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Lukas Müller: „Ich könnte auch im Grab liegen“

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Lukas Müller: „Ich könnte auch im Grab liegen“

Der querschnittsgelähmte Skispringer kehrt dieses Wochenende an den Unfallort zurück. Von Thomas Eßer

Der Skispringer Lukas Müller ist seit einem schweren Unfall im Jahre 2016 querschnittsgelähmt.

Der Skispringer Lukas Müller ist seit einem schweren Unfall im Jahre 2016 querschnittsgelähmt. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Wenn Lukas Müller vom Skispringen träumt, ist das ein schöner Traum. „Ich springe dann immer sehr gut“, sagt der 27-Jährige und lacht. „Das ist dann ein seltsamer und witziger Moment beim Aufwachen.“ Denn wenn Lukas Müller vom Skispringen träumt,  könnte das auch ein Alptraum sein. Aber so tickt der seit einem Sturz als Vorspringer bei der Skiflug-WM am Kulm 2016 querschnittsgelähmte Österreicher nicht.

„Ich habe noch immer etwas, das sich mein Leben nennt, und ich finde, das ist gar nicht einmal so schlecht“,

sagt Müller. An diesem Wochenende kehrt er an den Ort seines Unfalls zurück – mit einer Mischung aus Vorfreude und Respekt.

„Die ersten Momente an der Schanze sind meistens die, die am meisten wehtun“, sagt Müller, der beim anstehenden Weltcup zum zweiten Mal seit seinem Unfall an der berühmten Sportstätte in Bad Mitterndorf ist. „Da muss man durch.“ Eigentlich freue er sich auf den Besuch,  auch wenn natürlich Wehmut dabei sei. „Ich habe es ein bisschen ausgeblendet, dass ich jetzt mit dem Rollstuhl dahin fahre und nicht mit Skisprung-Ski“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur und spricht dann zwei Sätze, die seine Lebenseinstellung auf den Punkt bringen: „Es ist schön, überhaupt zurückkehren zu können. Ich könnte auch im Grab liegen.“ 

Der Österreicher war 2016 bei der Skiflug-Weltmeisterschaft als Vorspringer auf der österreichischen Schanze am Kulm bei starkem Schneefall mit dem Rücken auf dem Hang aufgeschlagen und hatte sich den sechsten und siebten Halswirbel gebrochen.

Begeisterung für Skispringen ungebrochen

Müller schaut nach vorne, nicht zurück. Die Lähmung ist Teil seiner Lebensgeschichte, er muss sie akzeptieren, alles andere wäre Energieverschwendung – so sieht er das. Statt sich niedergeschlagen vom Skispringen abzuwenden und zurückzuziehen, hat er in irgendeiner Weise immer noch täglich mit dem Sport zu tun. Müller wohnt am Olympiazentrum Salzburg-Rif, hat sich zum Skisprungtrainer ausbilden lassen und engen Kontakt zu den österreichischen Springern.

Noch arbeitet er nicht als Trainer, für die Zukunft kann er sich das aber vorstellen.

„Ich will nicht, dass der Rollstuhl dafür ein Ausschlusskriterium ist“,

sagt der staatlich geprüfte Vermögensberater, der als Beauftragter für Barrierefreiheit bei einem Süßwarenhersteller arbeitet und Sportrecht studiert.

Die Belange der Vorspringer liegen ihm am Herzen. Sein Unfall war zunächst als Freizeit- und erst später vom Verwaltungsgerichtshof in Österreich als Arbeitsunfall eingestuft worden. Die Vorspringer waren nicht über den Veranstalter versichert. Mittlerweile hat sich die Situation gebessert – auch, weil das Thema durch Müller öffentlich größer diskutiert wurde. Am Kulm werden alle Vorspringer zur Sozialversicherung angemeldet, teilte der Österreichische Skiverband auf Anfrage mit. Bei Wettbewerben in Deutschland sind die Athleten, die der deutsche Teammanager Horst Hüttel als „elementaren Tei“ der Wettkämpfe bezeichnet, durch eine Zusatzversicherung versichert.

Schritt für Schritt zurück ins Leben

Dank viel Übung und großen Willens kann Müller mittlerweile wieder ein paar Schritte gehen. Im Alltag hilft ihm das nicht großartig, er ist nach wie vor auf den Rollstuhl angewiesen. Die Fortschritte haben ihm aber gezeigt, was er alles erreichen kann.

Müller denkt immer noch wie ein Sportler. Skispringen kann er nicht mehr, da hat er sich neue Sportarten gesucht. Müller fährt Monoski und spielt Rollstuhl-Rugby, kann sich in Zukunft auch eine Teilnahme an den Paralympics vorstellen.

„Wenn ich die Chance sehe, dass ich in einer Sportart so gut werde, dass das Sinn macht: dann natürlich, warum nicht?“

Müller schließt wenig aus, eigentlich fast gar nichts. „Ich denke, dass es in so einer Situation wichtig ist, sich damit zu beschäftigen, welche Möglichkeiten es gibt und nicht damit, was mir alles genommen wurde“, sagt er.

(RP/dpa)

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