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Krankenkassen sollen künftig Down-Syndrom-Selektion (wird natürlich nicht so genannt) bezahlen

Down-Syndrom

Krankenkassen sollen künftig Down-Syndrom-Selektion (wird natürlich nicht so genannt) bezahlen

Lebenshilfe-Vorstand nennt vorgeburtliche Bluttests „Riesenfehler“.

Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski am 27.01.2017 bei der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski am 27.01.2017 bei der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Schwangere Frauen sollen Bluttests vor der Geburt auf ein Down-Syndrom des Kindes künftig unter engen Voraussetzungen von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt bekommen. Das beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kassen und Kliniken als oberstes Entscheidungsgremium am Donnerstag in Berlin. Möglich sein soll die neue Kassenleistung aber „nur in begründeten Einzelfällen“ für Frauen mit Risikoschwangerschaften nach einer ärztlichen Beratung, verbunden mit bestimmten verpflichtenden Informationen.

Durch die „sehr engen Voraussetzungen“ werde klar und eindeutig geregelt, dass der Bluttest nicht als ethisch unvertretbares „Screening“ eingesetzt werde, sagte der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken. Ziel ist es laut G-BA, Risiken einer sonst erforderlichen invasiven Untersuchung zu vermeiden.

In Anspruch genommen werden kann die neue Kassenleistung vorerst noch nicht – zunächst muss voraussichtlich Ende 2020 die verpflichtende Versicherteninformation beschlossen werden. Auch das Bundesgesundheitsministerium muss die Beschlüsse billigen.

„Ein Riesenfehler“

Kurz zuvor hatte Lebenshilfe-Vorstand, Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski erneut vor vorgeburtlichen Trisomie-Bluttests gewarnt. „Da ist schon die große Gefahr dabei, weil die Menschen dann aussortiert werden, und das ist eben ein Riesenfehler“, sagte Urbanski am Donnerstag dem SWR. Dadurch bestehe das Risiko, dass es irgendwann gar keine behinderten Menschen mehr auf der Welt gebe, warnte Urbanski, der selbst das Down-Syndrom hat. Er wehrte sich außerdem gegen Vorverurteilungen: „Mein Leben ist großartig, denn so kann ich sehr vieles erreichen.“

Urbanski forderte gute Beratung und Aufklärung für werdende Eltern, damit sie wüssten, was mit einem Kind mit Down-Syndrom auf sie zukomme.

Eltern unter Druck

Corinna Rüffer, Sprecherin für Behindertenpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sieht die Debatte mit der heutigen Entscheidung für nicht beendet. Auch mit Blick auf künftige Tests „müssen wir dringend die Grenzen und Bedingungen molekulargenetischer Testverfahren in der Schwangerschaft festlegen. Der Bundestag wird den Prozess weiterführen, der mit der Orientierungsdebatte im April begonnen hat. Dazu hat der G-BA das Parlament selbst aufgefordert.“

Rüffer weiter: „Ich halte die heutige Entscheidung des G-BA inhaltlich für falsch: Die Kassenübernahme des Tests suggeriert, er sei sinnvoll. Deshalb werden ihn Schwangere vermehrt nutzen. Wer ihn nicht machen möchte, wird sich eher rechtfertigen müssen. Zwar sagt der G-BA, ein Screening sei nicht gewollt. Doch er hat die ,Risikogruppe‘, für die der Test künftig finanziert wird, nur wachsweich eingegrenzt.

Eine breite Anwendung des Tests birgt weitere Risiken: Würden alle Schwangeren den Test machen, bekämen 20 Prozent ein falsches Ergebnis. Denn je jünger die Schwangere, umso wahrscheinlicher ist ein falsch-positives Ergebnis. Und schließlich ersetzt der Test entgegen aller Behauptungen das invasive Verfahren nicht grundsätzlich: Ein positives Ergebnis muss invasiv abgeklärt werden.

Menschen mit Trisomie 21 sind genau so glücklich oder unglücklich wie Menschen ohne Trisomie. Schwangeren zu suggerieren, es sei ein Risiko, solch ein Kind zu bekommen, ist falsch.

Ich halte es für falsch, dass der G-BA heute eine Entscheidung getroffen hat. Der G-BA weiß, dass sich der Bundestag mit dem Thema befasst und Vorschläge zu erwarten sind, wie künftig mit molekulargenetischen Tests verfahren werden soll. Deshalb wäre es angemessen gewesen, das Verfahren ruhend zu stellen – zumal der G-BA selbst angemahnt hatte, dass Entscheidungen wie diese fundamentale ethische Grundfragen berühren und deswegen das Parlament entsprechend Regelungen treffen sollte.“

(RP/mit Materialien von dpa)

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