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Der Windel-Skandal: Krankenkassen zwingen inkontinente Menschen zu schlechten Produkten

Das Aufreger-Thema

Der Windel-Skandal: Krankenkassen zwingen inkontinente Menschen zu schlechten Produkten

Es ist ein Tabuthema. Betroffene sprechen nur ungern darüber. Deswegen blieben Klagen lange ungehört. Doch jetzt schaltet sich die Politik ein. Von Ruppert Mayr

Schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Deutsche sind von Inkontinenz betroffen. (Foto: Shutterstock)

Schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Deutsche sind von Inkontinenz betroffen. (Foto: Shutterstock)

Mehr als vier Millionen Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind nach Angaben des Selbsthilfeverbandes-Inkontinenz wegen Blasenschwäche in Behandlung. Das trifft nicht nur alte Menschen, das kann auch jüngere treffen. Rechnet man eine Dunkelziffer hinzu, dürfte es in Deutschland schätzungsweise sechs bis sieben Millionen betroffene Menschen geben. Manche Schätzungen gehen sogar von sechs bis acht Millionen aus.

Was Billigprodukte anrichten

Um sich in der Öffentlichkeit bewegen zu können, brauchen diese Menschen Windeln, die dicht sind. Und sie brauchen eine bessere Qualität als Babywindeln. Qualitätswindeln sind teuer. Und die Krankenkassen sind nicht immer bereit, teure Qualität zu zahlen.

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) beschrieb in ihrem Jahresbericht 2015 ein Fallbeispiel: Die 72-jährige Inge B. leidet aufgrund einer Parkinson-Erkrankung unter starker Inkontinenz. Da sie die Kosten für die Windelhosen auf Dauer nicht selbst tragen kann, verordnet sie ihr Arzt.

Ihre Kasse verweist sie daraufhin an einen Vertragslieferanten, der die Windel für einen monatlichen Betrag von 14,99 Euro anbietet. Ergebnis: Die Windel laufen nach kurzer Zeit aus. Die 72-Jährige hat ein ständiges Nässegefühl, die Haut entzündet sich, sie bekommt eine Pilzinfektion. Die Krankenkasse verweist sie an den Hersteller. Dies bleibt ohne Erfolg, so der UPD-Bericht.

An Adressen rankommen

Um vernünftige Qualität zu bekommen, muss zugezahlt werden. Nach Angaben des Vorstands des Selbsthilfeverband-Inkontinenz, Stefan Süß, stiegen die Zuschläge für qualitativ hochwertige Windeln kontinuierlich an und liegen heute bei 50 bis 100 Euro im Monat.

Die Billigwindeln werden nach Darstellung von Süß im Ausland hergestellt. Ein großer Produzent sitze in Nordfrankreich, ein anderer in Dänemark. Mittlerweile komme aber der überwiegende Teil aus Asien, insbesondere aus China, sagt Süß. In Deutschland ansässige (Versand-)Händler schlössen entsprechende Verträge mit den Krankenkassen und vertrieben diese Windeln hierzulande.

Süß vermutet, dass über die niedrigen Gebote versucht werde, an Adressen von potentiellen Kunden zu kommen. „Man verkauft dann brauchbare Hilfsmittel völlig überteuert mit der Begründung, die Kasse zahle nicht mehr. Den Kassen muss dies bekannt sein.“

Krankenkassen haben ihre Vorgaben

Die gesetzlichen Kassen sind in einem Dilemma. Sie müssen sparen. Seit Anfang des Jahres drückt sie der sogenannte Zusatzbeitrag, also der Teil des Gesamtbeitrages zur Krankenversicherung, den die Kassen selbst festlegen. Für 2016 wird erwartet, dass der durchschnittliche Zusatzbeitrag um 0,2 Punkte auf 1,1 Prozent steigt. Der Gesamtbeitrag liegt somit im Schnitt bei 15,7 Prozent.

Die Kassen müssen sehr darauf achten, dass sie diese Prognose einigermaßen einhalten. Können sie das nicht, weil ihre Finanzlage angespannt ist, laufen sie Gefahr, Mitglieder zu verlieren. Und das Budget für Hilfsmittel wie Windeln ist nicht unerheblich.

16.000 Unterschriften für Laumann

Süß traf sich am vergangenen Freitag mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), und überbrachte ihm eine Liste mit 16.000 Unterschriften für eine Petition mit der Botschaft: Die Versorgung mit qualitativ hochwertigen Windeln muss verbessert werden.

Das Problem scheint mittlerweile in der Tat solche Dimensionen angenommen zu haben, dass sich Laumann zum Handeln veranlasst sieht. Er will die Qualität der Windeln überprüfen lassen und bis Anfang nächsten Jahres Ergebnisse vorlegen.

Grundsätzlich legt das GKV-Hilfsmittelverzeichnis von 1993 fest, was die Kassen anbieten müssen. Laumann gibt aber zu bedenken, dass dieses Verzeichnis möglicherweise nicht mehr auf dem aktuellen Stand sei und dringend dem technischen Fortschritt angepasst werden müsse.

(dpa)

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12 Kommentare

12 Kommentare

  1. Conny Marie

    8. November 2015 um 16:18

    Endlich wird es öffentlich!

  2. Lothar Oehlen

    8. November 2015 um 18:19

    Die Schande in der bei uns unwürdigen Pflege dürfen wir nicht vergessen.

  3. Katharina Ponath

    8. November 2015 um 18:19

    Da kann ich wirklich ein Lied davon singen, es ist oft chaotisch und unsere Patienten sind damit überfordert

  4. Jörg Buthe

    8. November 2015 um 18:42

    Das sind Mafiastrukturen, und die Pflegekassen sitzen auf Unmengen von Geld….

  5. Carmen Jarosch

    8. November 2015 um 18:54

    nicht nur thema,bei menschen die außer haus gehen,stimmt das produkt nicht,leidet die pflege

  6. Petra Lühmann

    8. November 2015 um 19:32

    Die Sachbearbeiter rechnen den Bedarf an Windeln mit dem Fassungsvermögen auf. Wörtliche Rede: “ warum brauchen sie mehr als drei Windeln am Tag wenn jede 1Liter aufnehmen kann ? Soviel trinken ihre Patienten doch nicht.“ Naaaa warum wohl? Ich würde die gerne einmal zwingen in einer nassen Windel bis zum maximalen Fassungsvermögen den Tag zu verbringen. Gerne auch mit herzhaftem Hinsetzen bis es spritzt.

  7. Claudia Leidig

    8. November 2015 um 20:31

    Minderwertige Windeln kosten keine Zuzahlung…… aber wenn man was gutes will muss man pro Windel zuzahlen…… das ist eine Schweinerei…….

  8. Brigitte Paulick

    9. November 2015 um 01:12

    Meine Mutti hat Pflegestufe3,ist Demenz und leidet an Harn- und Stuhlinkontinenz.Durch den MDK wurde ein Windelwechsel 4-5 mal täglich vorgeschlagen.Als ich daraufhin einen Mehrbedarf bei der Krankenkasse,Rezept vom Arzt,beantragte,wurde dieser Antrag abgelehnt.Nach telefonischer Rücksprache wurde mir gesagt,das Windeln nicht zur Versorgung gehören.Man soll große Vorlagen und Netzhöschen verwenden,diese Kosten würde die Kasse übernehmen.Kann man nicht verstehen.MfG

  9. Pingback: Markierungen 11/09/2015 - Snippets

  10. marvin

    9. November 2016 um 16:26

    er ist micht zo schlimm wen es mal basiert ich trage auch eine und werde nicht gemobt

  11. Ralf

    6. März 2017 um 15:44

    ich finde das auch schrecklich,was da abgeht, Windeln selbst übers Internet zu kaufen ist billiger, als das was man bei der Krankenkasse zuzahlen muss. eine Schande, die werden immer fetter und reicher unsere Krankenkassen und die Patienten müssen für alles noch zahlen. Wofür bin ich denn Kranken versichert????? Regierung aufgewacht,aber pronto hier ist großer Handlungsbedarf.

  12. ulrich räder

    26. Juli 2017 um 17:19

    bin nach einen Unfall inkontinent geworden muss immer windeln tragen am tag muss ich 4bis 6 mahl Wechseln nachts 2bis 3 mahl ich nabe aufgegeben mich mit der Krankenkasse rumzustreitenden ich bin 68 habe mein ganzes leben immer gearbeitet es ist eine riesen schweinerne was da abgeht

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