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Kompakt: 7 x Olympia und Paralympics in der Krise

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Kompakt: 7 x Olympia und Paralympics in der Krise

Zika, Rezession, politisches Chaos. Die „Spiele“ in Rio stehen bisher unter keinem guten Stern. Von Georg Ismar

Zika, Rezession, politisches Chaos. Die „Spiele“ in Rio stehen bisher unter keinem guten Stern. Von Georg Ismar

Rios Bürgermeister Eduardo Paes zeigt sich noch zuversichtlich. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Rios Bürgermeister Eduardo Paes zeigt sich noch zuversichtlich. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Bookmark-100ROLLINGPLANET KOMPAKT: Auf einen Blick – alle wichtigen Infos zu einem aktuellen Thema

Fast im Wochentakt hat Rios Bürgermeister Eduardo Paes zuletzt ein neues Stadion eröffnet. Zu 98 Prozent sei alles fertig, betonen die Organisatoren der ersten Olympischen Spiele (5. und 21. August 2016) und Paralympics (7. bis 18. September 2016) in Südamerika. „Die größten Herausforderungen bei der Organisation dieses Megaevents sind überwunden“, erklärte Paes bei der zehnten und letzten Visite des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Und der IOC-Vertreter Christophe Dubi unterstrich: „Es gibt keinerlei Besorgnis.“ Doch Olympiafieber in Rio de Janeiro? Fehlanzeige. Und dann ist noch nicht mal klar, wer die Spiele als Präsident eröffnet. Das sind die derzeit wichtigsten Fakten im Vorfeld:

1. Vorbild Barcelona 1992
Paes‘ großes Vorbild ist Barcelona 1992. Wie damals will er mit heiteren Spielen, mit großartigen Bildern aus einer der schönsten Städte der Welt einen Touristenboom auslösen – ihm werden Ambitionen auf eine Präsidentschaftskandidatur 2018 nachgesagt. Er will „weiße Elefanten“ verhindern – Stadien, die nach Olympia verfallen. So wird eine 10.000 Zuschauer fassende Arena später zu einer Schule umgebaut.
2. Sportstätten werden fertig
Das neue Schwimmstadion mit der künstlerischen Außenfassade ist das Schmuckstück im Olympiapark, ein energiesparendes Zirkulationssytem soll für frische Luft sorgen. Nur das Radstadion ist etwas in Verzug, wird aber fertig. Anders als zum Beispiel bei Athen 2004 sind die Anlagen nicht das Sorgenkind – auch wenn verschiedene Verbände sich mokieren über weit geringere Zuschauerkapazitäten als in London 2012. Ärger gab es bei den Testwettbewerben der Turner: Der Strom fiel aus, ebenso Ergebnisanzeigen – es war bei weitem nicht die einzige Panne.
Auch das renovierte Leichtathletikstadion (60.000 Plätze), Heimat des Fußballclubs Botafogo, ist sicher nicht das modernste. Hier will der sechsfache Olympiasieger Usain Bolt seine Medaillensammlung mehren. Das oberste Gebot lautet: Nachhaltige, kostenbewusste Spiele, kein Gigantismus. Daher gibt es auch kein „richtiges“ Olympiastadion, denn Eröffnungs- und Schlussfeier finden im Fußballtempel Maracanã statt.
3. Rezession und politisches Chaos
Aber die Leute bewegt anderes: Die Wirtschaftsleistung ist 2015 um 3,8 Prozent eingebrochen, es droht die tiefste Rezession seit den 1930er Jahren. Das einst gefeierte Boomland hat 9,6 Millionen Arbeitslose, regiert wird kaum noch, da es einen erbitterten Kampf gibt um die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff, die fast alle Koalitionspartner verloren hat – wahrscheinlich wird sie zur Prüfung von Vorwürfen wie Tricksereien beim Staatshaushalt für 180 Tage zunächst suspendiert. Dann würde Vizepräsident Michel Temer die Spiele im Maracanã eröffnen.
Hinzu kommt ein milliardenschwerer Korruptionsskandal, in den über 50 Politiker verwickelt sind. Das Land ist tief gespalten, die Rio-Organisatoren sind wegen der miesen Lage zum radikalen Sparen gezwungen – so wird es tausende Freiwillige weniger geben und die Sportler müssen Abstriche beim Komfort machen. Zudem wird kräftig bei Eröffnungs- und Schlussfeier gespart werden.
4. Das Metro-Problem
Größtes Sorgenkind ist die neue Metro-Linie nach Barra, wo sich der Olympiapark befindet. Es ist das wichtigste Infrastrukturprojekt, das rund ein Viertel der Gesamtkosten ausmacht, aber womöglich nicht rechtzeitig komplett fertig wird. Ursprünglich sollte die Linie 8,5 Milliarden Reais kosten, nun könnten es über 10 Milliarden (2,5 Mrd Euro) werden.
Als Notlösung könnte es einen eingeschränkten Verkehr der Metro geben. Im schlimmsten Fall müssen die Touristen mit Pendelbussen zum 40 Kilometer vom Zentrum entfernt liegenden Olympiapark anreisen. Hunderttausende Olympiabesucher müssten sich auf nervtötende Fahrten einstellen – schon jetzt sind die Straßen nach Barra oft verstopft.
5. Segeln in der Kloake
 Umweltschutz-Aktivisten haben mit toten Fischen und Müll ein symbolisches Begräbnis arrangiert, das auf die Verschmutzung der Guanabara-Bucht hinweisen soll. (Foto: EPA/Marcelo Sayao)

Umweltschutz-Aktivisten haben mit toten Fischen und Müll ein symbolisches Begräbnis arrangiert, das auf die Verschmutzung der Guanabara-Bucht hinweisen soll. (Foto: EPA/Marcelo Sayao)

Doch kann die Macht der Bilder, zum Beispiel der Cristo, der auf die Ruderer in der großen Lagune Rodrigo de Freitas herunterblickt, die Probleme übertünchen? In der Lagune kommt es immer wieder zu Fischsterben – aber noch dramatischer ist die Wasserqualität im Segelrevier, der malerischen, vom Zuckerhut eingerahmten Guanabara-Bucht.
Fäkalien, Abwässer, multiresistente Keime – hier sollte man nicht ins Wasser fallen, Wassertests fielen bisher katastrophal aus (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: Paralympics-Sieger Kröger attackiert Internationales Paralympisches Komitee). Zugleich haben die Debatten dazu geführt, dass die Umweltproblematik stärker auf die politische Tagesordnung kommt – aber die Bucht, durch die auch die großen Containerschiffe Richtung Hafen fahren, ist einfach zu groß, um schnelle Erfolge zur Verbesserung der Wasserqualität zu erzielen.
6. Schleppender Ticketverkauf
Sicher, gerade die Debatte um das mysteriöse Zika-Virus hält so manchen Olympia-Fan von einer Reise nach Rio ab. Allerdings sind die das Virus übertragenden Moskitos im südamerikanischen Winter weit weniger aktiv und Rio nicht so stark betroffen wie der Nordosten. Von 7,4 Millionen Tickets für Olympische und Paralympische Spiele sind nach Angaben eines Sprechers bisher erst 62 Prozent verkauft, 30 Prozent davon gehen ins Ausland, 70 Prozent werden in Brasilien verkauft – doch viele Sportarten interessieren hier nicht (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: Paralympics in Rio vor leeren Rängen?). Die große Hoffnung: Nachdem die Fußballgruppen nun ausgelost sind, soll der Verkauf anziehen – für die Spiele gibt es noch eine Million Tickets.
7. Trübe sportliche Aussichten
Die Stimmung wird auch vom Erfolg der Brasilianer abhängen, doch die Medaillenhoffnungen halten sich in Grenzen. Ausgerechnet der einzige Schwimm-Olympiasieger, César Cielo (29), verpasste überraschend die Qualifikation. Der Weltrekordhalter über 50 und 100 Meter Freistil, der in Peking 2008 Gold gewann, landete nur auf Platz drei und brach in Tränen aus. Brasiliens beste Sprinterin und südamerikanische Rekordhalterin über 200 Meter, Ana Claudia Lemos, verpasst wegen eines Doping-Falls die Spiele.
Fast als Pflicht gilt f Olympia-Gold im Fußball. Der wichtigste Fußballer, Neymar, hat dafür nun die Freigabe vom FC Barcelona bekommen. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London landete Brasilien mit 3 Gold-, 5 Silber- und 9 Bronzemedaillen nur auf dem 22. Platz. Aber: Die Organisatoren setzen auf die traditionelle Begeisterungsfähigkeit und Lebensfreude der Brasilianer, auf dass es am Ende heißt: „tudo bem“ – „alles gut“.

(dpa)

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