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Kämpfer, tragischer Held und Vorbild: Joachim Deckarm

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Kämpfer, tragischer Held und Vorbild: Joachim Deckarm

Er galt einst als bester Handballer der Welt, ehe er zum Pflegefall wurde. An diesem Samstag jährt sich der tragische Sportunfall des einstigen Ausnahmespielers zum 40. Mal. Von Eric Dobias

Joachim Deckarm (Foto: Marius Becker/dpa)

Joachim Deckarm (Foto: Marius Becker/dpa)

Erinnerungen an den Tag, der sein Leben auf dramatische Weise veränderte, hat Joachim Deckarm nicht. Und auch die Videobilder von dem tragischen Unfall, der seine Karriere auf brutale Weise vorzeitig beendete, hat sich der einst weltbeste Handballspieler und Weltmeister von 1978 aus Selbstschutz nie angeschaut. „Depressionen habe ich nie gehabt“, erklärte der seit jenem 30. März 1979 auf Pflege angewiesene Deckarm einmal. An diesem Samstag jährt sich das verhängnisvolle Ereignis zum 40. Mal.

Beim Europacupspiel mit dem VfL Gummersbach im ungarischen Tatabanya knallte der damals 25-jährige Rückraumspieler nach einem unglücklichen Zusammenstoß mit Lajos Pánovics mit dem Kopf auf den Betonboden. Die Folge: ein doppelter Schädelbasisbruch, ein Gehirnhautriss und schwere Gehirnquetschungen.

Nie einen Vorwurf gemacht

Folgenreicher Unfall am 30. März 1979 in Tatabanya (Ungarn): Joachim Deckarm liegt im Europapokalspiel mit einer Kopfverletzung auf dem Boden. (Foto: DB/dpa)

Folgenreicher Unfall am 30. März 1979 in Tatabanya (Ungarn): Joachim Deckarm liegt im Europapokalspiel mit einer Kopfverletzung auf dem Boden. (Foto: DB/dpa)

131 Tage lag Deckarm danach im Koma. Als er aufwachte, musste er praktisch alles neu erlernen. Seinem Gegenspieler hat der begnadete Techniker, der damals als bester Handballer der Welt galt, dennoch nie einen Vorwurf gemacht. Im Gegenteil. „Wir beide wissen, dass der Zusammenprall keine absichtliche Aktion war. Dennoch hat ihn das Unglück seelisch tief getroffen“, sagte Deckarm einmal in einem Interview des Magazins „Handball Inside“. Die beiden hatten sich zehn Jahre danach erstmals getroffen und wurden dann Freunde.

Seinen Lebensmut hat Deckarm durch den Schicksalsschlag nie verloren. Sein Lebensmotto lautete stets:

„Ich will, ich kann, ich muss.“

Trotz der erheblichen Einschränkungen konstatierte er 2014 zu seinem 60. Geburtstag: „Ich glaube, dass ich ein gutes Leben führe.“

Nachdem er viele Jahre in Saarbrücken lebte – erst im Elternhaus bei seiner Mutter, nach deren Tod dann in einer Betreuungseinrichtung –, zog Deckarm Ende 2018 nach Gummersbach in ein Seniorenheim um. Längst kann er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Seine Lebens- und Leidensgeschichte ist in dem Benefiz-Buch „Teamgeist – Die zwei Leben des Joachim Deckarm“ beschrieben.

„Von ihm kann man sich inspirieren lassen“

Franz Beckenbauer, Joachim Deckarm (l.) und Heiner Brand (r.) (Archivfoto: Verleihung der Goldenen Sportpyramide 2014 in Berlin, Britta Pedersen/dpa)

Franz Beckenbauer, Joachim Deckarm (l.) und Heiner Brand (r.) (Archivfoto: Verleihung der Goldenen Sportpyramide 2014 in Berlin, Britta Pedersen/dpa)

Seinen langjährigen Wegbegleiter Heiner Brand hat stets vor allem Deckarms Kampfgeist beeindruckt. „Er hat nie nachgelassen“, sagte der Weltmeister-Trainer von 2007. Im ersten Leben seines Freundes habe ihn begeistert, „wie er sich als Star verhalten hat. Er hatte immer großen Respekt vor seinen Mitspielern. Das ist nicht gewöhnlich bei Spielern mit besonderen Fähigkeiten“, lobte Brand anlässlich des 65. Geburtstages von Deckarm im Januar 2019.

Den feierte der Jubilar gemeinsam mit seinen früheren Teamkollegen beim WM-Hauptrundenspiel der DHB-Auswahl gegen Island in Köln, wo ihm 19 000 Fans ein bewegendes Ständchen sangen. „Er steht für viele, die ein ähnliches Schicksal haben, als Vorbild da. Von ihm kann man sich inspirieren lassen“, sagte Deckarms Weltmeister-Kollege Manfred Freisler jüngst dem ZDF. Am 7. April wird Deckarm gemeinsam mit den ebenfalls schwer verunglückten ehemaligen Topathleten Kristina Vogel und Ronny Ziesmer bei der Endrunde um den DHB-Pokal in Hamburg zu Gast sein.

Schon in jungen Jahren hatte Deckarm große Erfolge gefeiert. Mit dem VfL Gummersbach wurde er dreimal deutscher Meister und zweimal Europacupsieger. In 104 Länderspielen warf er 381 Tore. Höhepunkt seiner viel zu kurzen Laufbahn war der WM-Triumph 1978 in Dänemark, der längst zum Mythos im deutschen Sport geworden ist. „Mir war sehr schnell klar, dass wir etwas Großes erreicht hatten“, sagte Deckarm einmal über seinen größten Erfolg. 2013 wurde er in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports aufgenommen.

(RP/dpa)

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