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Ilke Wyludda und die Leere nach zwei Profi-Sportkarrieren

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Ilke Wyludda und die Leere nach zwei Profi-Sportkarrieren

„Und dann sitzt man da“: Das Loslassen fällt der 50-Jährigen nicht leicht. Von Holger Schmidt

Ilke Wyludda war 1996 Diskus-Olympiasiegerin und startete nach der Amputation ihres rechten Beins noch eine zweite Karriere als Para-Sportlerin. Unser Archivfoto zeigt sie im September 2012 bei den Paralympics in London. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Ilke Wyludda war 1996 Diskus-Olympiasiegerin und startete nach der Amputation ihres rechten Beins noch eine zweite Karriere als Para-Sportlerin. Unser Archivfoto zeigt sie im September 2012 bei den Paralympics in London. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Am schlimmsten ist die Leere am Abend. Nach gleich zwei Karrieren als Leistungssportlerin hat das endgültige Ende der aktiven Zeit bei Olympiasiegerin Ilke Wyludda eine große Lücke hinterlassen. „Man kommt nach Hause, und dann sitzt man da“, sagt die 50-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Dabei hat sie immer noch ein Leben, das andere als stressig empfinden würden. Jeden Morgen um 4.30 Uhr steht sie auf. Ihr Job als Ärztin ist tagfüllend und anstrengend. Erst recht seit 2010, seit sie im Rollstuhl sitzt. Doch wenn sie nach Hause kommt, fehlt eben die zweite große Aufgabe. „Ja, ich habe schon was zu tun“, sagt Wyludda. „Ganz langweilig ist mir nicht.“ Auch Sport treibt sie weiter: „Ich gehe ins Fitnesscenter und tue was für mich. Aber mir fehlt der Leistungssport als Ausgleich zum Beruf. Und mir fehlt die Endmotivation, der Wettkampf.“

„Und ich wollte leben“

Das Leben mit Beruf und Leistungssport sei zwar schon „immer sehr stressig“ gewesen: „Aber das hält einen jung.“ Weil sie dieses Adrenalin des Quälens, des Wettkampfs und des Sieges so genoss, biss sie sich immer durch. Schon in ihrer Laufbahn als Diskuswerferin, die sie mit dem Olympiasieg 1996 in Atlanta krönte, galt sie als „Schmerzfrau der Leichtathletik“. 15 Operationen musste sie über sich ergehen lassen, 1997 saß sie schon einmal für vier Monate im Rollstuhl. Aber sie machte immer weiter.

Höhepunkt ihrer ersten Sportkarriere: Ilke Wyludda blickt am 29. Juli 1966 nach ihrem Wurf zur Weltjahresbestleistung von 69,66 m auf die Anzeigetafel im Olympiastadion von Atlanta/USA (Foto: Arne Dedert/dpa)

Höhepunkt ihrer ersten Sportkarriere: Ilke Wyludda blickt am 29. Juli 1966 nach ihrem Wurf zur Weltjahresbestleistung von 69,66 m auf die Anzeigetafel im Olympiastadion von Atlanta/USA (Foto: Arne Dedert/dpa)

Als vor knapp zehn Jahren die vierte Blutvergiftung im rechten Bein diagnostiziert wurde, wusste sie als Ärztin sofort, dass das Bein amputiert werden muss. „Es stand auf Messers Schneide. Und ich wollte leben.“ Danach begann sie eine Karriere als Para-Sportlerin. Auch wenn sie wusste, dass man mit ihrem Namen viel mehr von ihr erwarten würde, als sie hier würde leisten können. Und der Diskuswurf wegen fehlender Rotationsmöglichkeiten in der Wirbelsäule nicht mehr ihre Spezialdisziplin sein könnte.

Dennoch hält sie nun den deutschen Rekord. Und sie gewann Bronze bei der EM 2014, dazu Silber mit der Kugel bei der EM und WM. Eine entzündete Schulter verhinderte 2016 die zweite Paralympics-Teilnahme, ein infiziertes Kniegelenk zwang sie Ende 2017 zum nun endgültigen Karriereende.

Viele menschliche Kontakte fallen weg

„Ich habe alles getan, bis es wirklich nicht mehr ging. Aber jetzt geht es wirklich nicht mehr“, sagt sie traurig: „Als Medizinerin weiß ich: Es ist einfach so. Leicht gefallen ist es mir trotzdem nicht. Aber irgendwann muss man dem Körper auch Schonung geben und sagen: ‚Okay, ich brauche dich noch eine ganze Weile.’“

Nun fehlen ihr der Sport und viele menschliche Kontakte. „Leider ist es so: Wenn man weg ist, ist man weg. Keiner fragt mehr nach einem“, sagt sie. Und fügt in der ihr eigenen Art an: „Das ist traurig, aber das ist eben so.“ Immerhin: Zum 50. Geburtstag vor zwei Wochen „haben sich einige gemeldet“.

Ihre zweite Karriere als Para-Sportlerin habe ihr „Spaß gemacht und viel gegeben“, sagt sie. Die Entwicklung sieht sie kritisch. „Der Behindertensport ist das Stiefkind des Sports, vor allem in Deutschland“, erklärt Wyludda: „Der Athlet steht das ganze Jahr über alleine da. Zum Jahreshöhepunkt, wenn es um die Medaillen geht, gibt es viele Federn. Aber auf dem Rückflug ist das schon vergessen.“ Zudem gebe es zu viele „Querelen und Macht-Streitigkeiten“, die Athleten würden zu wenig gefördert.

Doch nur schimpfen gilt nicht. Deshalb bietet sie sich für eine Mitarbeit im Verband an. „Wenn man auf mich zukommen würde, würde ich das nicht als negativ empfinden“, sagt sie. Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, nimmt das Angebot gerne auf. „Ich würde mich freuen, wenn sie mit ihrer Fachkompetenz als Weltklasse-Sportlerin und Ärztin unsere Verbandsarbeit unterstützen würde. Wir brauchen im Zuge unserer Professionalisierung Fachkompetenz“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Verbandsarbeit kann aber schwieriger sein als Training.“ Ilke Wyludda kann das freilich nicht abschrecken.

(RP/dpa)

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