Kontaktieren Sie uns

Rollingplanet | Portal für Menschen mit Behinderung

„Mein verrückt geliebtes Leben“ – eine ehrliche Autobiographie nimmt Berührungsängste

Eine(r) von uns

„Mein verrückt geliebtes Leben“ – eine ehrliche Autobiographie nimmt Berührungsängste

Gerhard Köber will sich nicht von der Gesellschaft diktieren lassen, wie er zu leben hat. Darüber und über seine Leidenschaft für Wrestling, Frauen und Sex hat der Rollstuhlfahrer ein Buch geschrieben. Fabian Fuchs fragte nach.

Gerhard Köber (Foto: Privat)

Gerhard Köber (Foto: Privat)

Gerhard Köber kommt gerne zur Sache: „Anfangs versuchte ich mich noch zu beherrschen, doch dann bückte sich Meike über meinen Schoß und küsste meinen Penis. Ich lachte nur verlegen. Dann hörte ich sie fragen, ob sie mir was Schönes machen dürfe? Ich hauchte ein leises ,Ja‘ in den Raum. Meike nahm meinen Penis in den Mund und lutschte ihn hart.“ So erfahren wir es in der Autobiographie „Mein verrückt geliebtes Leben“, die der 44-Jährige vor einigen Wochen im Selbstverlag herausgegeben hat.

Köber lebt seit seiner Geburt mit einer Cerebralparese. Im Alter von sechs Jahren wanderte er mit seiner Mutter von Rumänien nach Deutschland aus. Mit 21 begann er, Gedichte zu schreiben, die es zwar nicht in die Feuilletons geschafft haben, aber ahnen lassen, dass hier ein Mann mit großen Gefühlen und Sehnsüchten sitzt. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre (BWL) in München engagierte er sich für den Show-Sport und wurde als Veranstalter innerhalb der deutschen Wrestlingszene bekannt. Aktuell widmet er sich vorwiegend seiner schriftstellerischen Tätigkeit.

In „Mein verrückt geliebtes Leben“ erzählt er von seinem Werdegang: Seiner Kindheit mit der räumlichen Trennung zu Teilen der Familie, der Pubertät mit Spastik und wie er seinen Platz im Leben gefunden hat. Köber lässt uns teilhaben an schönen wie traurigen Momenten – inklusive einer beachtlichen Auswahl an erotischen Abenteuern. Über all das haben wir mit ihm ein Interview geführt.

„Das Buch auf den Sex zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht“

Gerhard, so viel Sex in einem Buch. Bist Du ein Sex-Maniac?

Ich bin einfach ein Mann mit sexuellen Bedürfnissen, der diese ungeniert auslebt. Wäre ich nicht behindert, wäre das wohl auch die normalste Sache der Welt. In dem Buch ging es ja nicht nur um Sex, sondern auch um meine Kindheit mit einer Behinderung, meine Erfahrungen in der deutschsprachigen Wrestlingszene, meine Familie und Freunde, meine Lyrik, mein Studium und Vieles mehr. Das Buch auf den Sex zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht.

Du hast bereits mehrere Gedichtbände in Eigenregie veröffentlicht – nun also Deine Autobiographie mit gerade einmal Mitte 40. Wie kam es dazu?

Freunde haben mich schon vor Jahren dazu überreden wollen, mich nicht nur mit Lyrik zu beschäftigen und das Genre zu wechseln. Dann stellte sich die Frage nach dem Thema, und da lag meine Lebensgeschichte sehr nahe.

Gerhard Köber in Wien. (Foto: Privat)

Gerhard Köber in Wien. (Foto: Privat)

„Wenn die Chemie stimmt, spielt die Behinderung im Bett eine ziemlich unbedeutende Rolle“

In Deinem Buch erfahren wir viel über Dein ungewöhnliches Liebesleben…

Ich weiß gar nicht, ob mein Liebesleben wirklich so ungewöhnlich ist?

Na ja, viele parallele Liebschaften sind doch nicht ganz die Norm…

Wieso, weil ich behindert bin? Wenn die Chemie stimmt, spielt die Behinderung im Bett eine ziemlich unbedeutende Rolle. Natürlich ist es als Behinderter schwerer, Leute kennenzulernen, weil die Hemmschwelle höher ist.

Dann hätten wir das ja geklärt: Keine Konventionen.

Richtig. Im Januar war ich mit einer Freundin in der Therme Erding und hatte dort Sex in der Umkleidekabine und auch im Pool des Saunabereichs. Das war sehr spannend, weil es eigentlich verboten ist. Ich schere mich also nicht all zu sehr um Konventionen. Das Abenteuer in der Therme hat es nicht ins Buch geschafft und zu der Frau hab ich auch keinen Kontakt mehr. Wer an anderen Details interessiert ist, kann gerne das Buch kaufen.

Du schreibst, dass Du „polyamour“ veranlagt bist. Könntest Du Dir auch eine klassische, monogame Partnerschaft vorstellen?

Ich habe einfach festgestellt, dass ich die Fähigkeit habe, mehrere Frauen gleichermaßen zu lieben. Ich weiß auch gar nicht, was daran so ungewöhnlich sein soll? Grundsätzlich kann ich mir auch eine klassische Beziehung vorstellen, allerdings müsste ich dann für mich sehr wichtige Beziehungen aufgeben, und das möchte ich nicht.

„Auf Pflege angewiesen zu sein und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist ein ständiger Kampf“

Du hattest viele Treffen mit Escort-Damen und mit einer Sexualbegleiterin, für die Du immer extra nach Wien gereist bist. Warum ausgerechnet Österreich, und wie finanzierst Du das alles?

Ich spare einfach dafür. Meine Mutter hilft mir auch dabei, weil sie versteht, dass ich ein erwachsener Mann bin und Sex ein Grundbedürfnis ist. Die Sexualbegleiterin in Österreich hat eine spezielle Ausbildung gemacht, um besser auf die Bedürfnisse behinderter Klienten eingehen zu können. Ich brauche das zwar nicht unbedingt, aber ich fand die Frau einfach toll. Leider hat es in Österreich einen Politikwechsel gegeben und die Förderung von Sexualbegleitung wurde eingestellt. Das ist schade, obwohl es mich als Deutschen nicht direkt betrifft.

Du hast Deine ersten Kontakte meist im Internet geknüpft. Sind Dating-Plattformen im Web eine gute Anlaufstelle, um als Mann mit Behinderung eine Partnerin zu finden?

Online-Dating ist ein recht einfacher Weg, um Leute kennenzulernen, weil man von Anfang an auch intellektuell punkten kann. Als Spastiker finde ich diesen Weg wesentlich einfacher, als irgendwo auf der Straße oder in der Kneipe eine Frau anzusprechen.

Du thematisierst in Deinem Buch auch Situationen der Hilfsbedürftigkeit. Was für eine Rolle spielt diese in Deinen Beziehungen und Kontakten?

Auf Pflege angewiesen zu sein und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen ist ein ständiger Kampf. Man muss die richtigen Begleitpersonen haben, auf die man sich verlassen kann. Freunde von mir müssen akzeptieren, dass ich auf ihre Hilfe angewiesen bin und sie auch mal mit mir auf die Toilette gehen müssen. Wenn jemand dazu nicht bereit ist, wird es nicht funktionieren. Gelder für Assistenten kann man beantragen, man muss aber kämpfen.

Wie war die Resonanz von Freunden und Bekannten auf das Erscheinen des Buchs?

Die meisten Leser reagieren recht positiv und oft sogar sehr überrascht über meine Offenheit. Bei den delikateren Stellen habe ich auch die Namen geändert, um die Privatsphäre der Leute zu schüt-zen.

Woran arbeitest Du aktuell? Ist ein neues Buch geplant?

Ein konkretes Buchprojekt gibt es derzeit noch nicht, aber ich habe genug Gedichte geschrieben, um einen vierten Band zusammenzustellen. Mal schauen, was ich damit anstelle.

Was ist Dein Tipp für andere Single-Rollstuhlfahrer, denen es schwerfällt, überhaupt eine Frau kennenzulernen?

Man muss positiv denken, für seine Träume kämpfen, nicht zu stolz oder zu schüchtern sein, wenn man um Hilfe bitten muss. Ich liebe mein Leben, und diese Liebe strahle ich auch aus.

Herzlichen Dank für das Interview!

(Das Interview haben wir per E-Mail geführt.)

Gehard Köbers Autobiographie „Mein verrückt geliebtes Leben“ ist im Kamphausen Media-Verlag erschienen, kostet 14,99 Euro und umfasst 228 Seiten. ISBN: 978-3-96083-114-3

Hier lässt sich Gerhard Köbers Autobiographie online kaufen:
http://www.meine-geschichte.de/publish-books?books/ID51755/Gerhard-Koeber

Weitere Informationen zu seinen Gedichtbänden sowie Leseproben:
http://www.gefuehlsmolekuele.de

(RP)

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

Diesen Beitrag kommentieren

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiter(sc)rollen – Thema: Eine(r) von uns

Neueste Beiträge

Top-Themen

Am häufigsten gelesen

Das Aufreger-Thema

JETZT UmDENKEN!

Von 3. Dezember 2018

Neueste Kommentare

Neuestes Parkplatzschwein

Falsche Behindertenparkplatzfreunde

Wenn ein Behindertenparkplatz vermietet wird…

Von 4. Dezember 2018
Aufzug