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Kompakt: Sterbehilfe in Belgien

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Kompakt: Sterbehilfe in Belgien

Zum ersten Mal wurde in unserem Nachbarland bei einem Minderjährigen legale Sterbehilfe angewandt – 7 Fragen und Antworten aus aktuellem Anlass.

Zum ersten Mal wurde in unserem Nachbarland bei einem Minderjährigen legale Sterbehilfe angewandt – 7 Fragen und Antworten aus aktuellem Anlass.

Auch eine Paralympics-Siegerin denkt über ihren Freitod nach: Seit ihrem 14. Lebensjahr lebt Marieke Vervoort (hier bei ihrem 100-m-Sieg 2012 in London) mit einer fortschreitenden Tetraplegie, die mit einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom einhergeht. Ursächlich hierfür sollen Deformationen des fünften und sechsten Halswirbels sein. Ihr Gesuch nach aktiver Sterbehilfe wurde in Belgien im Herbst 2008 bewilligt. (Foto: EPA/Kerim Okten/dpa)

Auch eine Paralympics-Siegerin denkt über ihren Freitod nach: Seit ihrem 14. Lebensjahr lebt Marieke Vervoort (hier bei ihrem 100-m-Sieg 2012 in London) mit einer fortschreitenden Tetraplegie, die mit einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom einhergeht. Ursächlich hierfür sollen Deformationen des fünften und sechsten Halswirbels sein. Ihr Gesuch nach aktiver Sterbehilfe wurde in Belgien im Herbst 2008 bewilligt. (Foto: EPA/Kerim Okten/dpa)

Bookmark-100ROLLINGPLANET KOMPAKT: Auf einen Blick – alle wichtigen Infos zu einem aktuellen Thema

Erstmals wurde bei einem todkranken Minderjährigen in Belgien Sterbehilfe angewandt. Dies bestätigte heute der Vorsitzende der staatlichen Sterbehilfe-Kommission, Professor Wim Distelmans. Er sei innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von dem Fall unterrichtet worden. In unserem Nachbarland ist Sterbehilfe seit 2014 legal. Welche Voraussetzungen müssen dort erfüllt sein, wer überwacht die Umsetzung?

1. Was bedeutet aktive Sterbehilfe?
Von aktiver Sterbehilfe spricht man, wenn ein Arzt einen schwer kranken Patienten auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin tötet. In Belgien ist dies bei Erwachsenen seit 2002 erlaubt, anders als in fast allen anderen Ländern der Welt. Nur in den Niederlanden, in Luxemburg und in Kolumbien ist aktive Sterbehilfe ebenfalls legal.
2. Warum ist auch bei den Paralympics in Rio Sterbehilfe ein Thema?
Die belgische Paralympicssportlerin Marieke Vervoort sorgte für Schlagzeilen, weil sie angekündigt hat, dass Rio ihre letzten großen Wettkämpfe sein werden und sie sich in ihrer Heimat bereits die Genehmigung für aktive Sterbehilfe besorgt hat. Verwoort denkt aufgrund ihrer Schmerzen (unheilbare und fortschreitende Muskelerkrankung Progressive Tetraplegic und Reflex Simpatic Dystrofie) über den Freitod nach.
Verwoort ist in Belgien ein Superstar, sie wurde in ihrer Heimat bei der Wahl zum Sportler des Jahres Zweite hinter Fußballstar Kevin de Bryune und bei der Kür zur „Women of the Year“ durch das populärste belgische Monatsmagazin ebenfalls Zweite hinter Angela Merkel. In einem Interview erzählte sie:
„Ich träume oft vom Tod. Wenn ich mich wahnsinnig schlecht fühle, möchte ich sterben. Wie lange ich das noch aushalte? Keine Ahnung. Ich weiß nur, wie es sein wird, wenn es soweit ist. Jedenfalls stelle ich mir vor, ich bin bei einer Operation, der Arzt gibt mir eine Narkosespritze, ich schlafe langsam ein und wache eben nicht mehr auf. Meine Eltern und Freunde werden am Bett stehen. Mein Testament ist fertig, die Abschiedsbriefe sind geschrieben. Keiner soll weinen. Alle sollen froh sein, dass ich nicht mehr leiden muss. Mit Champagner sollen sie anstoßen. Meine Asche soll auf Lanzerote verstreut werden. Es ist der Ort, der mir Frieden und Ruhe gibt.“
3. Wird die aktive Sterbehilfe nur bei Todkranken angewendet?
Die Leiden des Patienten müssen laut Gesetz „anhaltend, unerträglich und unlinderbar“ sein. Das gilt nicht nur für Krebskranke im Endstadium, sondern auch für Menschen mit bestimmten chronischen Krankheiten. In den vergangenen Jahren wurde etwa einer 24-jährigen Depressiven und einem psychisch kranken Sexualverbrecher Sterbehilfe versprochen.
4. Wer beantragt in Belgien Sterbehilfe?
In der Mehrzahl der Fälle sind die Betroffenen älter als 70 Jahre und leiden unheilbar an Krebs. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2014 dürfen nicht nur Erwachsene, sondern auch Minderjährige ohne Altersbeschränkung um Sterbehilfe bitten. In diesem Fall müssen aber die Eltern ihr Einverständnis geben.
5. Wie viele Ärzte müssen der Sterbehilfe zustimmen?
In jedem Fall muss der behandelnde Arzt einen Fachkollegen um Rat bitten. Bei chronischen, aber nicht tödlichen Krankheiten muss ein zweiter Arzt hinzugezogen werden, bei Minderjährigen außerdem ein Kinder- und Jugendpsychiater.
6. Wie hat sich die Zahl der Sterbehilfe-Fälle in den vergangenen Jahren entwickelt?
Sie ist sehr stark gestiegen. Im Jahr 2003 gab es 235 Fälle, zehn Jahre später waren es schon 1807. Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 wird jedoch nur etwa jeder zweite Fall im flämischsprachigen Teil Belgiens auch gemeldet.
7. Wer prüft, ob alles nach den Bestimmungen abläuft?
Nach dem Tod des Patienten muss der behandelnde Arzt die Krankenakte innerhalb von vier Tagen einer staatlichen Sterbehilfe-Kommission vorlegen. Das 16-köpfige Gremium aus Juristen und Medizinern prüft dann, ob die Sterbehilfe in dieser Form legal war. Wenn nicht, leitet die Kommission den Fall an die zuständige Staatsanwaltschaft weiter.

(RP/dpa)

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