spielen mit Schwarzpulverkugeln kommt es zu einer Explosion. Hände, Gesicht, beide Augen werden schwer verletzt. König beschreibt die folgende Blindheit als „ein sehr dunkles Rostbraun”. Da ist nicht nichts: 

„Man sieht, als würde man aus dem Inneren heraus nach außen schauen wollen und dabei nur gegen eine undurchdringliche Schicht stoßen.”

Es folgen: viele Operationen, Transplantationen, eine Jugend in der Marburger Blindenschule. Mit einem Auge, dem linken, schafft König die bei zwei Prozent markierte Schwelle von blind zu sehbehindert.

Mit dem Abitur stellt sich die Berufsfrage. Von der Blindenschule aufgezeigte Wege etwa in der Verwaltung sind für König keine Option. Mit geliehenem Geld gründet er noch vor der Abschlussprüfung seine erste Galerie in Berlin.

Vorliebe für konzeptionelle Kunst

Kaum erkennbare Gemälde sind keine Perspektive, ihm hilft seine Vorliebe für konzeptionelle Kunst, die vor allem im Kopf wirkt. Von Jette Hein stammt etwa die Arbeit „360° Presence” in der ersten Galerie. „Es handelte sich um eine Kugel, die sich zu bewegen begann, sobald jemand den Raum betrat.” So wird der Galerieraum mit jedem Besucher von der schweren Metallkugel mehr und mehr zerstört.

Für die „Unendliche Säule” von Michael Sailstorfer lässt König das Dach der zweiten Galerie öffnen, um einen scheinbar endlosen Lichtstrahl in den Berliner Nachthimmel zu schicken. Die Arbeit muss König nicht wirklich sehen können bei der Frage, ob denn die Säule die Skulptur und der Scheinwerfer der Sockel des Werks ist.

Johann König neben einem seiner Exponate. Der Galerist steht auf der Liste der hundert einflussreichsten Personen zeitgenössischer Kunst.

Johann König neben einem seiner Exponate. Der Galerist steht auf der Liste der hundert einflussreichsten Personen zeitgenössischer Kunst. (Foto: Theresa Kottas-Heldenberg/dpa)

König orientiert sich auch an Silhouetten, Bewegung, Gang, Merkmalen. „Norbert Bisky hat immer karierte Hemden an und Jeppe Hein einen Schal”, schreibt er über zwei seiner Künstler, die er mit seiner inzwischen dritten Galerie vertritt.

König charakterisiert sich als leichtsinnig und übermütig. „Ich bin mal einem Bus hinterhergerannt. Der Impuls war stärker als die Erkenntnis bestehender Gefahren.” Seitdem ist seine Nase schief. „Das ist so ein bisschen symbolhaft”, sagt er. Risiko und Rückschläge.

Vor rund zehn Jahren verschafft ihm eine Transplantation eine Sehkraft von etwa 30 bis 40 Prozent auf dem einen Auge. „Jetzt war ich Millionen von visuellen Eindrücken ausgesetzt.” Der erfreuliche neue Blick, König nennt es „Rausch”, bringt im Vergleich mit zuvor Imaginiertem auch Enttäuschungen mit sich: „Das Urinal von Marcel Duchamp ist so eine wahnsinnig aufgeladene Arbeit mit großem Einfluss auf die Kunstgeschichte. Als ich die das erste Mal in echt gesehen habe, war das ein bisschen ernüchternd: total klein, unspektakulär.”

(RP/dpa)

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