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Liebe bringt alles ins Rollen

Kultur

Liebe bringt alles ins Rollen

Ein Mann täuscht vor, im Rollstuhl zu sitzen, um eine Frau zu erobern. Doch deren Schwester ist tatsächlich Rollstuhlfahrerin… Interview mit Franck Dubosc, dem Hauptdarsteller und Regisseur der neuen Kino-Komödie aus Frankreich.

Heute startet in den Kinos eine Komödie, die wie „Ziemlich beste Freunde“ aus Frankreich kommt: „Liebe bringt alles ins Rollen“ (Originaltitel: „Tout le monde debout“, übersetzt: Steht alle auf). Darum geht es in dem Film:

Jocelyn – gespielt von Franck Dubosc, der auch das Drehbuch schrieb und Regie führte – ist ein smarter Geschäftsmann. Er sitzt beim Essen mit seinem Freund Max (Gérard Darmon), um von seinem neuesten Abenteuer zu berichten, als sein Bruder Lucien (Laurent Bateau) anruft. Ihre Mutter Odette ist verstorben.

Mit Verspätung und in salopper Kleidung erscheint Jocelyn zur Beerdigung. Lucien drängt seinen Bruder, vor dem Verkauf noch einmal das Haus der Mutter zu besuchen. Als er dort in Erinnerungen schwelgt, überrascht ihn die neue Nachbarin Julie. Jocelyn sitzt gerade zufällig im Rollstuhl seiner Mama. Die junge, attraktive Krankenpflegerin verkennt die Situation, und Jocelyn nutzt die Gunst der Stunde und gibt vor, Rollstuhlfahrer zu sein. Warum sollte er nicht einmal versuchen, für die nächste Eroberung die Mitleidskarte auszuspielen?

Doch das Daten mit dem Rollstuhl läuft für Jocelyn anders als gewohnt. Julie verfällt nicht dem holprigen Charme des viel älteren Mannes. Stattdessen lädt sie Jocelyn zu einem Besuch bei ihrer Familie ein, mit dem Hintergedanken, ihn ihrer Schwester Florence (Alexandra Lamy) vorzustellen.

Der ahnungslose Jocelyn will unbedingt an seinen Eroberungsplänen festhalten und sagt zu. Als er in seinem Rollstuhl bei Julies Familie eintrifft, muss er zu seiner großen Überraschung feststellen, dass Florence ebenfalls im Rollstuhl sitzt. Florence liebt klassische Musik, spielt Tennis und führt ein unabhängiges Leben. Sie und Jocelyn scheinen nichts gemeinsam zu haben und ganz sicher nicht den Rollstuhl. Doch Jocelyn schaut Florence mit den Augen eines Mannes an – und ihr gefällt das.

Falscher Rollstuhlfahrer: Franck Dubosc, echte Rollstuhlfahrerin (im Film, nicht im wahren Leben:) Alexandra Lamy. (Foto: NFP)

Falscher Rollstuhlfahrer: Franck Dubosc, echte Rollstuhlfahrerin (im Film, nicht im wahren Leben:) Alexandra Lamy. (Foto: NFP)

Er hingegen ist noch nicht bereit, den Schritt aus seiner Festung aus Lügen und Selbstbetrug zu wagen. Eine Festung, die aus einer Reihe Freud’scher Probleme besteht – die Angst vor dem Älterwerden, die nicht verarbeitete Trennung seines Vaters von der Familie und der Tod seiner Mutter. So hat Jocelyn im Laufe der Zeit allen Respekt verloren. Den Respekt gegenüber seinen Angestellten, wie seiner Sekretärin Marie (Elsa Zylberstein), gegenüber Frauen und viel schlimmer noch, den Respekt vor sich selbst. Der einzige, dem er sich offen anvertraut, ist Max (Gérard Darmon). Er ist es auch, der Jocelyn davor warnt, weiter den Behinderten zu spielen.

Das Wunder bleibt aus

Doch Jocelyns Interesse an Florence wächst. Sie zeigt ihm ihre Welt und zwingt ihn zu erkennen, was es bedeutet, mit einer Behinderung zu leben. Er muss erkennen, Florence ist nicht nur witzig und selbstbestimmt, sie „denkt schneller, bewegt sich schneller und lebt mehr als” er es je getan hat. Jocelyn kann es nicht länger leugnen: Er hat sich verliebt. Das zwingt ihn, endlich ehrlich zu sein – gegenüber sich selbst und insbesondere gegenüber Florence. Doch wie schafft er es aus einem Leben voller Lügen und Selbstbetrug auszubrechen, in dem er sich so gut eingerichtet hat? Jocelyn versucht es mit einem Wunder. Gemeinsam mit seinem Freund Max und seiner Sekretärin Marie fährt er mit Florence nach Lourdes, dem katholischen Wallfahrtsort im Südwesten Frankreichs. Dort soll aus Jocelyn, dem „Rollstuhlfahrer“, Jocelyn der „Gehende” werden.

Was er allerdings nicht weiss, Florence hat ihn längst durchschaut. Aber sie tut so, als würde sie seine Lüge nicht bemerken. Warum sollte man diesen liebevollen Blick nicht ausnutzen, warum sollte man nicht im Hier und Jetzt leben und diese Situation genießen, die so gut tut? Jedenfalls so lange, bis die Wahrheit ans Licht kommt und Jocelyn auf seinen beiden Beinen vor ihr steht. Dann wird sie ihn verlassen müssen.

Er bringt es nicht übers Herz, das „Wunder” geschehen zu lassen. Aber als er auf dem Rückweg von Lourdes in einer kritischen Situation Florence’ Leben retten will, bleibt ihm nicht anderes übrig, als aufzustehen und loszulaufen. In diesem Moment wird ihm klar, was er verloren hat und dass seine eigene, seelische Behinderung viel schwerer wiegt als irgendeine körperliche Beeinträchtigung. Er entschuldigt sich bei Florence – und er wird sie erst wiedersehen, als er selbst vor seiner größten körperlichen Herausforderung steht: dem New York Marathon. Gerade als Jocelyn aufgeben will und seine Beine ihn nicht mehr tragen, ist es Florence in ihrem Rollstuhl, die ihm hilft. Gemeinsam rollen sie durchs Ziel. Sie sind angekommen.

Hauptdarstellerin Alexandra Lamy über ihre Rolle als Florence
Alexandra Lamy (Foto: NFP)

Alexandra Lamy (Foto: NFP)

Ich musste eine Frau mit Behinderung spielen und rüberbringen, dass ich die Wahrheit weiß, dies aber nicht zeigen kann. Nun, und dann musste ich auch noch lernen, Geige zu spielen und – was noch viel schlimmer war – Tennis im Rollstuhl spielen. Das Tennis-Match ist eine der Schlüsselszenen im Film, denn in ihr verliebt sich Jocelyn in sie, während er ihr beim Spielen zusieht. Und der Zuschauer sollte möglichst das Gleiche fühlen wie Jocelyn: Diese Frau ist eine Kämpferin, sie ist das personifizierte Leben. Ich habe mich gegen ein Körper-Double ausgesprochen, um wirklich glaubwürdig zu wirken. Das war mir sehr wichtig.

Um mich auf die Rolle vorzubereiten, habe ich mich zunächst daran gewöhnt, zu Hause mit dem Rollstuhl klarzukommen. Dort ist natürlich nichts auf einen Rollstuhl ausgelegt… Ich versuchte, einige automatische Reflexe und Handgriffe zu lernen. Dann habe ich mit einem Tennistrainer in Südfrankreich trainiert. Zwei Stunden am Tag, einen Monat lang. Eine ehemalige Spielerin und Meisterin, die in der Region lebt, lieh mir netterweise ihren Rollstuhl und gab mir einige Tipps. Dann trainierte ich mit Emmanuelle Morch, die für das französische Nationalteam bei den Olympischen Spielen in Rio angetreten war. Darüber hinaus, dass sie mir noch viel beibringen konnte, war es eine großartige Begegnung. Sie hat mich sehr mit ihrer Vitalität und ihrem sonnigen Wesen inspiriert. Trotz aller Schwierigkeiten: Ich habe es wirklich sehr genossen, mich auf diese Art vorzubereiten.

Ob t das Sitzen im Rollstuhl meine Art zu spielen änderte? Ich habe die Frisöre und die Maskenbildner tatsächlich gebeten, sich auf meinen Oberkörper zu konzentrieren, denn dort findet ja alles statt. Ich habe sehr viel an meinem Lächeln gearbeitet. Ich wollte, dass Florence strahlt, sodass ihr Gesicht alleine schon die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich ziehen könnte. Dann habe ich versucht und gelernt, meine Beine nicht mehr zu benutzen. Zu vergessen, dass ich sie habe. Zu vergessen, dass ich sie verwendet habe, um zu gehen. Das ist wirklich nicht einfach.

Alles ist möglich, wenn man es will. Man muss kämpfen. Ich denke, das ist die sehr optimistische Botschaft des Films. Und dann ist da natürlich noch die Liebe, die über allem steht. Es klingt vielleicht ein wenig klischeehaft, aber Liebe kann Unterschiede überwinden und Grenzen einreißen – auch heutzutage.

Interview mit Franck Dubosc: „Im Rollstuhl ist er definitiv schöner als in seinem protzigen roten Porsche“

Franck Dubosc (Foto: NFP)

Franck Dubosc (Foto: NFP)

Der 1963 in Le Petit-Quevilly (Frankreich) geborene Schauspieler und Komiker zeichnet in gleich vier Funktionen für den Film „Liebe bringt alles ins Rollen“ verantwortlich: als Produzent, Drehbuch-Autor, Regisseur und Hauptdarsteller.

Wann kamen Sie zum ersten Mal auf die Idee, Regie bei einem Film zu führen – und warum?

Ich wollte immer und nie Regie führen. Immer, weil meine erste Berührung mit der Welt des Films hinter einer Super-8mm-Kamera begann. Ich war 14 Jahre alt, schrieb die Drehbücher, die man in diesem Alter halt so schreibt und verfilmte sie. Und nie, weil ich schnell feststellte, dass man als Regisseur auch immer Chef ist; und das ist etwas, das ich nie sein wollte.

Über die Jahre, in denen ich als Schauspieler arbeitete, kamen immer wieder Leute zu mir und sagten: „Du schreibst Fernsehshows und führst Regie – und du schreibst Drehbücher. Du solltest auch bei diesem Film die Regie übernehmen.“ Meine fast schon automatische Antwort war dann immer, dass ich es irgendwann einmal versuchen würde, wenn ich den passenden Stoff hätte. Heute, nachdem ich diesen Schritt gemacht habe, sehe ich mich immer noch nicht als Regisseur. Ich bin der Regisseur von „Liebe bringt alles ins Rollen“.

Man muss demütig und bescheiden bleiben. Aber ich muss auch sagen, dass mich nichts anderes zuvor derart aufgeregt, begeistert und ausgefüllt hat.

Wie ist die Idee zu „Liebe bringt alles ins Rollen“ entstanden? Jemand, der in einem Rollstuhl sitzt, muss ja nicht zwangsläufig gelähmt sein – oder gibt es da ein persönliches Motiv?

Die Idee zum Film beruht tatsächlich auf zwei Umständen. Und beide sind sehr persönlich. Eines Tages fand sich meine Mutter in einem Rollstuhl wieder – weil sie aufgrund ihres Alters nicht mehr gut zu Fuß war. Der Rollstuhl, dieses Symbol der Behinderung, wurde für sie zu einem Ausweg, weil sie endlich wieder aus dem Haus konnte. Aber sie beschwerte sich: „Damit kann ich nicht zum Weihnachtsmarkt fahren. Da gehen Treppen hoch“ und so weiter. Da wurde mir etwas klar: Was ein echter Lebensretter sein kann, kann auch zum Hindernis werden. Ich musste an all die körperlich beeinträchtigten Menschen denken, die täglich damit konfrontiert sind.

Zweitens wollte ich immer eine Liebesgeschichte erzählen, in der die Unterschiede nicht kulturell oder sozial, sondern physisch bedingt sind. Das ist ein Thema, über das ich viel nachgedacht habe und das mich fasziniert. Wie wäre es, sich in jemanden zu verlieben, der körperlich beeinträchtigt ist? Da stellt man sich eine Zukunft vor, die gelinde gesagt kompliziert sein könnte. Wäre die Liebe stärker als rationale Beweggründe? Ich glaube schon. Und deswegen wollte ich diesen Film machen.

Dieser körperliche Unterschied zwischen den Protagonisten ist also das Herzstück Ihres Films?

Dieses Thema hat mich immer angezogen. Als Kind habe ich mich in ein Mädchen verliebt, das sehr stark geschielt hat. Alle haben sich über sie lustig gemacht, aber ich habe sie mit anderen Augen gesehen, wenn man das so sagen kann. Ich habe erkannt, dass ihr Anderssein ein Vorteil war; es hatte Charme. Aber ich weiß auch, dass es Mut erfordert, ein solches Anderssein zu akzeptieren, mit Jemandem sein Leben zu verbringen, der anders ist, ihn oder sie zu lieben. Ich weiß nicht, ob ich diesen Mut hätte.

Ist der französische Titel ein Verweis auf den Versprecher des Sängers François Feldman während des 10. Telethons (Anmerkung: sehr erfolgreiche Spielshow) im französischen Fernsehen?

Unser Arbeitstitel war „Lève-toi et marche” („Steh auf und geh”), aber mir klang das nicht würdevoll genug. Der Titel wiederholt tatsächlich das, was François – der übrigens ein Freund von mir ist – gesagt hat. Alle haben über diesen Versprecher gelacht, den er sich da vor Menschen geleistet hat, die eben nicht aufstehen können. Im Endeffekt war es aber eine sehr positive Sache, glaube ich. Ob man aufsteht oder nicht ist ja auch eine mentale Frage. Außerdem sagt meine Figur im Film über Florence, die beeinträchtigt ist: „Sie denkt schneller, bewegt sich schneller und lebt mehr als wir.“ Damit meint er: „Sehr viel mehr als ich.“

Hatten Sie Angst, dass der Fokus auf eine Behinderung in einer Komödie in gewisser Weise gefährlich sein könnte?

Hatte ich. Zu Beginn habe ich bei jeder Seite, die ich schrieb, daran gedacht und darauf geachtet. Aber als ich tiefer in die Story eingetaucht bin, habe ich es total vergessen. So ist es ja auch im echten Leben. Wenn man eine Person trifft, die körperlich beeinträchtigt ist, ist man zunächst sehr bedacht darauf, was man sagt. Aber sobald die Beziehung etwas fester ist, achtet man nicht mehr darauf. Alles andere würde bedeuten, dass man die Unterschiede nicht akzeptiert, dass man eine Distanz zur anderen Person hält. Es war mir ein wichtiges Anliegen, mich über niemanden lustig zu machen. Ich hoffe, das kann man im Film klar sehen.

Wollten Sie über den Charakter Jocelyn auch Klischees und Vorurteile angreifen?

Ja, natürlich. Ich wollte all die dummen Sachen zeigen, die aus Ignoranz gesagt werden, und die verschwinden, sobald man mit Liebe auf die andere Person schaut. „Tout le Monde debout“ (Steht alle auf) ist auch ganz explizit an Jocelyn gerichtet. Der Titel sagt zu ihm: Steh’ auf, erhebe dich. Denn am Ende ist er mit Sicherheit der mit der größeren Beeinträchtigung.

Die meisten Ihrer Charaktere wiederholen öfter, dass es nicht in Ordnung ist, über eine Behinderung zu lügen. Ist das eine Frage der Moral – oder des Betrugs?

Des Betruges. Ich wollte eine Situation schaffen, die man schwer vergeben kann, aber die trotzdem „vergebbar“ sein kann. Er betrügt sie. Doch sie sieht lediglich die – einfache – Lüge, weil sie ihm vergibt. Sagen wir einfach, dass diese Lüge, die zu seinem Betrug führt, im Endeffekt für ihn schwerer wiegt als für sie.

Woher kam die Idee für diesen Charakter: Ein Lügner, Schwindler, der eigentlich erfolgreich ist, aber konstant versucht, jemand anderes zu sein?

Sein Bruder sagt zu ihm: „Du liebst sie nicht; deswegen versteckst du dich.“ Er sieht andere Menschen nicht, weil er sich selbst nicht in die Augen sehen kann. Er ist voller Fehler. Wir können davon ausgehen, dass das, was er versteckt, sehr viel interessanter ist als das, was er uns sehen lässt. Das ist sicher das wichtigste autobiographische Element in dem Film. Ich mag mich selbst nicht sonderlich, obwohl ich mit der Zeit gelernt habe, mich zu schätzen. Ich habe mich oft selbst belogen. Ich konnte mich nicht im Spiegel ansehen. Ich war nie ich selbst, wenn ich auf andere attraktiv wirken wollte. Jemand anderes zu sein war sehr viel befriedigender. Außerdem wollte ich, dass Jocelyn in seiner Lüge schöner wird, als er in der Realität ist. Er ist eigentlich ein eher hässlicher Mensch. Im Rollstuhl ist er dann definitiv schöner als in seinem protzigen roten Porsche.

Sollte „Liebe bringt alles ins Rollen“ von Anfang an eine Komödie werden?

Wie bei meinen Shows habe ich mit dem dramaturgischen Höhepunkt begonnen, also mit dem am Ende knapp vermiedenen Unfall. Von dort arbeitete ich mich zurück und fügte die Comedy ein. Aber es gibt auch viel Zärtlichkeit und Liebe in dieser Geschichte. Es ist eben eine romantische Komödie.

Es gibt eine sehr schöne Szene, sehr romantisch, die in einem Swimmingpool stattfindet. Haben Sie die genauso geschrieben, wie wir es jetzt am Ende im Film sehen?

Romantik im Kinoformat: Höchstarbeit für die Techniker. (Foto: NFP)

Romantik im Kinoformat: Höchstarbeit für die Techniker. (Foto: NFP)

Ja, es war genauso geschrieben. Und ich muss ein großes Lob an alle unsere Techniker aussprechen. Wir suchten nach einem Haus mit Pool, dessen Abdeckung per Fernbedienung in das Wasser versenkt werden kann. Warum? Weil ich mir Gedanken darüber machte, wie die beiden das erste Mal miteinander schlafen würden. Aus verschiedensten Gründen wollte ich nicht, dass es in einem Bett geschieht. Im Pool schweben sie. Wenn ihre Rollstühle auf den Grund sinken, sind sie von allen Beschränkungen befreit.

Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Hauptrolle im Film: Sie hatten viele Funktionen in dieser Produktion. Wollten Sie die Kontrolle über alles behalten?

Ich musste diese Rollen ja nicht alle zur selben Zeit ausfüllen. Als ich das Drehbuch geschrieben habe, wusste ich noch nicht, ob beziehungsweise dass ich Regisseur oder Schauspieler im Film sein werde. Gott sei Dank! Denn so habe ich mir die Rolle nicht auf den Leib geschrieben. Darunter hätte möglicherweise die Story gelitten. Als ich mit dem Schreiben fertig war, entschied ich mich, Regie zu führen. Und dann hat der Regisseur sich selbst gefragt, ob er mich als Schauspieler anheuern sollte. Unsere Finanziers rieten mir, es zu tun.

Welche Schwierigkeiten haben Sie als Regisseur erlebt, die Sie nicht haben, wenn Sie „nur“ Schauspieler sind?

Abgesehen von der Tatsache, dass man natürlich mehr Arbeit hat, war es für mich besonders schwer, als Regisseur-Schauspieler sagen zu können: „Aus, dieser Take war gut.“ Wenn man Regisseur und Schauspieler gleichzeitig ist, kann man sich auf niemanden außer sich selbst verlassen. Man muss sich selbst einschätzen und bewerten können. Man muss sich also direkt nach der Szene alle Takes ansehen – das tue ich nie, wenn ich nur spiele. Ich hasse es sogar.

Zu Beginn der Dreharbeiten habe ich mich selber vernachlässigt. Ich wollte selber nicht zu viele Versuche pro Szene machen, um keine Zeit zu vergeuden. Für mich, der ohnehin niemals zufrieden ist, war das wirklich kompliziert. Ich war quasi konstant am Rande der Schizophrenie. Aber dann habe ich mich irgendwann entspannt, weil die ganze Umgebung und die Leute um mich herum so gut waren.

Wie haben Sie die weiblichen Darsteller für Ihren Film ausgewählt – allen voran natürlich Alexandra Lamy, die Florence spielt?

Ich habe nach einer Schauspielerin um die 40 gesucht: gutaussehend, frisch, strahlend, voller Leben… Eine sehr gute Schauspielerin, die uns vergessen lässt, dass sie im Film beeinträchtigt ist. Ich hatte direkt an Alexandra Lamy gedacht, die alle diese Kriterien erfüllt. Der Regisseur Eric Lavaine hat mir bestimmt hundert Mal erzählt, wie einfach es ist, mit ihr zu drehen. Ich habe da ein echtes Goldstück gefunden. Sie hatte eine sehr schwierige Rolle zu spielen, nicht nur, weil sie eine Frau mit Behinderung spielt, sondern auch, weil es eine gewisse Ambivalenz gibt: Sie weiß von Anfang an, dass er lügt, aber darf sich das nicht anmerken lassen. Alexandra arbeitet unglaublich hart und beschwert sich nie.

Sie musste lernen, in einem Rollstuhl Tennis zu spielen. Sie musste lernen, Geige zu spielen. Ich bewundere ihren Enthusiasmus für alle Dinge, als seien sie ein Geschenk, und ich liebe ihre Art, zu spielen. Es war alles sehr schön.

Welche Botschaft möchten Sie mit dieser Komödie senden?

Jene, die dazu verdammt sind, nicht aufstehen zu können, sind nicht anders, als jene die es können. Sie sind nur scheinbar anders. Fundamental, im Inneren, sind sie absolut nicht anders. Ich bin bei dem Thema recht sensibel, aber ich will nicht belehren. Ich halte keine Vorlesungen. Ich wollte nur ausdrücken, dass man sich dafür interessieren sollte, wie die Menschen in ihrem Inneren sind. Wir können alle aufstehen. Wenn wir es wollen…

Vielen Dank für das Interview!

Franck Dubosc besuchte das Collège Claude Bernard und später das Lycée Val de Seine. Bereits dort entwickelte er die Teenager-Parodie des Little Reporter, eines einsamen und schüchternen Jungen, dessen Leben eigentlich schon vorgezeichnet war. Nach dem Abitur studierte er am Conservatoire à rayonnement régional de Rouen, wo er unter anderem auch Valérie Lemercier, Virginie Lemoine, Hugues Protat und Karin Viard kennenlernte.

Nachdem er 1985 seine erste Hauptrolle in „A nous le garçons“ von Michel Lang übernahm, arbeitete er als Reporter für Channel 4 in Großbritannien. Wieder zurück in Frankreich arbeitete er in den nächsten Jahren als Autor beim TV-Sender TF und gab Schauspielunterricht in Paris. 1998, nach einem längeren Aufenthalt in New York, präsentierte er seine erste Standup-Show „Du beau, du bon, Dubosc“ im Théâtre de Dix heures. Die Show war so erfolgreich, dass viele weitere an verschiedenen Theatern folgten. Dazwischen kehrte Dubosc immer wieder zum Fernsehen zurück. Für seine Rolle im Film „Camping“ (2006) wurde Dubosc von Publikum und Kritik gefeiert. Danach folgten weitere Engagements. So ist Dubosc unter anderem in „Asterix bei den Olympischen Spielen“ (2008), „Die Vollpfosten“ (2012) und in beiden Teilen von „Boule & Bill“ (2013, 2017) zu sehen. „Liebe bringt alles ins Rollen“ ist Duboscs Regiedebüt.

(RP/PM)

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2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Holger Korten

    5. Juli 2018 um 16:00

    Naja…noch konstruierter ging der Plot wohl nicht? ^^

  2. Heide Frirdich

    5. Juli 2018 um 18:14

    Is´doch egal. Der Film will wohl vor allem unterhalten.

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